Manchester City war in der Champions League dann doch den entscheidenden Tick besser als der BVB. © imago / Moritz Müller
Borussia Dortmund

Aus gegen Manchester City zeigt: BVB-Kader fehlt eindeutig die Tiefe

Borussia Dortmund zieht sich im Viertelfinale der Champions League gegen Manchester City achtbar aus der Affäre. Die beiden Spiele offenbaren aber auch: Dem BVB-Kader fehlt die Tiefe.

Im Moment der größten Enttäuschung seiner noch jungen Cheftrainer-Karriere bewies Edin Terzic sportlich und menschlich Größe. Noch auf dem Feld gratulierte er seinem Trainerkollegen Pep Guardiola und fand ein paar lobende Worte, die dem ohnehin glückseligen Spanier ein Lächeln ins Gesicht zauberten. Später gestand Terzic ehrlich das verdiente Ausscheiden seines BVB ein. „Man muss fairerweise gratulieren“, meinte der 38-Jährige, „City hat das hervorragend gespielt in den beiden Partien. Sie sind verdient in die nächste Runde eingezogen.“

Erling Haalands letztes BVB-Spiel in der Champions League?

Die große Überraschung lag zumindest für eine Spielhälfte für Terzics Borussia auf dem Silbertablett bereit. „Nach drei von vier Halbzeiten waren wir weiter“, merkte Dortmunds Trainer richtigerweise an. „Wir waren genau da, wo wir sein wollten“, meinte Mats Hummels in einem Post bei Instagram. „Wir waren näher dran an der nächsten Runde, als uns die meisten zugetraut hatten.“

Entsprechend groß waren Frust und Enttäuschung ausgeprägt – nicht nur bei Erling Haaland, für den es sogar das letzte Spiel in der Königsklasse im schwarzgelben Trikot gewesen sein könnte, wenn sich der BVB nicht für die nächste Champions-League-Saison qualifizieren würde.

Abgerechnet wurde gegen City erst ganz zum Schluss. Und es war keine ganz unerwartete Erkenntnis nach zwei Mal 90 intensiven Minuten gegen die derzeit vielleicht beste Vereinsmannschaft Europas, dass Manchester City dann doch den entscheidenden Tick besser war als der BVB.

BVB-Sportdirektor Zorc: „Haben uns kaum Luft zum Atmen gelassen“

Was die individuelle Klasse der Einzelspieler und das funktionierende Gefüge als Mannschaft auf dem Platz anbelangte, lag zwischen Dortmund und Manchester die Differenz, die sich auch im fast doppelt so hohen Marktwert des Scheich-Kaders und eines auch deutlich höheren Etats widerspiegelt. Citys Qualität, merkte Kapitän Marco Reus in einer sehr ehrlichen Analyse an, „hat man in beiden Spielen gesehen. Sie schaffen überall eine Überzahl-Situation und haben ein super Passspiel. Und wenn du einmal aufmachst, dann kontern sie dich gnadenlos aus.“ Sportdirektor Michael Zorc bekannte: „Sie haben uns kaum Luft zum Atmen gelassen, bis zur Pause haben wir das gut verteidigt, dann haben wir kaum noch für Entlastung sorgen können.

In blendender Form: BVB-Youngster Jude Bellingham. © imago / Moritz Müller © imago / Moritz Müller

Nach dem wunderschönen Führungstreffer von Jude Bellingham (15.), der in beiden Vergleichen mit der besten Mannschaft aus seinem Heimatland zeigte, welch großes Talent er besitzt, war kurzzeitig Träumen erlaubt. Wie vor gut einer Woche aber bestrafte City kleinere und größere Fehler der Borussia. Emre Cans Handspiel war zwar diskussionswürdig, aber auch nur ein Ausdruck größer werdender Probleme gegen den konstant hohen Druck auf die Dortmunder Abwehr. „Wir hatten kein Glück mit den Entscheidungen der Schiedsrichter“, so Zorc, den vor allem ärgerte, dass der Unparteiische Carlos del Cerro Grande sich die Szene noch nicht einmal am Monitor ansah.

BVB-Spieler Can unterläuft erneute ein folgenschwerer Fehler

Ab dem Wiederanpfiff reagierte Dortmund nur, mit weniger werdender Klarheit in den eigenen Aktionen. Entlastung gab es ab Minute 60 kaum noch. Mit jeder Minute, in der die Gäste eben nicht nachließen, wich in den schwarzgelben Trikots auch der Glaube, sich noch in eine Verlängerung retten zu können. „Manchester hatte schon in der ersten Hälfte die besseren Chancen“, gestand Reus. „Nach dem Ausgleich hatte City ein sensationelles Positionsspiel, wo sie dich einfach laufen lassen. Da wurde es für uns sehr schwer, überhaupt an den Ball zu kommen.“

Einige im Kader, so ehrlich muss man sein, stießen gegen einen sehr guten Gegner an ihre Grenzen. Nicht nur der junge Ansgar Knauff wirkte überfordert. Ihn in einem K.-o.-Spiel auf diesem Niveau zu bringen, damit tat Terzic dem 19-Jährigen in diesem speziellen Fall keinen Gefallen. Auch Mateu Morey hatte große Probleme, Emre Can machte bei allem zu lobenden Engagement erneut einen folgenschweren Fehler. Und wenn es der Mannschaft nicht gelingt, den besten Torjäger in Szene zu setzen, ist der Angriff limitiert.

Die Rotation wird beim BVB jetzt an Bedeutung gewinnen

Mit dem Abschneiden in dieser Champions-League-Saison kann Dortmund dennoch vollauf zufrieden sein. Nach vier Jahren des Wartens gelang wieder der Sprung ins Viertelfinale, es machte Spaß zu sehen, wie sich die Mannschaft dieser Herausforderung stellte und sie auch sichtlich genoss. Das Ausscheiden aber zeigte auch auf, wo noch die Baustellen sind. Dortmunds Kader ist bei weitem nicht tief genug besetzt, auch gegen City konnte Terzic mit seinen Einwechslungen (Reyna, Brandt, Hazard) keine Impulse setzen.

Seit Wochen im Formtief: Julian Brandt (r.) und Giovanni Reyna. © imago / Team 2 © imago / Team 2

Genau diese Spieler aber werden ihm in den entscheidenden Bundesliga-Wochen noch helfen müssen. Der Kräfteverschleiß bei Vielspielern wie Can, Bellingham, Akanji und auch Haaland ist unübersehbar, vor dem Sonntagsspiel gegen Werder Bremen wird es nicht nur darum gehen, die Köpfe wieder frei zu bekommen. Das Thema Rotation wird an Bedeutung gewinnen. Viele, die am Mittwoch auf der Bank saßen, laufen aber ihrer Form hinterher. Das ist vor einer enorm wichtigen Phase für den Klub wahrlich kein Pluspunkt.

Über den Autor
BVB-Redaktion
Dirk Krampe, Jahrgang 1965, war als Außenverteidiger ähnlich schnell wie Achraf Hakimi. Leider kamen seine Flanken nicht annähernd so präzise. Heute nicht mehr persönlich am Ball, dafür viel mit dem Crossbike unterwegs. Schreibt seit 1991 für Lensing Media, seit 2008 über Borussia Dortmund.
Zur Autorenseite
Dirk Krampe