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Svenja Spriestersbach krempelt Leben um

Umzug nach Dortmund

Das Lebensmotto von Svenja Spriestersbach ist eine kleine Überlegung wert: „Alles nimmt ein gutes Ende für den, der warten kann.“ So lautet eine von vielen Weisheiten des weltberühmten Literaten Leo Tolstoi. Der Zentralrusse, 1828 geboren, muss schon damals Svenja Spriestersbach gekannt haben.

DORTMUND

von Von Gerd Strohmann

, 11.02.2012, 12:00 Uhr / Lesedauer: 2 min
Svenja Spriestersbach: Erfolgreichste Dortmunder Torschützin.

Svenja Spriestersbach: Erfolgreichste Dortmunder Torschützin.

Dabei darf eine junge Frau so reden, die gerade ihr Leben einmal gründlich umgekrempelt hat, die auch ein wenig Ballast abgeworfen hat. Im Dezember ist Svenja Spriestersbach nach Dortmund gezogen, sie hat geheiratet. Hier ist ab sofort ihr Lebensmittelpunkt, „hier lebt es sich gut, wir wollten unbedingt unser Zuhause in einer Stadt haben“. Nun wohnt die Handballerin von Borussia Dortmund nur einen guten Steinwurf von der Halle Wellinghofen entfernt, ihrem sportlichen Wohnzimmer. Ein Jahr lang war alles anders, da ist sie mindestens drei-, meist sogar viermal in der Woche die Sauerlandlinie hoch- und runtergebraust, am späten Nachmittag von Haiger nach Dortmund, am Abend dann von Dortmund zurück nach Mainzlar, in die Heimat.

Allein für diese Strecke meldete die Anzeige im Wagen stolze 170 Kilometer. Sie fuhr bei gutem und schlechtem Wetter, bei Sonne, Regen und Schnee, mit guter Laune und manchmal auch fürchterlich erschöpft. Abends um elf Uhr war sie zu Hause, die Freizeit war auf ein Minimum reduziert, „es war schon eine enorme Belastung“, weiter klagen will sie aber nicht, „ganz so schlimm war es nun auch nicht“. Aber ein bisschen schon. „Doch die Mühen, die langen Fahrten, es war es mir wert“. Die 30-Jährige war wieder bei der Borussia, dem Verein, bei dem sie schon von 2006 bis 2009 schöne Jahre verlebt hatte. Dann war sie nach Mainzlar gewechselt, näher in die Heimat, aber sportlich eine Bruchlandung. Mainzlar war schnell insolvent, musste die Lizenz zurückgeben, und Svenja Spriestersbach wurde wieder eine Schwarzgelbe.

Eine junge Frau, die körperlich nicht gerade übermäßig robust wirkt, die aber ungemein belastbar ist. Bei ihrem Mann, einem Physiotherapeuten und Osteopathen, arbeitet sie in der Praxis mit, die Sozialpädagogin hat ein Studium zur Supervisorin absolviert. Und genießt es jetzt, wo sie nicht mehr so viele Kilometer „fressen“ muss, dass sie deutlich ausgeruhter ist, „ich merke es körperlich, aber auch mental“. Die Zuschauer der BVB-Frauen, der ganze Verein, alle merken es. Gerade in den letzten Spielen überragte die 30-Jährige, sie spielt eigentlich durch, sie gibt der Abwehr Halt, sie wirft deutlich mehr Tore. Sie habe „die Shooterrolle wiedergefunden“, meint sie selbst, und gibt sich zurückhaltend. Da seien immer noch neben den Höhen ein paar Tiefen, „es gibt sie eben, die Innenpfosten-Nicht-Rein-Tage“.

Häufiger aber die Innenpfosten-Rein-Tage. Das ist auch gut so, denn Svenja Spriestersbach sagt über sich selbst: „Ich will immer gewinnen, ich will das Maximale.“ Ihr Blick gehe nach oben, sie könne sich schlecht mit einem Platz im Mittelfeld abfinden. Dafür sei sie nicht geschaffen, „ich will mehr“. Leo Tolstoi würde der Satz gefallen.