Bartra über BVB-Abschied: „Plötzlich vom Stammspieler zum Reservisten“

rnExklusiv-Interview

Marc Bartra blickt auf 18 bewegende Monate bei Borussia Dortmund zurück. Im Exklusiv-Interview spricht er über seinen BVB-Abschied, die neue Herausforderung in Sevilla und Thomas Tuchel.

Dortmund / Sevilla

, 16.10.2020, 07:30 Uhr / Lesedauer: 4 min

In Kooperation mit „Betway Sportwetten“ hat BVB-Reporter Dirk Krampe mit Marc Bartra per Video-Interview über seine Zeit in Dortmund, den Wechsel zu Betis Sevilla und seine heutige Verbundenheit zu den Schwarzgelben gesprochen.


Mit welchen Erinnerungen denken Sie an Ihre Zeit bei Borussia Dortmund zurück?
Wann immer ich an Dortmund denke, sowohl an den Verein als auch an die Stadt, werden Erinnerungen an ein sehr, sehr gutes Jahr geweckt. Ein erstes Jahr, in dem ich sehr motiviert war und es auch das erste Mal war, dass ich Barca und somit meine Komfortzone verlassen habe. Ich erinnere mich daran, dass mich alle super gut behandelt haben. Ich erinnere mich an all die Zuneigung, die die Fans für mich hatten. Ich erinnere mich daran, dass mich meine Teamkollegen sehr gut behandelt haben und die Wahrheit ist, dass ich zu einem sehr großen Verein gewechselt bin. Es war eine großartige Zeit.


Sie kamen damals vom „großen“ FC Barcelona zum BVB. Welche Beweggründe hatten Sie seinerzeit für den Wechsel?
Ich war viele Jahre bei Barca, seit ich klein war. Ich wusste, dass ich, wenn ich Barcelona verlassen würde, an einen Ort gehen wollte, von dem ich wirklich überzeugt war. An einen Ort, der mich motivieren würde und an dem ich mich wirklich gut fühlen würde. All das Vertrauen, das Thomas Tuchel mir von Anfang an gegeben hat, die Tatsache, dass der Klub wie eine Familie ist und das sie mich unglaublich gut behandelt haben, haben mir meinen Weggang aus Barcelona viel einfacher gemacht. Mir hat auch gefallen, dass wir einen sehr attraktiven Fußball gespielt haben. Die Teamkollegen und die Fans haben es mir sehr einfach gemacht.

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Sie waren der Nachfolger von Mats Hummels, der zum FC Bayern gewechselt war. Wurde der Vergleich für Sie irgendwann zu einer Last?
Es war eine sehr große Motivation für mich. Ich bewundere die Qualität, die Mats Hummels hat. Am Ende des Tages ist er einer der besten Innenverteidiger in Europa. Für mich war es eine sehr, sehr schöne Herausforderung und sehr motivierend. Ich habe es mit großer Begeisterung aufgenommen und es sofort sehr reflektiert betrachtet. Es war ein Jahr, in dem wir den Pokal gewonnen haben. Ja, es stimmt, dass wir in der Liga nicht bis zum Ende mithalten konnten. Aber wir haben nach vielen Jahren wieder einen Titel nach Dortmund geholt und das macht mich sehr glücklich.


Wie haben Sie die Arbeit unter Thomas Tuchel empfunden?
Ich bin Thomas Tuchel sehr dankbar für das Vertrauen, das er mir gegeben hat und für alles, was er mir beigebracht hat. Ich glaube auch, dass er einer der besten Trainer in Europa ist. Ich habe viel Zuneigung zu ihm, weil er wusste, wie er das Beste aus mir herausholen kann und deshalb habe ich große Wertschätzung für ihn.


In ihrer zweiten Saison mit Trainer Peter Bosz lief es für Sie nicht mehr so rund. Was waren die Gründe?
Ja, ich erinnere mich daran, dass wir mit Peter Bosz die ersten Wochen, sogar den ersten Monat, sehr, sehr gut begonnen haben. Wir waren sogar fünf Punkte vor den Bayern und Erster in der Tabelle. Wir haben mit einer hochstehenden Abwehrreihe und mit viel Ballbesitz gespielt - den Spielstil, den er auch bei Ajax gespielt hatte. Ich erinnere mich daran, dass es das Spiel gegen Tottenham in London war, als die Zweifel begannen. Sie haben uns geschlagen - und zwar deutlich. Ab diesem Zeitpunkt kamen viele Zweifel in die Mannschaft. Außerdem gab es auch ein paar Verletzungen. Ich musste auf der rechten Abwehrseite spielen, weil Lukasz Piszczek nicht zur Verfügung stand. Diese anderthalb Monate haben uns viele Siege gekostet. Am Ende gab es einen Trainerwechsel.

