BVB-Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke sagt über das 1:2 gegen Frankfurt: „Das ist eine Willensfrage, und da hat mich die Mannschaft maßlos enttäuscht.“ © imago / Joachim Sielski
Borussia Dortmund

BVB-Boss Watzke: „Ich kann die Mannschaft nicht mehr in Schutz nehmen“

Große Ziele, nix dahinter: Der BVB hat kaum noch Chancen auf die Champions League. Nach dem 1:2 gegen Eintracht Frankfurt platzt auch Hans-Joachim Watzke und Michael Zorc der Kragen.

Schon vor der Saison ahnte Borussia Dortmunds Chefetage, dass diese Spielzeit kein schwarzgelber Genuss werden könnte. Zu unausgewogen der Kader, zu wenig Charaktere in der Mannschaft, zu jung die vermeintlichen Leistungsträger. Trotzdem galt die Maßgabe, „maximal ambitioniert“ zu arbeiten. „Wenn einer die Vormachtstellung des FC Bayern München brechen wird, dann muss es Borussia Dortmund sein“, sagte Hans-Joachim Watzke, der Vorsitzende der Geschäftsführung, noch im November.

Die Realität sieht anders aus, ein knappes halbes Jahr später werden die Töne leiser. Statt vom Titel zu träumen, muss sich der BVB gedanklich vom Minimalziel verabschieden. Eine Eintrittskarte für die nächstjährige Königsklasse ist in weite Ferne gerückt nach dem enttäuschenden 1:2 gegen Eintracht Frankfurt. „Wir werden den Kampf um die Champions League nicht aufgeben, solange Platz vier noch möglich ist“, sagte Watzke am Sonntag im Gespräch mit den Ruhr Nachrichten. „Aber wir wissen auch, dass sieben Punkte bei sieben ausstehenden Spielen schwer aufzuholen sind.“ Zuletzt verpasste der BVB die Königsklasse 2015.

BVB-Geschäftsführer Watzke ist „maßlos enttäuscht“

Hing bislang zumindest in der Öffentlichkeit ein Schutzschirm über der Mannschaft, ging der BVB-Boss die Spieler am Ostersonntag knallhart an. „Ich habe die Mannschaft immer in Schutz genommen. Aber für das Auftreten im Spiel gegen Eintracht Frankfurt kann ich das nicht mehr machen“, erklärte Watzke. „In so einem Endspiel müssen wir eine andere Körperhaltung und eine entschlossenere Ausstrahlung an den Tag legen. Da muss jeder sehen, dass wir als Sieger vom Platz gehen wollen und unser Tor mit aller Macht verteidigen. Das hat mir gefehlt. Das ist eine Willensfrage, und da hat mich die Mannschaft maßlos enttäuscht.“

Auch Sportdirektor Michael Zorc konnte seine Wut nach der Laissez-faire-Leistung gegen die Eintracht kaum verbergen. „Ich bin sehr enttäuscht von der Leistung unserer Mannschaft gegen Frankfurt. In der Rolle des Jägers erwarte ich deutlich mehr. Wir haben unseren eigenen Ansprüchen nicht genügt, haben viel zu viele Fehler gemacht, das war zwischenzeitlich wild auf dem Platz. Wir mussten immer wieder hinterherlaufen, haben vielversprechende Angriffe durch sehr unsauberes Passspiel kaputt gemacht, haben technisch gepatzt.“

Zehn Niederlagen in 27 Spielen: ein kolossaler BVB-Absturz

Eintracht Frankfurt benötigte für den Sieg in Dortmund keine Glanzleistung. Der BVB schoss 19 Mal aufs Tor, verpasste bei einem weiteren Dutzend aussichtsreicher Spielszenen den Moment für den Pass oder den Abschluss – und lud die Gäste immer wieder zum Kontern ein. „Statt zu schießen, haben wir gepasst, und wenn wir passen mussten, haben wir aufs Tor geschossen“, meine Trainer Edin Terzic. Die Muster bei den zwei Gegentoren: Ballverluste (Bellingham, Dahoud), schlampiges Zweikampfverhalten (Can, Akanji), Schläfrigkeit (Schulz, Guerreiro).

Eine erlesene Auswahl von Profifußballern, vorab mit 170 Millionen Euro Jahresgehalt budgetiert – und dann stimmen in einem der wichtigsten Spiele der Saison wieder einmal die Leistung und die Haltung nicht. Zehn Niederlagen stehen nach 27 Spieltagen zu Buche, gemessen an den Ansprüchen der Borussia ein kolossaler Absturz, der sich sportlich (Transfers, Prestige) und wirtschaftlich (30 Millionen weniger in der Europa League) niederschlagen wird. Da tröstet auch kein schwarzgelber Fingerzeig auf den Erzrivalen Schalke 04.

