Bundesliga vor leeren Rängen: Der BVB und das M-Wort

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Der BVB will gewappnet sein für Tag X. Wenn in der Bundesliga wieder gespielt werden darf, soll die Mannschaft auch mental für den Endspurt bereit sein. Wird sie es sein?

Dortmund

, 29.04.2020, 07:30 Uhr / Lesedauer: 3 min

Wie fühlen sich Geisterspiele an? So gruselig wie ihr Klang? Zumindest bei der Beantwortung dieser Frage hat Borussia Dortmund einen kleinen Erfahrungsvorsprung im Vergleich zu den meisten Bundesligisten. Der BVB hat das Gefühl im Achtelfinal-Rückspiel der Champions League in Paris schon kennengelernt, Borussia Mönchengladbach hat gegen den 1. FC Köln am 11. Mai ebenfalls vor leeren Rängen gespielt. Der Rest der Liga wird emotionales Neuland betreten, wenn der Ball in der Bundesliga irgendwann wieder rollen darf.

BVB-Torhüter Bürki über Geisterspiele: „Überhaupt nicht angenehm“

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Das positivste Adjektiv, das sich in den Aussagen der BVB-Spieler finden lässt, um zu beschreiben, wie sich Geisterspiele so anfühlen, lautet vermutlich: anders. Die restliche Wortwahl fällt deutlich negativer aus. Es sei noch weniger los als bei Testspielen in der Saisonvorbereitung, sagt beispielsweise Mats Hummels, das sei total „strange“, also merkwürdig. Roman Bürki findet es „überhaupt nicht angenehm, in einem leeren Stadion zu spielen“. Und die erste Erfahrung war ja auch gleich eine sehr bittere für den BVB: 0:2 gegen Paris, Champions-League-Saison frühzeitig beendet.

Seit Mitte März wird sich bei Borussia Dortmund deshalb der Kopf darüber zerbrochen, wie die Mannschaft nicht nur konditionell und fußballerisch bestmöglich auf eine Fortsetzung der Bundesliga vorbereitet werden kann, sondern auch mental. Trainer Lucien Favre sagt: „Es ist sehr, sehr komisch. Es sind keine Zuschauer da, es gibt keine Unterstützung von den Fans. Es ist speziell für alle. Auf den Tribünen herrscht keine Bewegung. Sonst spielen wir hier in Dortmund vor über 80.000 Zuschauern, die die Mannschaft ohne Ende pushen. Wir müssen uns daran gewöhnen, dass es jetzt erst einmal ganz anders sein wird. Wir müssen auch mental vorbereitet sein. Wir sind in Stadien, die leer sind, in denen wir keinen Lärm und keine Unterstützung haben. Keine Pfiffe. Nichts.“

Dem BVB fehlen im Rückspiel gegen Paris die Extra-Prozent

Das Spiel in Paris dient dabei als Anschauungsunterricht. Und als warnendes Beispiel. Die Analyse dieser Partie hat beim BVB intern zu der durchaus frustrierenden Erkenntnis geführt, dass das Team von Paris Saint-Germain, nicht unbedingt als eingeschworene Einheit bekannt, erstens besser mit der fehlenden Atmosphäre klargekommen sei und zweitens - und das sorgt bis heute noch immer für Frust bei Borussia Dortmund - schlichtweg motivierter und aggressiver gewesen sei. Bürki gibt öffentlich immerhin zu: „Ich glaube, kein Spieler konnte das abrufen, was er eigentlich kann, weil es einfach eine ganz andere Situation war als sonst. Ich bin überzeugt, dass wir mit Zuschauern noch ein Tor gemacht hätten. Die Stimmung, vor allem die in unserem Stadion, die uns die Zuschauer geben, die pusht einen natürlich noch einmal zusätzlich nach vorne, um die Extra-Prozent rauszuholen.“

