09 Thesen! Das sind die Gründe für den Formabfall des BVB

rnBorussia Dortmund

Schlechte Ergebnisse, wiederkehrende Fehler - Borussia Dortmund befindet sich im Formtief. 09 Thesen über den Formabfall des BVB, das Problem Sammer, Trainer Favre und die jungen Naiven.

Augsburg/Dortmund

, 03.03.2019, 10:30 Uhr / Lesedauer: 4 min

01.) Der BVB verzockt seine Titelchance fahrlässig! Aus im DFB-Pokal, wahrscheinlich raus in der Champions League und in der Bundesliga das Neun-Punkte-Polster auf den FC Bayern versemmelt. Der BVB verzockt seine Titelchancen fahrlässig. Allein die ernüchternden Auftritte bei den größten Liga-Außenseitern kosteten zehn Punkte, in Hannover (0:0), Düsseldorf (1:2), Nürnberg (0:0) und Augsburg (1:2) erzielten die Schwarzgelben gerade mal zwei Tore. Auch ohne Fußballabitur ist klar: Das ist nicht meisterlich!

02.) Favre muss spürbar reagieren! Die Maxime von Trainer Lucien Favre lautet zwischen und während der Spiele: Am Plan festhalten und Fußball spielen. „Weiter so“, sagt er. Ordnung und Spielaufbau, Verlagerungen und Durchbrüche, auf dieses Vorgehen haben sich die Gegner längst eingestellt. Jadon Sancho auf dem Flügel einfach mit zwei Gegnern zustellen, vor hohen Bällen oder Flanken muss eh kein BVB-Gegner Angst haben gegen den Zwergen-Sturm - da schwinden die Möglichkeiten wie Schnee in der Sonne. Favre muss konzeptionell reagieren, um gegen tief stehende Gegner nicht immer wieder ein blaues Auge zu kassieren.

Auch personell muss der Coach einschreiten und seine Argumente für eine Stammelf rund um 14 Spieler überdenken. Bei der Personalauswahl lag der Schweizer in den vergangenen Wochen nicht immer richtig, und was noch auffälliger ist: Sein In-game-coaching, in der Anfangsphase der Spielzeit ein großer BVB-Trumpf, zeigt keine Wirkung mehr. Die Auswechslungen erfolgen (zu) spät oder sund schwer nachvollziehbar.

03.) Einige Borussen sind müde und überspielt! Axel Witsel schleppte sich mit letzter Kraft übers Feld, um wenigstens noch den mitgereisten Fans in Augsburg ein Merci zuzurufen. Dortmunds spiritus rector scheint so langsam der Sprit auszugehen. Der Mittelfeldstratege ist offensichtlich müde, sein Spiel wird fehleranfälliger. Die Partie beim FCA war womöglich seine schwächste Vorstellung im Borussen-Trikot. Auch einem Jadon Sancho fehlen Glück und Genauigkeit. Sein Pech: Was im gelungenen Fall kunstfertig aussieht, wirkt beim Scheitern überheblich und nachlässig. Abdou Diallo, im Jahr 2019 in jeder Minute auf dem Platz, kommt längst nicht an die Form der Hinrunde heran. Diese Auflistung ließe sich mit einem Großteil des Kaders verlängern.

09 Thesen! Das sind die Gründe für den Formabfall des BVB

04.) Patzer dürfen passieren - aber nicht immer wieder! Dan-Axel Zagadou vor dem 0:1, Achraf Hakimi vor dem 0:2 - das waren die Aussetzer in Augsburg. Vor allem Außenverteidiger Hakimi reiht Pleiten, Pech und Pannen aneinander. Entscheidend seine Fehler gegen Bremen, gegen Hoffenheim, in Tottenham und auch jetzt wieder in Augsburg. „Wir schießen uns selbst die Bälle rein durch zwei individuelle Fehler“, sagte Kapitän Marco Reus nach dem 1:2 beim Abstiegskandidaten. „Wir haben zwei Tore hergeschenkt und damit absolut unnötig das Spiel verloren“, wetterte Torhüter Roman Bürki. „Wir haben zu einfache Fehler gemacht bei den Gegentoren“, sagte Sportdirektor Michael Zorc. Nun fallen Gegentore mit Vorliebe nach Fehlern, doch die Häufung in den vergangenen Wochen mutet schwindelerregend an.


