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Schmerzlich vermisst wird Manuel Akanji seit Mitte Dezember in der BVB-Abwehr. Wiederkehrende Hüftprobleme stoppen den Schweizer, der die Belastung seit einigen Tagen aber steigern darf.

Dortmund

, 28.01.2019 / Lesedauer: 6 min

Wir blicken auf die bisherige Karriere eines jungen Fußballers, der sich lange Zeit auch eine sportliche Karriere in der Leichtathletik oder beim Tennis vorstellen konnte - mittlerweile aber ein Führungsspieler bei Borussia Dortmund geworden ist.



Kapitel 1: Die Problemzone

Selbst langjährige Borussen gerieten kürzlich durcheinander. Der ist erst ein Jahr hier? Ja, tatsächlich. In seiner bisher kurzen Zeit bei Borussia Dortmund hat sich Manuel Akanji (23) so nachhaltig und tief ins Gedächtnis gedribbelt und geredet, dass er längst zum Kern der Mannschaft zählt. Obwohl er in der Tat erst seit zwölf Monaten, seit Mitte Januar 2018, dazugehört. „Ich habe mich hier relativ schnell eingelebt und wohlgefühlt“, sagt Akanji. Sportlich und menschlich fällt jetzt seine verletzungsbedingte Auszeit aufgrund von Hüftproblemen umso mehr ins Gewicht. „Es würde mir besser gehen, wenn ich auf dem Fußballplatz stehen könnte“, sagt Akanji im Gespräch mit dieser Redaktion. „Aber ich hoffe, so bald wie möglich zurück zu sein und werde alles dafür tun, dass es so schnell wie möglich geht.“

„Es würde mir besser gehen, wenn ich auf dem Fußballplatz stehen könnte.“
Manuel Akanji

Erstmals öffentlich bekannt machte Akanji seine Problemzone an der Innenseite der Hüfte und an den Adduktoren im Oktober. Es kam zu ungewollten Reibungen im Gelenk. Die Muskulatur reagierte immer wieder gereizt, Flüssigkeit lagerte sich ein. „Dadurch hatte ich viele Schmerzen“, erklärte er. Die Malaise war schon damals nicht neu, im Gegenteil. Er hatte die Warnsignale bereits seit längerer Zeit registriert. Immer in der Hoffnung, dass sich das Leiden irgendwie von selbst und mit Pflege erledigen würde. Doch weit gefehlt. Die Schmerzen wurden schlimmer, bis in einem Training bei der Schweizer Nationalmannschaft nichts mehr ging. Schluss. Aus. Pause. „Wegen einer Belastungsreaktion der Hüfte muss Manuel Akanji eine Belastungspause einlegen. Wir rechnen mit drei Wochen“, teilte der BVB mit. Das war am 17. Oktober.

Kapitel 2: Zu Beginn ein durchschnittlicher Fußballer

Sechs Flutlichtmasten ragen wie Pilzstängel aus dem Boden rund um den Fußballplatz des FC Wiesendangen. Vor dem Kabinentrakt deuten Treppenstufen eine Tribüne an. Eine kleine Sportanlage mit grünem Rasen in einem 5000-Seelen-Dorf. Der Boden für Akanjis Karriere. In seiner Kindheit hier, in der Nähe von Zürich, konnte er sich lange Zeit eine sportliche Karriere in der Leichtathletik oder beim Tennis vorstellen. Bis ins Teenageralter sei er nur „ein durchschnittlicher Fußballer“ gewesen, hat er einmal selber gesagt. Trotzdem kickte er so viel wie möglich, seit 2007 beim benachbarten FC Winterthur, und so oft wie möglich in der Freizeit. Dann folgte nach einem Wachstumsschub auch ein plötzlicher Leistungssprung beim Fußball. In der zentralen Abwehr konnte er seine enorme Physis noch besser einbringen, sein technisches Niveau liegt für diese Position weit über dem Durchschnitt.