In Paris wurden keine „Extra-Prozent“ rausgeholt. Es war nicht das erste Mal, dass es den BVB-Profis misslang. Im vergangenen Herbst sahen sich die Schwarzgelben sogar mit einer Mentalitätsdebatte konfrontiert, weil sich die Mannschaft vor allem außerhalb des Signal Iduna Parks immer wieder schwer tat. Die Bundesliga-Tabelle spricht in diesem Punkt bis heute noch immer eine deutliche Sprache. Im eigenen Stadion ist Borussia Dortmund das Maß aller Dinge: unbesiegt, 30 von 36 möglichen Punkten geholt, 41 Tore geschossen, nur zehn Gegentreffer kassiert. Das „Auswärtsgesicht“ des BVB, wie es Hummels mal nannte, sieht dagegen deutlich weniger freundlich aus: sechs Siege, drei Remis, vier Niederlagen, 27:23 Tore, Platz vier im Tableau.

Muss sich der BVB vor Geisterspielen gruseln?

Das sei nicht unbedingt Zufall, heißt es bei Borussia Dortmund hinter vorgehaltener Hand - und es gibt durchaus sorgenvolle Stimmen, die befürchten, dass sich der BVB schlimmer vor Geisterspielen gruseln müsse als andere Klubs. Das liege zum einen an der außergewöhnlichen Stimmung, die die Mannschaft bei Heimspielen aber auch auswärts normalerweise antreibe, zum anderen aber auch daran, dass die Mannschaft diesen Anschub von außen für ihr Spiel vielleicht stärker benötige als andere Teams. Das geflügelte M-Wort beim BVB lautet nicht Meisterschaft, sondern Motivation.

„Fehlt dieser emotionale Push, muss sich der Sportler neu erfinden. Du musst dich selber motivieren, das ist für manche schwierig.“
Matthias Herzog

Belegen lässt sich ein solches Problem nur sehr schwer, widerlegen sowieso nur auf dem Platz. Matthias Herzog, der als Motivationstrainer schon mit vielen Unternehmen und auch Sportvereinen wie beispielsweise dem VfL Wolfsburg, Fortuna Düsseldorf oder Holstein Kiel zusammengearbeitet hat, sagt über Geisterspiele: „Der zwölfte Mann, der manchmal entscheidend ist, fehlt. Sport und Fußball leben von Emotionen - entweder von den Gästefans, die dich anstacheln, oder von den eigenen Fans, die dich anfeuern. Fehlt dieser emotionale Push, muss sich der Sportler neu erfinden. Du musst dich selber motivieren, das ist für manche schwierig.“

Die Eigenmotivation rückt in den Mittelpunkt

Dass diese Eigenmotivation in Dortmund, dem Stadion mit dem höchsten Zuschauerschnitt der Bundesliga, normalerweise weniger notwendig ist als vielleicht in Hoffenheim, Wolfsburg oder Leverkusen, wo auch mal Plätze unbesetzt bleiben, scheint zumindest nicht allzu weit hergeholt. Und wenn ein emotionaler Spieler wie BVB-Stürmer Erling Haaland sagt, dass die Gelbe Wand bei ihm regelmäßig „Gänsehaut pur“ auslöse, spricht das ebenfalls dafür, dass in Dortmund zukünftig ein besonderer Adrenalin-Kick fehlen wird - womöglich mehr als andernorts.

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Haaland, der im Hinspiel gegen Paris zum Spieler des Spiels avancierte, zwei Tore erzielte, viermal aufs gegnerische Tor schoss und 50 Ballkontakte sammelte, schoss drei Wochen später in Paris kein einziges Mal aufs Tor und kam nicht einmal halb so oft an den Ball wie im Hinspiel (23 Mal). Er sagt: „Die Gelbe Wand und all diese Fans zu sehen, das ist einfach umwerfend. Es ist eines der tollsten Gefühle, die man haben kann.“ Zukünftig wird er sich seine Glückgefühle anderweitig besorgen müssen.

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