Anzeige


Saskia Weisheitel zum BVB-Abschied: „Ich wusste, dass es nicht weitergeht“

BVB-Handball-Frauen

Saskia Weisheitel verlässt die BVB-Handball-Frauen nach sechs Jahren und wechselt nach Frankreich. Im Interview spricht sie über ihre Zeit beim BVB, ihre Wechselgründe und ihr Café.

Dortmund

, 22.06.2020, 18:00 Uhr / Lesedauer: 7 min
Saskia Wesiheitel wird den BVB nach sechs Jahren in Richtung Frankreich verlassen.

Saskia Wesiheitel wird den BVB nach sechs Jahren in Richtung Frankreich verlassen. © Ludewig

Sechs Jahre. 72 Monate. 312 Wochen. 2190 Tage. So lange hat Saskia Weisheitel das Trikot von Borussia Dortmund getragen. Zum 1. Juli verlässt die Handballerin jetzt die Borussia, kehrt nicht nur Dortmund, sondern sogar Deutschland den Rücken: In der kommenden Saison wird die Kreisläuferin, die gerade ihren 31. Geburtstag gefeiert hat, für den französischen Erstligisten JDA Dijon auflaufen. Weisheitel hat einen Zweijahresvertrag beim Tabellenachten unterschrieben. Ihr Café „herzallerliebst“ auf der Hohen Straße, in dem die Handballerin ihren Gästen seit ein paar Monaten Waffeln am Stiel serviert, wird die studierte Social-Media-Managerin aber nicht aufgeben.

Im Gespräch mit dieser Redaktion hat die Rostockerin auf die vergangenen sechs Jahre zurückgeblickt und spricht über ihre schönsten Momente, das Ende ihrer Zeit beim BVB und über ihr Café in Dortmund.

Sie wechseln nach sechs Jahren den Arbeitgeber – sind in dieser Zeit aber auch selbst einer geworden. Durch Ihren Umzug müssen die Dortmunder aber nicht auf Ihre Waffeln verzichten...

Nein! Ich habe ein super Team, die übernehmen das erstmal ohne mich. Ein paar Sachen kann ich sogar von Frankreich aus machen wie die Buchhaltung. Das ist mein Baby, das kann ich nicht abgeben nach zehn Monaten.

Ihr Café herzallerliebst auf der Hohen Straße in der Dortmunder Innenstadt behält Saskia Weisheitel.

Ihr Café herzallerliebst auf der Hohen Straße in der Dortmunder Innenstadt behält Saskia Weisheitel. © Witzig

Was ist härter? Selbstständig zu sein oder in der Bundesliga zu spielen?

(lacht) Das kann man tatsächlich nicht miteinander vergleichen. Ich liebe Handball über alles, das hat absolute Priorität. Aber wenn du selbstständig bist mit so einem Café, dann hast du nie Ruhe, du hast auf einmal eine extreme Verantwortung – auch finanziell. Also: Ich liebe Handball, aber ich liebe auch dieses Café.

Wann werden Sie Dortmund verlassen?

Mein Vertrag beim BVB endet am 30. Juni, also geht es offiziell am 1. Juli los. Aber durch die Coronakrise ist das im Moment ja alles nicht so einfach. Dijon tendiert zum 15. Juli mit dem Vorbereitungsstart und in Frankreich plant man aktuell wahrscheinlich mit dem Saisonstart im September.

Wie steht‘s denn mit Ihren Französisch-Kenntnissen?

Ich hatte Französisch in der Schule und meine Schwester wohnt seit fünf Jahren in Frankreich, ich verstehe einiges. Aber der Verein hat sich auch um einen Sprachkurs gekümmert und ich lerne jetzt schon. Es gibt in der Mannschaft zwar vier, fünf Ausländer, aber die Hauptsprache ist schon Französisch. Der Trainer und der Sportmanager sprechen kaum Englisch, glaube ich.

Um was mussten Sie sich sonst noch kümmern?

Es wird alles vom Verein organisiert, Dijon hat mir auch eine möblierte Wohnung besorgt. Ich habe meine Wohnung hier in Dortmund aber nur untervermietet – wenn ich nach zwei Jahren zurückkommen sollte, dann habe ich direkt um die Ecke von herzallerliebst mein Zuhause und kann von da aus in Ruhe planen.