Rasend schnell ging es nach oben. Mit 20 Jahren feierte er sein Debüt in der ersten Liga für den FC Basel, mit dem er 2016 und 2017 Schweizer Meister wurde, in der Champions League spielte. Seinen steilen Aufstieg stoppte nur ein Kreuzbandriss im März 2016. Aus dieser Zeit stammt auch eines seiner zahlreichen Tattoos: „Prove them wrong“ (,Zeig ihnen, dass sie falsch liegen‘). „Das ist schon lange mein Credo und ich ließ es mir während der Verletzungspause tätowieren“, sagte Akanji. Damals sei nicht klar gewesen, „ob ich je wieder ganz gesund werde und es zurück ins Team schaffe“. Er zeigte es allen Skeptikern und Kritikern, auf seine sportlich-ehrgeizige Art. Eine gravierende Erfahrung mit einem glücklichen Ausgang: Schnell fasste das 1,87 Meter große Kraftpaket wieder Tritt. Im Juni 2017 feierte er sein Debüt für die „Nati“, das Radar der Späher von Borussia Dortmund hatte ihn erfasst. Im Januar 2018 wurde er Borusse.

Kapitel 3: Die Rechnung geht zunächst auf

Im vergangenen Herbst schien Akanjis Rechnung mit der konservativen Behandlung zunächst aufzugehen. Anfang November kehrte Borussia Dortmunds Abwehrchef auf den Platz zurück bei den Siegen in Wolfsburg und gegen den FC Bayern München. Danach erklärte er auf Nachfrage, dass die Symptome zwar noch nicht verschwunden seien, das nicht. Aber er fühle sich wieder gut. „Auf dem Platz kann ich auch ohne Schmerzen spielen. Es sind dann eher die Tage danach, die etwas schwierig sind, wenn man die Belastung spürt“, verriet der Abwehrchef.

Wichtig seien Regeneration und eine sehr gute physiotherapeutische Behandlung. Die bekam er, und vorsichtshalber verzichtete er auch auf die Länderspiel-Reise in die Schweiz. „Der Innenverteidiger von Borussia Dortmund klagte nach dem Bundesliga-Gipfel gegen Bayern München (3:2) über starke Schmerzen in der Hüfte. Diese führten ihn zum Entschluss, auf Einsätze im Nationalteam zu verzichten“, erklärte der Schweizer Verband. Gesundheit zuerst, das ging vorerst auf.

Kapitel 4: Enge Bindung an die Heimat

Aufgewachsen ist Akanji in sehr behüteten Verhältnissen. Er hat zwei Schwestern, Michelle und Sarah, seine Mutter stammt aus der Schweiz, sein Vater ist gebürtiger Nigerianer. Seine enge Bindung an die Heimat und seine Familie zeigte sich im Sommer im Trainingslager in Bad Ragaz. Beide Eltern besuchten ihn, die Schwestern, Großeltern, seine Freundin Melanie und deren Familie. Es sind enge Bande, die ihn halten. Parallel zum Fußball absolvierte Akanji in der Jugend eine Ausbildung zum Kaufmann.

Es braucht nicht viel Fantasie, um ihn sich auch auf anderen Untergründen als grünem Rasen erfolgreich vorzustellen. Gute Manieren, selbstbewusstes Auftreten, kluger Kopf. Beispielsweise im Kopfrechnen ist der Schweizer phänomenal, für einen Auftritt bei „Wetten, dass …“ hätten seine unfassbar schnellen Hirnzuckungen bei Multiplikationsaufgaben allemal gereicht. Aber der Fußball ist sein größter Traum. Der jetzt einen Kratzer abbekommen hat.

Kapitel 5: „Ich spiele nur Champions League.“

In Gesprächen ist Akanji für Interviewer manchmal eine Herausforderung. Geschwind sprudeln die Einschätzungen aus seinem Mund, es sind nachvollziehbare Gedanken, vorgetragen in klarem Hochdeutsch. Passt ihm die Frage nicht oder hält er darin vorgetragene Analysen für nicht zutreffend, dann sagt er das auch prompt so. Seinen Humor lässt er auch gerne aufblitzen. Angesprochen auf die missliche Situation, dass er als Neuling beim BVB in der vergangenen Rückrunde nicht für die Europa League gemeldet wurde, platzte es aus ihm heraus: „Ich spiele nur Champions League.“ Frech. Gewagt. Gewonnen.

An Akanjis sportlichem Wert gab es innerhalb weniger Wochen trotz der turbulenten BVB-Leistungen keinen Zweifel mehr. Schnelligkeit, Zweikampfstärke und Spieleröffnung, ein gutes Auge und Robustheit. Mut zum Risiko und Anführer-Qualitäten. Die Liste der Vorzüge ist lang. Unter Trainer Lucien Favre kam Akanji in dieser Saison in den ersten zehn Pflichtspielen von der ersten bis zur letzten Minute zum Einsatz, trug sogar einmal die Kapitänsbinde. Ein Vorbild, auf und neben dem Platz. Mit 23 kaum älter als seine Mitstreiter. Aber einer, der vorangeht. „Er ist jemand, der auch auf dem Platz Verantwortung übernimmt, vor allem in der Defensive“, lobte Sportdirektor Michael Zorc. Man habe Akanji „nicht ohne Grund in den Mannschaftsrat berufen“, sagte Lizenzspieler-Leiter Sebastian Kehl. Akanji zählt nach Marco Reus und Axel Witsel zu den Feldspielern, die der BVB dauerhaft am schwersten ersetzen kann.

