"Beim Derby bin ich zu 100 Prozent Borusse"

Rauball im Interview

Die größte Derbyerfahrung bei Borussia Dortmund hat der Präsident. Im Gespräch mit Matthias Dersch hat Dr. Reinhard Rauball für die 150. Auflage des Klassikers Schalke gegen Dortmund am Samstag (15.30 Uhr, live bei Sky) vor allem einen Wunsch: ein friedliches Duell ohne Ausschreitungen.

DORTMUND

, 28.03.2017, 14:48 Uhr / Lesedauer: 6 min
"Beim Derby bin ich zu 100 Prozent Borusse"

Dr. Reinhard Rauball geht in sein 35. Revierderby als BVB-Präsident.

Herr Dr. Rauball, am Samstag steigt das 150. Derby. Einen guten Teil davon haben Sie als BVB-Verantwortlicher aus nächster Nähe erlebt…

Ich habe das mal vor einiger Zeit überschlagen. Es müsste mein 35. Derby als BVB-Präsident sein.

Wie viel Adrenalin lässt Ihre Rolle als DFL-Präsident am Samstag zu?

Beide Ämter vertragen sich gut, da muss ich auch nichts heucheln. Ich lebe meine innere Befindlichkeit aus, wie ich es für angemessen halte. Alles andere ist eine formale Diskussion. Am Samstag bin ich zu 100 Prozent Borusse.

 

Wie sieht der DFL-Präsident Dr. Reinhard Rauball das Derby – und wie der BVB-Präsident Dr. Reinhard Rauball?

Das Spiel kreiert in meiner Rolle als DFL-Präsident keinerlei Emotionen – umso höhere allerdings als BVB-Präsident. Für die Bundesliga ist es ein hochinteressantes Spiel unter vielen anderen pro Saison. Aber ein Derby zwischen dem BVB und S04 – das ist und bleibt etwas Besonderes für mich. Das ist aber auch etwas, das man im Falle eines Misserfolges recht lange nachgetragen bekommt im Alltag. Für mich ist es das nach wie vor emotional wichtigste Spiel in einer Saison. Das hat sich über die Jahre auch nicht abgenutzt.

 

Können Sie sich noch an Ihr erstes Derby erinnern, das sie als BVB-Fan gesehen haben?

Ich weiß nicht, ob es das erste ist, das ich gesehen habe, es ist aber das erste, an das ich mich erinnern kann: das berühmte Derby am 6. September 1969 bei uns im Stadion Rote Erde. Damals biss ein Schäferhund Friedel Rausch in den Allerwertesten. Danach sagte er: „Wenn ich andersherum gestanden hätte, hätte sich der Hund die Zähne ausgebissen.“ (lacht) An das Spiel kann ich mich sehr gut erinnern. Denn ich hatte mich zuvor immer gewundert, wie es sein könne, dass die Zuschauer so nah an den Grundlinien stehen dürfen.

  Und wie wach sind die Erinnerungen an Ihr erstes Derby als Präsident?

Udo Lattek war damals in seiner ersten Saison Trainer. Ich war ja nicht nur Präsident, sondern auch als Manager verantwortlich für die Verpflichtungen von Trainer und Spielern. Da ist man natürlich deutlich näher dran, wenn man die erste Verantwortung für die hat, die über Erfolg und Misserfolg entscheiden.

 

Ousmane Dembélé musste sich nach dem Sieg gegen Ingolstadt erst einmal danach erkundigen, was mit „Derbysieg“ eigentlich gemeint sei. Für ihn und viele andere wird es das erste Spiel auf Schalke – ein Problem?

Nein, das regelt die Mannschaft intern. Unsere Führungsspieler haben ein feines Gespür dafür, wem man noch etwas erklären muss, bei wem Informationsbedarf besteht. Bei Dembélé bin ich mir übrigens sicher, dass er von unseren neuen Spielern am allerwenigsten beeindruckt sein wird.

Inwiefern?

Dembélé wird keine Sekunde darüber nachdenken, dass dieses Spiel für einen Großteil des Ruhrgebiets der wichtigste Tag des Jahres ist, sondern sich den Ball schnappen und dann das machen, was er immer macht – und das außergewöhnlich gut!