Wie kam der Kontakt nach Frankreich zustande?

Ich wollte gerne ins Ausland – noch mal eine neue völlig neue erste Liga, ein neues Land, eine neue Mannschaft, einfach alles neu. Ich wollte gerne nach Frankreich oder in ein skandinavisches Land, ich komme ja aus dem Norden. Der Kontakt zu Dijon kam dann über meine ehemalige Trainerin Ildiko Barna (BVB-Trainerin von 2014 bis 2018, Anm. d. Red.) zustande. Sie kümmert sich um alles für mich. Ich musste nichts machen.


Hinter Ihnen liegen sechs Jahre BVB. 2014 sind Sie mit den Füchsen Berlin in die erste Liga aufgestiegen, danach in die zweite Liga nach Dortmund gewechselt. Hätten Sie gedacht, dass Sie so lange bleiben?

Ich bin damals aus privaten Gründen nach Dortmund gewechselt. Da war es dann aber auch die Prämisse, dass wir direkt aufsteigen und das sind wir dann auch. Es hat mir hier einfach Bock gemacht, es ist viel professioneller als bei anderen Vereinen. Ich muss auch dazu sagen: Ich hätte nie gedacht, dass mein Herz so schwarzgelb werden kann.

Saskia Weisheitel kurz vor ihrem ersten Pflichtspiel für den BVB im September 2014 in ihrem ersten Gespräch mit den Ruhr Nachrichten.

Saskia Weisheitel kurz vor ihrem ersten Pflichtspiel für den BVB im September 2014 in ihrem ersten Gespräch mit den Ruhr Nachrichten. © Groeger

Waren Sie vorher kein BVB-Fan?

Überhaupt nicht, ich komme von der Ostsee. Am Anfang habe ich gedacht, dass hier alle geisteskrank sind. (lacht) Die ganze Stadt ist schwarzgelb, wenn der BVB am Wochenende verliert, haben am Montag alle schlechte Laune. Wenn ich am Anfang mit meinen BVB-Klamotten rumgelaufen bin, haben immer alle gedacht, ich wäre ein richtiger Hardcore-Fan. Und dann hat sich das einfach so entwickelt. Ich liebe es, ins Stadion zu gehen – das ist auch einfach geil. (lacht) Und ich wusste auch gar nicht, dass ich selbst so viele Fans habe. Es haben mir so viele Leute geschrieben, als sie gelesen haben, dass ich gehe und nach Trikots gefragt.

Ein schönes Gefühl?

Ja, auf jeden Fall. Deshalb ist es auch so schlimm, dass man sich durch die Krise nicht so richtig verabschieden konnte. Du kannst dir nicht zum letzten Mal bewusst dieses Trikot anziehen, bewusst mit der Mannschaft das letzte Spiel genießen, dich nicht auf dem Feld verabschieden. Das ist schon extrem nach so vielen Jahren. Und als ich dann so viele Nachrichten bekommen habe, war ich ein paar Tage richtig traurig.

Es gab in Ihren sechs Jahren aber auch viele positive Momente. Der Aufstieg 2015, das Pokalfinale 2016, die starken Siege in dieser Saison. Welcher Moment war der schönste?

Puh, da gab es so viel in dieser Zeit. Was für mich wirklich richtig geil war: Als niemand mehr damit gerechnet hat, dass wir Platz vier für die internationalen Plätze schaffen und wir zuhause mit zehn Toren gegen Thüringen gewonnen haben und dann auch in Bietigheim (Saison 2017/2018, Anm. d. Red.). Das war schon megamäßig. Aber es gab so viele schöne Momente – und so viele Partys danach (lacht). Ich werde vieles hier vermissen.

Bereuen sie irgendetwas?

Würde ich irgendetwas bereuen, dann wäre ich nicht sechs Jahre hier gewesen.

Die sechs Jahre hätten Sie mit der Deutschen Meisterschaft und dem Pokalsieg krönen können. Daraus wurde aber nichts.

