Burgsmüller im Interview: Die Fans können ganz entscheidend werden für den BVB

rnBVB gegen Tottenham

Der BVB steht gegen Tottenham mit dem Rücken zur Wand. Manfred „Manni“ Burgsmüller weiß, wie sich Fußballwunder im Europapokal anfühlen. Er hat sie erlebt – und fleißig dazu beigetragen.

Dortmund

, 04.03.2019, 19:09 Uhr / Lesedauer: 3 min

Borussia Dortmund braucht nach der 0:3-Hinspielniederlage gegen Tottenham im Rückspiel am Dienstag, 21 Uhr, ein kleines Fußballwunder, um doch noch ins Viertelfinale der Champions League einzuziehen. Und Manfred Burgsmüller (69) weiß, was es für ein Fußballwunder braucht.

Als im Bremer Weserstadion Europapokal-Geschichte geschrieben wurde, war Manfred Burgsmüller (69) zweimal live mit dabei. Auf dem Platz. Als Spieler. Von 1976 bis 1983 hat er für Borussia Dortmund gestürmt und 158 Tore geschossen. Am Dienstag drückt er dem BVB die Daumen. Ein Gespräch über Spiele in der DDR, kaputte Fahrstühle und Tritte vor Kabinentüren.

Zwei Europapokal-Wunder mit Burgsmüller-Beteiligung fallen mir auf Anhieb ein: ein 6:2 mit Werder Bremen gegen Spartak Moskau 1987 und ein 5:0 mit Werder gegen Dynamo Berlin 1988. Hab ich was Wichtiges vergessen?

Nein, ich glaube, das müsste es gewesen sein. Aber es ist lange her. Damals war ich noch jung und schön.



Und heute?

Nur noch schön, aber auch zu selten (lacht).



Was an diesen besonderen Europapokal-Nächten ist Ihnen in besonderer Erinnerung geblieben?

Lustigerweise tatsächlich vor allem die Hinspiele, besser gesagt die Begleitumstände rund um diese Partien. Das glaubt dir heutzutage kein Mensch mehr.

Burgsmüller im Interview: Die Fans können ganz entscheidend werden für den BVB

Ein Bild aus dem Jahr 1982: Bernd Klotz (l.), Marcel Raducanu (2.v.l.) und Siegfried Bönighausen (r.) bejubeln einen Treffer von Manfred Burgsmüller (2.v.r.). 213 Bundesliga-Tore gelangen ihm in 447 Spielen. © imago

Zum Beispiel?

Als wir gegen Spartak Moskau gespielt haben, sind wir mit einer Chartermaschine von Bremen nach Moskau geflogen. Und dann hat man uns eine Flugstunde vor Moskau plötzlich runtergeholt. In Wilna. Wir sind dann erst am nächsten Tag weitergeflogen, weil wir angeblich in Moskau nicht landen konnten. Nach der Landung sind wir mit einem Bus abgeholt worden und in einen Hangar gesperrt worden. Am nächsten morgen sind wir dann weiter geflogen.



Klingt nach suboptimaler Spielvorbereitung.

Es ging ja noch weiter. In Moskau hatten wir dann ein Hotel mit 18 Stockwerken. Wir haben im 16. Stock gewohnt – und die Aufzüge waren natürlich kaputt. Das ist kein Scherz. Und dann haben wir 1:4 verloren. Aber im Rückspiel hatten wir natürlich ordentlich Wut im Bauch. Ich bin mir sicher, dass diese Begleitumstände dazu beigetragen haben, dass wir das Ergebnis im Rückspiel noch gedreht haben. Gegen Dynamo Berlin war es ganz ähnlich. Das war ja noch zur DDR-Zeit.



Hat das eine Rolle gespielt?

Was glauben Sie denn? Wir sind mit dem Bus rüber gefahren. An der Grenze sind wir erst einmal festgehalten worden und der komplette Bus ist durchsucht worden. Im Hotel sind wir durchgehend beobachtet worden. Die Stasi hat uns vom Gebäude gegenüber mit Ferngläsern überwacht. Wenn man das mit heute vergleicht, kompletter Wahnsinn!



In Berlin hat Werder 0:3 verloren, im Rückspiel gab es ein 5:0. Und es gibt die Legende, dass Sie vor dem Spiel an die Dynamo-Kabine geklopft und gerufen haben: „Jetzt kommt endlich raus, Ihr Feiglinge!“ Können Sie diese Geschichte bestätigen?

(lacht) Ja, das war wirklich so. Ich habe allerdings nicht an die Tür geklopft, sondern ordentlich davor getreten. Wir standen im Kabinengang und waren bis in die Haarspitzen motiviert. Alle waren da, auch die Schiedsrichter, nur der Gegner hat gefehlt. Und dann habe ich den Gegner eben aufgefordert, mal aus dem Quark zu kommen.

Burgsmüller im Interview: Die Fans können ganz entscheidend werden für den BVB

Ein Wunder an der Weser: Manfred Burgsmüller (2.v.l.) trifft am 11. Oktober 1988 per Kopf zum 4:0 gegen Dynamo Berlin – am Ende heißt es 5:0 für Werder Bremen. © imago

Sie kennen sich mit Europapokal-Wundern aus. Auch mit welchen nach 0:3-Rückständen. Was muss Borussia Dortmund am Dienstag gegen Tottenham liefern, damit es noch fürs Viertelfinale reicht?

Die Zeiten damals und heute sind nicht miteinander zu vergleichen. Heute kann man vor keine Kabinentür mehr treten, mit psychologischer Kriegsführung gewinnt man keinen Blumentopf mehr. Der BVB muss sich ganz auf sich verlassen, vielleicht ein frühes Tor schießen. Das ganze Stadion muss den Glauben entwickeln, dass das Wunder möglich ist. Dafür muss die Mannschaft in Vorleistung treten. Und Tottenham ist natürlich sehr gefährlich. Die Spurs können jederzeit ein Tor machen. Dann wird es sehr kompliziert.


Wie geht man in so ein Spiel? Von Beginn an volle Kapelle und offenes Visier? Oder trotz des Rückstandes mit taktischer Disziplin?

Natürlich muss der BVB nach vorne spielen, aber es muss diszipliniert sein. Bei aller Wucht nach vorne muss die Defensive trotzdem gut stehen. Das hat zuletzt nicht immer besonders gut geklappt. Wenn der Borussia ein frühes Tor gelingt, kann alles passieren.

„Das ganze Stadion muss den Glauben entwickeln, dass das Wunder möglich ist. “
Manfred Burgsmüller

Wie ist Ihr Gefühl für Dienstag?

Der BVB hat definitiv das Zeug dazu, drei Tore gegen Tottenham Hotspur zu schießen. Marco Reus kommt zurück, er kann den Unterschied ausmachen. Ich drücke die Daumen und bin sehr gespannt.



Und welche Rolle spielen die Fans? Oder welche Rolle können sie spielen?

Die Fans können ganz entscheidend werden. Wenn dich das ganze Stadion nach vorne peitscht, dann kann dir das 10 oder 20 Prozent Extraschub geben. Aber dafür musst du als Mannschaft erst einmal 100 Prozent bringen. Das ist eine Bringschuld, da müssen die Spieler in Vorleistung treten. Die Leute kommen ins Stadion, sind zunächst einmal skeptisch und denken sich, dass ein 0:3 gegen Tottenham ein ganz schön dickes Brett ist, das es zu durchbohren gilt. Aber mit dem ersten Tor kann alles kippen. Es muss nur auf der richtigen Seite fallen.

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