Jude Bellingham hat den Treffer von BVB-Stürmer Donyell Malen (r.) zum 1:0 gegen Sporting Lissabon vorbereitet. © imago images/Noah Wedel
Borussia Dortmund

BVB-Analyse: Malens Treffer als Beispiel für Roses Idee von Fußball

„Vertikalen Fußball“ hat BVB-Trainer Marco Rose als Ziel ausgerufen. Als bestes Beispiel dient der Treffer zum 1:0 gegen Sporting. Schachmatt in fünf Sekunden. Eine Analyse.

Schachmatt in fünf Sekunden: Zwei Ballberührungen, ein paar Schritte vorwärts in Richtung Mittellinie, und als Manuel Akanji den Ball auf die Reise schickte, dauerte es noch ganze fünf Sekunden bis zum Einschlag. Weil einiges stimmte.

BVB-Treffer gegen Sporting: Blitzschach, wenn der Gegner nicht aufpasst

Weil Borussia Dortmunds Innenverteidiger ohne Gegnerdruck einen mutigen flachen Pass in die Schnittstelle spielte. Weil sich Jude Bellingham zentral im Zwischenraum freigelaufen hatte und die Kugel mit feinstem Fußwerk schleunigst weiterleitete. Weil BVB-Stürmer Donyell Malen schon bei Akanjis Pass gestartet war, den entscheidenden Vorsprung erlaufen konnte und dann vor dem Tor Präzision vor Härte anwendete. Zwei mittellange Zuspiele, zwei direkte Verlinkungen auf dem Feld. Blitzschach, wenn der Gegner nicht aufpasst.

In dieser Szene, der letztlich entscheidenden Sequenz beim 1:0-Sieg gegen Sporting, dürfte auch das Herz von Trainer Marco Rose einen Hüpfer gemacht haben. „Wir wollen vertikalen Fußball spielen“, hat er angekündigt. Als eine Blaupause kann seit Dienstagabend Malens Treffer samt Entstehung dienen. Aus dem ungefährlichen Aufbauspiel wurde in einem Augenblick eine kreuzgefährliche Szene.

BVB-Innenverteidiger Manuel Akanji leitet den Angriff klug ein

Als Auslöser fungierte diesmal Manuel Akanji. „Manu spielt diese Pässe auf die Achter oder die Zehner in die Schnittstelle seit Monaten weltklasse“, lobte Mats Hummels, in dieser Disziplin selbst ein Fachmann, seinen Kollegen. „So einfach kann Fußball sein. Man muss nicht zaubern, sondern macht einfach diese Dinge, die zum Erfolg führen.“

BVB-Verteidiger Manul Akanji (roter Kreis) spielt den perfekten Pass in die Schnittstelle auf den freistehenden Achter Jude Bellingham (gelber Kreis). BVB-Stürmer Donyell Malen (blauer Kreis) setzt bereits zum Vorstoß an und bekommt wenig später den Ball wunderbar serviert. © Screenshot: Amazon Prime © Screenshot: Amazon Prime

Immer öfter zeigt Akanji seine seit jeher vorhandenen Qualitäten als Absender solcher geschärften Zuspiele. Hummels gelang mit einem weiten Pass auf Erling Haaland gegen Union Berlin vor zwei Wochen sogar eine direkte Torvorlage. Und je nachdem, wer sich gerade im Bereich vor den Innenverteidigern herumtreibt, meist Mahmoud Dahoud oder Axel Witsel, droht den Gegnern auch aus der Reihe davor Ungemach. Das Spiel in die Breite, das unter Roses Vor-Vorgänger Lucien Favre neben der Konkurrenz auch die eigenen Mannen ermüdete, hat der neue BVB-Trainer begrenzt. Wenn, dann wird es als Vorbereitung für Spielverlagerungen eingesetzt. Besser noch, wenn während der Ballpassage eine Gasse aufgeht, in die ein Spieler startet – und den Ball hinterhergeschickt bekommt.

BVB arbeitet weiter an seinem Umschaltspiel

Was gegen Sporting weniger gut gelang: Aus vielen Balleroberungen weit in der gegnerischen Hälfte sprangen vergleichsweise wenig hochkarätige Torchancen heraus. „Die erste Idee“, sagt BVB-Coach Rose, solle immer der Weg nach vorne sein. „Darüber reden wir, das trainieren wir.“ Im Eifer des Wettbewerbs gehe es dann an die Umsetzung unter großem Zeitdruck, da träfen seine Spieler noch nicht immer den richtigen Moment für die richtige Entscheidung. „Manchmal übersehen wir den einfachen Ball in die Tiefe, möglicherweise haben wir auch noch einen Laufweg zu wenig. Und manchmal treffen wir auch die Entscheidung, in die Tiefe zu spielen, wo es ein besseres Passfenster gegeben hätte.“

Rose spricht von einem Prozess. Manchmal tragen die Bemühungen Früchte wie bei Malens Treffer. Manchmal hakt es noch im Getriebe, weil die einzelnen Rädchen nicht greifen. Timing, Tempo, Passschärfe, blindes Verständnis. Für den Moment jedenfalls ist der Trainer nicht unzufrieden, weil er die Bemühungen und erste Erfolge sieht. „Ich habe das Gefühl, dass die Jungs versuchen, das umzusetzen, was wir ihnen mitgeben.“

BVB-Coach Marco Rose wünscht sich den nächsten Entwicklungsschritt

In vielen Bereichen, vor allem im Spiel gegen den Ball und auch im hohen Verteidigen „haben wir das sehr ordentlich gemacht“, sagte der Trainer von Borussia Dortmund nach der Partie gegen Lissabon. Als nächsten Entwicklungsschritt wünscht er sich, dass seine Schützlinge „noch mehr Tiefe finden, dass wir uns klarer bis hinter die letzte Linie durchspielen“.

Es werden noch ein paar Trainingsstunden beim BVB dafür verwendet werden, dass immer öfter fünf Sekunden den Ausschlag geben können. Neues Anschauungsmaterial gibt es seit Dienstagabend.

Über den Autor
BVB-Redaktion
Jahrgang 1980, liebt Sport und lebt (meistens) sportlich. Erste journalistische Gehversuche mit 15. Einser-Diplom in Sportwissenschaft an der Universität Hamburg (2006). Heinz-Kühn-Stipendiat. Seit 2007 bei Lensing Media tätig. Seit 2012 BVB-Reporter.
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Jürgen Koers