Kapitel 6: Jede Menge Kräftigungsübungen

Im Bundesliga-Spiel bei Fortuna Düsseldorf am 18. Dezember (1:2) stoppte Akanji ein Muskelfaserriss im Adduktorenbereich, schon zur Halbzeit war Schluss. Der Faserriss selber heilte aus, doch erneut tauchten die Schmerzen an der Hüfte auf. Eine Problemzone. Ein Krisenherd. Daher wurde erneut Schonung als oberstes Gebot ausgegeben. Wochenlang musste er sich bremsen, inzwischen sind es sechs. Und zugleich war guter Rat wertvoll. Bei gleich mehreren Spezialisten in der Schweiz und in Deutschland holte sich Akanji Empfehlungen für die richtige Vorgehensweise bei seiner Symptomatik ein. Riskieren will er nichts. Trotzdem drängt es ihn. „Es ist schwer, nicht selber auf dem Platz zu sein und mitwirken zu können. Darum tue ich alles dafür, gemeinsam mit der medizinischen Abteilung, um so schnell wie möglich wieder auf dem Platz zu stehen.“

Die Phase der kompletten Ruhigstellung hat er überstanden. Radfahren darf er wieder, auch auf den Crosstrainer. Dazu jede Menge Kräftigungsübungen, „sei es für die Beine, um auch die Hüfte zu mobilisieren, oder für den Oberkörper. Ich mache alles, außer laufen und springen. Das wird der nächste Schritt sein, und ich hoffe, er kommt so bald wie möglich.“ Im besten Fall kann er in den nächsten Wochen wieder ins Training einsteigen. Die Prognose hatte der Klub in Absprache so vage wie möglich gehalten. „Im Frühjahr“ könne er bestenfalls wieder zur Verfügung stehen. „Es sieht einigermaßen gut aus“, sagt Akanji selber. „Ich kann nicht genau sagen, wie es weitergehen wird. Aber ich hoffe, dass es nicht mehr so lange dauert, und ich der Mannschaft dann wieder helfen kann.“ Im idealsten aller Fälle dauert die Reha bis zur Wettkampftauglichkeit so lange wie die Ausfallzeit.

Kapitel 7: Geduld ist gefragt

Als vor einigen Tagen die Harlem Globetrotters zum gemeinsamen Werbedreh beim BVB in Brackel aufkreuzten, mischte auch Akanji mit. Er kann mit seiner ihm eigenen Ruhe zwar gut seine Emotionen kontrollieren. Doch Geduld gehört nicht zu den Kernkompetenzen der meisten Profisportler, wie könnte es auch anders sein. „Geduld zu beweisen, zuzuschauen, das fällt jedem Fußballer schwer“, sagt er. Wer Training und Wettkampf gewohnt ist und diesen Rhythmus verinnerlicht hat, tut sich schwer mit unwägbaren Angaben für ein Comeback. Wer Flutlicht liebt, der wird Massagebänke unter Neonröhren nicht zwingend als bevorzugten Aufenthaltsort angeben. Borussia Dortmunds regulärer Abwehrchef muss wegen seiner anhaltenden Hüftbeschwerden Langmut beweisen. Es sind für ihn gerade seine schwierigsten Momente in seiner Zeit beim BVB.

Manuel Akanji ergänzt seine Beiträge in sozialen Netzwerken in aller Regel mit zwei besonderen Hashtags. #vatoslocos verbindet ihn unter anderem mit Schalkes Breel Embolo und anderen Kollegen aus seiner Zeit beim FC Basel. Die Kreation geht zurück auf einen Film über eine kriminelle Bande in Mexico in „Verschworen auf Leben und Tod“. Dort gibt es eine Straßengang, die sich durch besonderen Zusammenhalt auszeichnet. Der Hashtag #brigante gehört zu einem Zürcher Freundeskreis von Manuel Akanji, „brigante“ ist die italienische Bezeichnung für eine Straßenbande.
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