In der Terzic-Tabelle steht der BVB lediglich auf Platz sechs

Selbst der Trainerwechsel von Lucien Favre zu Edin Terzic im Dezember, der den Kickern das letzte Alibi genommen hat, wirkt kaum nachhaltig. In der Terzic-Tabelle seit dem 12. Spieltag ist der BVB nur Sechster, hat in 16 Spielen gerade einmal 24 Punkte eingefahren (7/3/6). Eintracht Frankfurt holte in dieser Zeitspanne 37 Punkte, sogar der SC Freiburg mehr (26) und Abstiegskandidat FSV Mainz 05 nur vier weniger (22).

Die Konsequenz: Platz vier noch zu erreichen, wird fast unlösbar, und wer sich die jüngsten schlechten Spiele in Köln (2:2) und gegen Frankfurt vor Augen führt, muss schon ein unverbesserlicher Optimist sein, um noch an eine grundlegende Wende zu glauben. „Nicht die Champions League zu erreichen, wäre sportlich und finanziell eine Katastrophe – und da sind wir jetzt nah dran“, sagte Mats Hummels. Der einzige BVB-Profi, der nennenswerte Erfolge vorzuweisen hat vom WM-Titel bis zu sechs Deutschen Meisterschaften, gehörte auch am Karsamstag zu den wenigen Borussen, die den selbst gesetzten und formulierten Ansprüchen genügten.

Ob sich BVB-Kapitän Marco Reus auch mal selbst hinterfragt?

Zorc ergänzte im Gespräch mit den Ruhr Nachrichten: „Wir haben uns jetzt in eine sehr schwierige Situation gebracht. Wir sind keine Träumer, unsere Chancen, Platz vier in der Liga noch zu erreichen, sind nur noch minimal. Natürlich geben wir den Kampf nicht auf. Aber wir sind gerade nicht in der Verfassung zu sagen: Wir gewinnen jetzt die letzten sieben Spiele.“

Die Form stimmt nicht bei der Mannschaft und bei einer Reihe von als Leistungsträgern eingekauften vermeintlichen Hochkarätern. Ob es hervorragend bezahlten (ehemaligen) Nationalspielern wie Julian Brandt oder Thomas Meunier wohl zu denken gibt, wenn in der Schlussphase eines eminent wichtigen Spiels eher ein Nachwuchsspieler aus der Regionalliga-Mannschaft eingewechselt wird? Ob sich Kapitän Marco Reus, der erneut nicht mehr als einige wenige gute Ansätze zeigte, auch mal selbst hinterfragt? Emre Can, der für seine Mentalität gelobt wird und trotzdem für einen Mann seiner Klasse viel zu oft einen Platz in den Fehlerkette findet, ist noch nicht in der neuen Realität angekommen. „Ich habe keinen Bock, in der Europa League zu spielen. Ich will Champions League spielen“, sagte der Defensiv-Allrounder am Samstag. Bislang lässt sich dazu für die Borussia festhalten: Große Ziele, nix dahinter.

BVB-Sportdirektor Zorc: „Leistung ist das alles entscheidende Wort“

„Um das Unmögliche doch noch möglich zu machen, müssen wir endlich Leistung auf den Platz bringen“, wetterte Zorc allgemein. „Leistung ist das alles entscheidende Wort.“ Es ist eben auch eine Frage von Qualität, sein Potenzial in den entscheidenden Momenten auch abzurufen. Davon kann beim BVB zuletzt keine Rede sein.

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BVB-Redaktion
Jahrgang 1980, liebt Sport und lebt (meistens) sportlich. Erste journalistische Gehversuche mit 15. Einser-Diplom in Sportwissenschaft an der Universität Hamburg (2006). Heinz-Kühn-Stipendiat. Seit 2007 bei Lensing Media tätig. Seit 2012 BVB-Reporter.
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Jürgen Koers
Sportredaktion Dortmund
Sascha Klaverkamp, Jahrgang 1975, lebt im und liebt das Münsterland. Der Familienvater beschäftigt sich seit mehr als 20 Jahren mit der Sportberichterstattung. Einer seiner journalistischen Schwerpunkte ist Borussia Dortmund.
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Sascha Klaverkamp

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