05.) Die Mannschaft ist unreif! Reife und Klasse fehle dem BVB, da sei der FC Bayern im Rennen um die Deutsche Meisterschaft klar im Vorteil, attestierte Berater Matthias Sammer seinen Borussen. Übrigens bereits am Donnerstag. Die Dortmunder Mannschaft bestätigte ihn am Freitagabend frappierend. Wenn das Anrennen gegen ein gegnerisches Abwehrbollwerk auch mühsam, lästig und entnervend sein mag, darf man sich eines nicht leisten: eigene Nachlässigkeiten. Die Souveränität, mit Geduld und chirurgischer Präzision einen Gegner zu zerlegen, besitzt der BVB aktuell nicht. „Die sind einfach unreif“, ätzte Sammer in Augsburg. „Das Spiel wurde im Kopf entschieden.“ Aus juveniler Leichtigkeit ist beim BVB jugendlicher Leichtsinn geworden.


06.) Der Flow ist futsch! „Manchmal“, gestand Thomas Delaney, hätten sich die Borussen in der Hinrunde selber gewundert. „Manchmal fragst du dich nach Spielen, wie du das gewinnen konntest.“ So ging es bis vor vier Wochen. Jetzt läuft es anders herum, wie in Augsburg. „Heute fragst du dich, wie wir das nicht gewinnen konnten.“ Sein Fazit: „Der Flow ist nicht mehr da.“ Während der BVB in der ersten Saisonhälfte Spiele drehte und (glücklich) gewann, drehen sich Spielglück und Momentum derzeit oft gegen die Schwarzgelben. Diese Entwicklung fällt allerdings nicht vom Himmel, sondern hat ihre Gründe in vielen kleinen Details, die es intern zu analysieren gilt.

07.) Der BVB ist zu brav! Was sich in der Fairnesstabelle widerspiegelt, wo kein Klub weniger Gelbe Karten gesammelt hat als der BVB (27 nach 24 Spielen), gilt auch auf dem Platz und daneben. Die Borussen sind zu brav. „Augsburg hat extreme Begeisterung, Leidenschaft und Laufbereitschaft auf den Platz gebracht“, stellte BVB-Sportdirektor Michael Zorc fest. Seine eigene Mannschaft beschrieb er da lieber nicht näher. Man muss die Arroganz der Bayern oder die Aggressivität der Leipziger nicht mögen, aber ein bisschen mehr breite Brust und böse Blicke könnten schon helfen. Gerade gegen robustere Gegner. Da hat der BVB Fortschritte gemacht, aber noch nicht genug an Widerspenstigkeit zugelegt. Auch das gehört zum Lernprozess von erfolgreichen Mannschaften. Allein mit schönem Spiel wird den Dortmundern die Trendwende nicht gelingen.

Matthias Sammers Doppelrolle wird zum Problem, denn er eröffnet einen Schauplatz in der Öffentlichkeit, den der BVB wenig gebrauchen kann.

Matthias Sammers Doppelrolle wird zum Problem, denn er eröffnet einen Schauplatz in der Öffentlichkeit, den der BVB wenig gebrauchen kann. © dpa

08.) Sammers Motzki-Rolle wird zum Problem! Schonungslos, messerscharf und nachvollziehbar: Die Analysen von Experte Matthias Sammer im TV-Sender „Eurosport“ sind wertvoll. Auf die - berechtigte - Kritik stürzt sich der Boulevard mit Freude, dramatisiert sachliche Argumente als „zerlegen“, „wüten“ oder „zusammenfalten“. So wird aus Sammers Doppelrolle BVB-Berater/TV-Experte ein Problem, denn er eröffnet einen Schauplatz in der Öffentlichkeit, den der Klub wenig gebrauchen kann. Sie bringt Unruhe, Diskussionen und die dazugehörige Stimmung mit sich. Trainer Lucien Favre, nicht gerade als unsensibler Dickhäuter bekannt, dürfte sich bei wiederkehrenden Vorhaltungen fragen, warum er nicht hinschmeißen und Sammer selber übernehmen sollte. So wird es natürlich nicht kommen, doch der Nährboden für Konflikte ist bereitet.

09.) Der BVB hat mehr zu verlieren als zu gewinnen! Eine Mannschaft im Neuaufbau, ein mehrjähriger Entwicklungsprozess - das alles darf sich der BVB zugestehen. Gerade junge Spieler dürfen in ein Formtief fallen und Fehler machen, das muss die Mannschaft aushalten. Unterm Strich spielt sie bis hierher eine herausragende Saison, deutlich über den Erwartungen. Was sich nachhaltig aufdrängt ist der Eindruck, dass die Borussen inzwischen mehr zu verlieren als zu gewinnen haben. Sie selbst haben die Messlatte überraschend hoch gelegt und drohen nun daran zu scheitern. Wo der FC Bayern in dieser Saison eine Gesamtperformance hinlegt, durch die ein anderer Meister möglich ist, könnte der BVB den Schritt zum Titel gehen. Mit Verkrampfung oder dem schleichenden falschen Bewusstsein, bereits etwas erreicht zu haben, droht der Saisonendspurt in die Hose zu gehen.

Lesen Sie jetzt