 

Auch Ihr Trainer Thomas Tuchel hat seine Derby-Lektion in seinem ersten Jahr beim BVB gelernt: Als er in der Rückrunde beim 2:2 auf Schalke stark rotierte und Stars auf die Bank setzte, kam das bei vielen Fans nicht gut an …

Er weiß um die hohe emotionale Bedeutung dieses Spiels. Man sollte deshalb nicht meinen, ihm einen Ratschlag geben zu müssen. Ich glaube, er hat mitbekommen, wie es um die öffentliche Meinung damals bestellt war. Ich bin mir sicher, dass er die aus seiner Sicht beste Mannschaft aufstellen wird, um das Derby zu gewinnen – wie auch immer das dann konkret aussehen wird.

Zu Jahresbeginn gab es viele Debatten um Tuchels Zukunft. Die vergangenen Erfolgserlebnisse haben die Lage beruhigt. Wie nehmen Sie ihn derzeit wahr?

Ich habe ihn beim Länderspiel in Dortmund noch getroffen und ihn herzlich begrüßt, so wie wir das immer machen. Ich habe nicht den Eindruck, dass das eine Diskussion ist, die von innen angeregt worden ist. Alle Beteiligten haben den Fahrplan klar benannt. In der Sommerpause werden die Gespräche geführt.

 

Zurück zum Derby: Beide Klubs trennen in der Tabelle 13 Punkte. Während der BVB voll auf Kurs ist, kämpft Schalke um Europa. Ist das Duell für Königsblau wichtiger als für Schwarzgelb?

Schalke arbeitet an einer internationalen Beteiligung, wir an der direkten Champions-League-Qualifikation. Und beide haben ihre Ziele bei Weitem noch nicht erreicht. Also brauchen beide Mannschaften die Punkte.

 

Überrascht es Sie, dass Schalke nur im Mittelfeld der Tabelle rangiert?

Ja, durchaus. Mir war klar, dass Schalke – ähnlich wie wir – personelle Veränderungen auf wesentlichen Positionen vorgenommen hat. Aber ich hatte gedacht, dass die Substanz so groß sei, dass man mit einer besseren Platzierung rechnen könne.

 

Muss man den FC Schalke 04 künftig trotzdem auf der Rechnung haben für die oberen Plätze? Schließlich scheint es, als sei nach turbulenten Jahren eine gewisse Ruhe eingekehrt.

Ruhe ist die oberste Bürgerpflicht. Es ist auf Schalke geglückt, diese Ruhe herzustellen. Trainer und Manager können in Ruhe arbeiten, die Mannschaft wird in Frieden gelassen. Man darf auch nicht vergessen, dass die Schalker in der bisherigen Saison ein enormes Verletzungspech hatten. Wenn alle Spieler zurück sind, dann kann man damit rechnen, dass der FC Schalke 04 die Erwartungen erfüllen wird.

Es ist nicht das erste Mal, dass Dortmund deutlich vor Schalke liegt. In den vergangenen acht Jahren war das sechs Mal der Fall. Hat der BVB den einst großen Rivalen vorerst abgehängt?

In jeder Saison gibt es Besonderheiten. Wir haben über das Verletzungspech gesprochen. Hinzu kommen Faktoren wie die internationale Belastung. Deshalb kann nicht die Rede davon sein, dass der BVB Schalke auf Dauer abgehängt hat. Aber eins finde ich erstaunlich …

 

Und zwar?

Im Laufe der über 100 Jahre, die es beide Klubs inzwischen gibt, hatten beide Vereine häufig nationalen Erfolg – aber es gab nie einen Zweikampf um den Titel. Dass beide gleichzeitig Erfolg hatten, gab es bislang nur 1997, als beide Klubs internationale Titel feiern konnten.

 

Auf Seite 2 lesen Sie, was Reinhard Rauball zum Reiz des Revierderbys, den intensiven Wochen im April und dem Verhältnis zu Schalke 04 auf Funktionärsebene sagt.

 

International blickt spätestens seit dem Champions-League-Finale im Londoner Wembley-Stadion alles auf den Zweikampf zwischen Dortmund und dem FC Bayern München. Ist das Süd-West-Duell inzwischen wichtiger als das Derby? Rein sportlich und wirtschaftlich ist das aktuell sicher so.