Das ärgert mich natürlich, in Summe fühlt es sich einfach völlig unvollendet an. Ich wäre mit dem Aufstieg in die erste Liga vor sechs Jahren gekommen und jetzt mit der Meisterschaft gegangen, das wäre einfach perfekt gewesen. Und ich werde nie wieder Deutscher Meister werden, das ist klar. Ich bin jetzt 31, ich spiele jetzt noch zwei Jahre und werde danach, glaube ich, aufhören. Ich kann mir vorstellen, dass mein Körper dann auch irgendwann nein sagt.

Wie haben Sie sich in den sechs Jahren persönlich weiterentwickelt?

Ich glaube, das ist immer besser, wenn das jemand anderes beurteilt. Ich schaue immer lieber nach vorne, ich habe noch so viele Ideen, was ich machen möchte.

Aber Sie sind in diesen sechs Jahren eine richtige Dortmunderin geworden, oder?

Nein! (lacht) Ich habe nur gesagt, mein Herz ist viel schwarzgelber geworden, als ich je von mir gedacht hätte. Ich komme vom Meer, mir fehlt das Wasser ungemein. Ich bin am Strand groß geworden, es wundert mich, dass ich es so lange hier ausgehalten habe (lacht).

„Am Anfang habe ich gedacht, dass hier alle geisteskrank sind.“
Saskia Weisheitel

Wie hat sich der BVB in diesen sechs Jahren verändert?

Nach dem Aufstieg und den Erfolgen haben sich natürlich die Ziele des Vereins verändert. Als ich vor sechs Jahren gekommen bin, hat, glaube ich, niemand damit gerechnet, dass wir in dieser Saison so in Richtung Deutsche Meisterschaft marschieren. Dadurch hat sich natürlich einiges nochmal professionalisiert. Aber es gibt immer Luft nach oben, das ist klar.

Wer war denn der härteste Trainer oder die härteste Trainerin in Ihrer Zeit beim BVB?

Das ist schwierig. Ildiko hat die typische Ostblock-Schule bei uns durchgezogen. Ich müsste zwischen Ildi und André (Fuhr, Anm. d. Red.) entscheiden. Aber in Summe ähneln sich einige Trainingsinhalte und Übungen in diesem Bereich auch einfach.

Wer war in diesen sechs Jahren die coolste Mitspielerin, die sie hatten?

(lacht) Die Frage ist noch gemeiner, das ist wirklich schwierig. Ich möchte da niemanden explizit nennen, es waren viele coole Mädels hier. Ich habe in der Zeit viele tolle Persönlichkeiten kennengelernt und auch viele Freundschaften geschlossen. Eine richtig enge Freundschaft ist zu Viràg Vaszari entstanden, auch weil sie noch hier ist. Die Idee mit herzallerliebst wollten wir ursprünglich gemeinsam verwirklichen. Ich habe auch noch zu einigen Kontakt, die schon länger nicht mehr hier spielen. Aber auch in diesem Jahr gab es viele Mädels, mit denen ich mich auch neben der Platte richtig gut verstanden habe.

Wann wussten Sie, dass es für Sie beim BVB nicht mehr weiter geht?

Ende Januar.

Und wann hatten Sie es im Gefühl?

Früher. Ich will da kein Datum nennen, aber manchmal merkt man das einfach. Kommt man mit dem Trainer klar oder kommt man mit dem Trainer nicht so klar? Ich kann das schon gut differenzieren, ob es ein guter Trainer für mich und mit mir ist und ob ich mich auch menschlich gut mit ihm verstehe. Manchen ist das vielleicht egal. Ich bevorzuge es, wenn beides passt, kann aber mit beidem gut umgehen. Wir verbringen einfach so verdammt viel Zeit miteinander, gefühlt sieht man die Mannschaft häufiger als den Partner zuhause. Es kann natürlich auch eine gewisse Distanz geben, einfach weil der Trainer diese Distanz zur Mannschaft wahren möchte. Das ist meines Erachtens nach einfach eine Typfrage.

Also hätten Sie gar nicht mehr beim BVB weitermachen wollen?

Ich hätte auf der einen Seite gerne noch ein Jahr beim BVB gespielt, um in der Champions League zu spielen und nach so einer geilen Saison möchte man mit diesem Team gerne weitermachen. Auf der anderen Seite wollte ich aber schon immer mal ins Ausland und es ist schwierig, den richtigen Augenblick dafür zu finden. Wann ist der perfekte Moment? Und wenn man den Augenblick verpasst, ist es zu spät und der Zug ist abgefahren.