Wann erwuchs in Ihnen der Gedanke, die Zelte in Dortmund abzubrechen und nach Spanien zurückzukehren?
Ein Grund dafür war auch, dass ein neuer Trainer kam. Unter diesem Trainer bin ich von einem wichtigem Bestandteil der Mannschaft, der ich über ein Jahr und mehrere Monate war, zu einem Spieler geworden, der nicht mehr gezählt hat. Ich wurde einige Male nicht in den Kader berufen. Es war auch ein sehr wichtiges Jahr für mich. Die Weltmeisterschaft stand vor der Tür - und ich wurde zu allen Spielen mit der Nationalmannschaft eingeladen. Es waren verschiedene Faktoren und es wurde nach einer Lösung gesucht. Letztlich hatte ich das Angebot von Betis, das Angebot, in die LaLiga zurückzukehren und schlussendlich wurde eine Einigung erzielt.


Waren das rein sportliche oder auch private Gründe?
Die Motive waren rein sportlich, denn wie ich bereits erwähnt habe, war es für mich persönlich ein wichtiges Jahr, auch auf Mannschaftsebene. Ich denke, ich konnte Dortmund viel geben, aber plötzlich wurde ich vom Stammspieler, der gute Leistungen gezeigt hat, zu einem Reservisten degradiert. Ich kenne den Grund dafür nicht, aber ich habe mich als Spieler mit vielen körperlichen Fähigkeiten und Erfahrung gesehen und die Wahrheit ist, dass ich gut zu der Leistung der Mannschaft bei Betis beitragen konnte, nachdem ich gewechselt bin. Und wir hatten ein tolles Team, mit dem wir die internationalen Plätze erreichen konnten, was auch sehr schön war.


Es gibt unterschiedliche Deutungen über Ihren Abschied. Wollten Sie den Neuanfang? Oder kam der Anstoß sogar vom Klub?
Nun ja, es ist ein bisschen so, was ich bereits erwähnt habe. Am Ende ziehe ich es vor, dass man sieht, dass man auf dich zählt. Außerdem passierte es fast vom einen auf den andern Tag. Von einem wichtigen Spieler zu einem, der überhaupt nicht zählt. Letzlich habe mich auch deswegen entschieden, weil ich das Angebot von Betis hatte und es mich sehr motiviert hat, in einem Team zu spielen, von dem ich das Gefühl, die Fans und die Mannschaft bewundert habe. Es ist ebenfalls ein gutes Projekt und auch ein Grund, warum es so entschieden wurde.

Wie geht es Ihnen heute? Gleich nach Ihrer Rückkehr nach Spanien wurden sie Stammspieler, privat sind Sie noch zwei Mal Vater geworden. Haben Sie mit der Rückkehr nach Spanien alles richtig gemacht?
Sowohl persönlich als auch beruflich waren die ersten sechs Monate bei Betis unbeschreiblich. Auf persönlicher Ebene, weil meine zweite Tochter geboren wurde, und sportlich, weil wir uns für Europa qualifiziert haben. Wir haben viele Spiele gewonnen, einen sehr attraktiven, schönen Fußball gespielt und auch mit allen Teamkollegen stimmt es. Bei Barcelona und in Deutschland habe ich außergewöhnliche Erfahrungen gesammelt, sowohl auf sportlicher Ebene als auch als für das Erwachsenwerden.


Sie haben in den ersten Monaten nach Ihrem Abschied über die sozialen Medien regelmäßig mit dem BVB mitgefiebert und hatten auch ein sehr enges Verhältnis zu den Fans. Wie ist das heute, wie intensiv verfolgen Sie den Klub noch, und gibt es noch Kontakt zu Mitspielern?
Ja, definitiv. Ich verfolge den BVB zu jeder Zeit, überall, und bleibe auf dem Laufenden über die Geschehnisse in Dortmund. Das Gleiche gilt für Freunde, die ich noch dort habe. Ich verfolge alle Spiele. Die Zeit war sehr intensiv. Wir fühlten uns dort sehr wohl, sowohl auf familiärer Ebene als auch in Bezug auf die Behandlung vom Verein und den Fans. Es gibt mir diese Wertschätzung und das Gefühl, dass ich ein Borusse bin.

Anmerkung der Redaktion: Fragen zum Anschlag auf den Bus des BVB im April 2017, bei dem Bartra eine Armverletzung erlitten hatte, wollte der ehemalige Dortmunder nicht beantworten. Das Kapitel sei für ihn abgeschlossen.
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