 

Sie haben eben betont, dass das Derby noch immer das emotional wichtigste Spiel des Jahres ist. Was macht den Reiz in Ihren Augen aus?

Ein Aspekt ist sicher, dass die räumliche Distanz zwischen Dortmund und Schalke so gering ist. Beide Klubs haben deshalb auch eine ähnliche gesellschaftsstrukturelle Entwicklung vollzogen. Sie fußen auf dem Malochertum hier in dieser Region, das Bergwerk und der Stahl sind wichtige Bezugspunkte. Ein großer Teil der Brisanz des Derbys liegt sicher in der gemeinsamen Herkunft begründet. Es gibt übrigens in Dortmund mehr Schalke-Fans, als man zunächst glaubt. Manch einer von ihnen ist sogar so mutig, das Abzeichen aufs Auto zu kleben – auch wenn er sich dafür auf der Arbeit oder in der Nachbarschaft etwas anhören muss. (lacht) Und diese alltäglichen Kabbeleien gehören zum Derby ja auch dazu. Das darf gerne so bleiben – unter einer Voraussetzung.

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Welche wäre das?

Es ist wichtig, dass das Derby zwar hochemotional, aber auch friedlich bleibt. Genauso wichtig wie ein positives Ergebnis würde ich daher am Samstag die Meldung einordnen, dass es rund um das Spiel keine negativen Vorkommnisse gab.

 

Sie haben gesagt, die schönsten Derbys seien für Sie stets die gewesen, die überraschend gewonnen wurden. Damit dürfte es ein Sieg am Samstag schwer haben, in Ihre Best-of-Liste zu kommen…

Ein Auswärtsspiel ist immer schwieriger zu gewinnen als ein Heimspiel. Das unterstreicht unsere Statistik gnadenlos. Wir sind daheim seit 33 Spielen ungeschlagen, auswärts haben wir dagegen in dieser Saison bereits fünfmal verloren. Und wenn wir uns an das Hinspiel erinnern, dann gab es damals ein leistungsgerechtes 0:0. Wir wissen also, wie schwer es ist, gegen Schalke zu spielen.

 

Zählt die Tabelle im Derby nicht?

Wenn ich Geld am Stammtisch bezahlen wollen würde, würde ich jetzt sagen: Ein Derby hat eigene Gesetze. Aber das ist ja auch so. (lacht)

 

Das Derby markiert den Auftakt zu einem heißen April. Der BVB muss danach unter anderem noch zweimal nach München und tritt im Viertelfinale der Champions League gegen den AS Monaco an. Insgesamt wird es neun Spiele in 27 Tagen geben …

... und jedes einzelne Spiel ist gleich wichtig. Wir wollen nichts wegschenken und schon gar keine Reservemannschaft irgendwo hinschicken. Das kommt überhaupt nicht in Frage und verträgt sich auch nicht mit meiner sportlichen Einstellung.

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Kommt es vor dem Derby mal wieder zum traditionellen Mittagessen der Klubbosse?

Das weiß ich noch gar nicht. In den vergangenen Jahren haben wir das häufiger nicht gemacht, was auch damit zusammenhing, dass Schalkes Aufsichtsratschef Clemens Tönnies sich mehrmals in den Stehplatzblock gestellt und sich dadurch – was den Tagesablauf angeht – etwas von den anderen Verantwortlichen abgesetzt hat.

 

Sie arbeiten bei der DFL seit vielen Jahren mit Schalkes Finanz-Vorstand Peter Peters zusammen, Hans-Joachim Watzke und Schalke-Manager Christian Heidel verbindet eine Freundschaft. Verändern diese persönlichen Bande auch die Beziehungen der Klubs zueinander?

Ja, aber die Beziehung auf der Funktionärsebene war eigentlich immer in Ordnung, auch wenn es mal die eine oder andere verbale Spitze gab. Dieses gesunde Verhältnis halte ich für wichtig, damit das auch auf andere Ebenen abstrahlt.

 

Hans-Joachim Watzke hat verraten, dass er den Schalker Spielertunnel „ganz cool“ findet. Gibt es etwas, dass Sie an Schalke mögen?

Ich mag alles an Borussia Dortmund, und damit bin ich hinreichend erfüllt. (lacht)

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