In der Saison 2019/2020 hatten Saskia Weisheitel (2. v. l.) und die BVB-Handball-Frauen nach fast jedem Spiel einen Grund zum Jubeln - den Meistertitel hat die HBF den Borussinnen aber nicht zugesprochen.

In der Saison 2019/2020 hatten Saskia Weisheitel (2. v. l.) und die BVB-Handball-Frauen nach fast jedem Spiel einen Grund zum Jubeln - den Meistertitel hat die HBF den Borussinnen aber nicht zugesprochen. © Ludewig

Hatten Sie denn vorher schonmal die Möglichkeit, ins Ausland zu gehen?

Da habe ich mich nicht mit beschäftigt. Auch weil ich immer studiert habe, ich habe meinen Bachelor und meinen Master gemacht. Und jetzt war der Moment da: Ich wusste, dass es für mich wahrscheinlich nicht weitergeht.

Vor der Saison gab es einen großen Umbruch in der Mannschaft – sieben Neuzugänge und für Trainer Gino Smits kam in der Sommerpause überraschend André Fuhr. Hat sich die ganze Atmosphäre im Gegensatz zur Vorsaison verändert?

Es waren wirklich super viele Neue. Ich kann nicht sagen, wie es gewesen wäre, wenn Gino geblieben wäre. Fakt ist ja aber, dass Gino die Mannschaft zusammengestellt und die Spielerinnen nach Dortmund geholt hat. Natürlich ist diese Saison auch ein bisschen sein Verdienst – in Kombination mit Andreas Bartels.

Wäre die Saison denn mit Gino Smits genauso gelaufen?

Nein. Gino ist ein ganz, ganz anderer Trainer als André. Die haben zwei völlig unterschiedliche Philosophien, machen unterschiedliches Training, das wäre anders gewesen. Ich kann nicht sagen, ob wir mit ihm auch ganz oben gewesen wären. Wir hätten auf jeden Fall nicht so gespielt, wie wir jetzt gespielt haben. Damit hätten wir ja selbst nicht gerechnet. Zwischendurch habe ich immer wieder gedacht: Wir können doch nicht immer noch Erster sein.

Die Mannschaft wird in der kommenden Saison nochmal anders aussehen. Nach ihrem Wechsel gibt es mit Alina Grijseels, Johanna Stockschläder und Dana Bleckmann nur noch drei Spielerinnen in der Mannschaft, die länger als zwei Jahre im Verein sind. Gibt es in der kommenden Saison ein Identifikationsproblem?

Das möchte ich nicht beurteilen. Vielleicht identifizieren sich die Mädels ja schon nach einem Jahr mit dem BVB.

Wird der BVB im nächsten Jahr Deutscher Meister?

Ich denke, dass man das nach so einer Saison und diesem für uns unglücklichen Ende automatisch anpeilt. Es ist aber schwierig zu sagen, Bietgheim hat gut eingekauft. Und Herbert (Müller, THC-Trainer, Anm. d. Red.) wird in Thüringen auch wieder eine richtig starke Mannschaft formen. Und was Metzingen kann, wissen wir auch alle aus dieser Saison.

Werden Sie dem BVB denn aus Frankreich heraus die Daumen drücken?

Was ist das für eine Frage? (lacht) Logo, auf jeden Fall!

Zur Person:
  • Saskia Weisheitel wurde am 17. Juni 1989 in Schwerin geboren.
  • Die 1,75 Meter große Kreisläuferin spielte sechs Jahre für den BVB.
  • Erfolge mit dem BVB: Aufstieg in die 1. Bundesliga (2015), Pokalfinale (2016), Teilnahme am EHF-Pokal (2018/2019)
  • Stationen: HC Empor Rostock, TSG Wismar, SV Allensbach, Füchse Berlin, Borusia Dortmund, JDA Dijon
  • Weisheitel hat 2019 das Café herzallerliebst in Dortmund eröffnet.
  • Von Mittwoch bis Montag können Waffelliebhaber zwischen 13 und 17 Uhr die eigens kreierten WaffelPops am Stiel in Weisheitels Café (Hohe Straße 59a, 44139 Dortmund) genießen.
Schlagworte:
Lesen Sie jetzt