Lucien Favres Lösung für die Rechtsverteidiger-Probleme heißt in Bremen Manuel Akanji. Nach dem Anschlusstreffer verliert auch der Schweizer die Orientierung - und patzt folgenschwer.

Bremen/Dortmund

, 06.05.2019, 06:30 Uhr / Lesedauer: 3 min

Erst schlug er die Hände vors Gesicht, dann blickte Manuel Akanji verloren gen Himmel. Später, als Schiedsrichter Marco Fritz das Gastspiel Borussia Dortmunds in Bremen abgepfiffen hatte, ging der Schweizer Nationalspieler gedankenverloren in die Hocke. Akanji wusste, was sein Fehler, der in der 75. Minute zum Ausgleich für Werder Bremen geführt hatte, für eine Bedeutung erlangen könnte, wenn am 34. Spieltag endgültig abgerechnet wird.

Zwei schwere individuelle Fehler

Der 23-Jährige und Torhüter Roman Bürki standen stellvertretend für einen BVB, der nach Bürkis Patzer die Spielkontrolle verloren hatte. Es waren zwei schwere individuelle Fehler, die auf diesem Niveau nicht passieren sollten. Dass sie drei Spieltage vor dem Saisonende passierten, wertete die Bedeutung noch einmal immens auf.

Akanji hatte die Borussia als Kapitän aufs Feld geführt, nach der Rotsperre für Marco Reus wanderte die Binde an seinen rechten Oberarm. Er sei bereit, diese Verantwortung zu tragen, hatte der Schweizer in einem Kurzinterview auf der Homepage seines Klubs vor der so wichtigen Partie an der Weser erklärt. Er wolle führen, Mitspielern helfen, wenn sie Hilfe bräuchten. „Ich versuche, meine Leistung zu bringen und die Anderen so mitzuziehen.“

Piszczek-Einsatz ein zu großes Risiko

Während der gesamten Trainingswoche, in der das 1:1 der Bayern in Nürnberg die Hoffnung auf die neunte Meisterschaft für den BVB wieder keimen ließ, stand Akanji im Mittelpunkt der taktischen Überlegungen seines Trainers Lucien Favre. Die Einheiten fanden komplett hinter verschlossenen Türen statt, das kennt man bei Borussia Dortmund eigentlich nur in den Phasen vor einem großen Finale.

BVB-Interimskapitän Akanji patzt in Bremen auf ungewohnter Position folgenschwer

Gegen den flinken Milot Rashica (l.) hatte Akanji einen schweren Stand. © Steinbrenner/Kirchner

Irgendwie war die Partie in Bremen ja aber auch ein Endspiel, unzweifelhaft das schwierigste der drei noch anstehenden Spiele. Und Favre wusste wohl schon zu Wochenbeginn nach der Pleite im Revierderby, dass er eine Lösung für die Abwehrprobleme auf der rechten Seite brauchen würde. Lukasz Piszczek stand zwar wieder im Mannschaftstraining, doch die Partie in München hatte gezeigt, dass ein Einsatz des Polen nach seiner langen Wettkampf-Pause von über zwei Monaten wohl ein zu großes Risiko darstellte. Favres Lösung, aus der Not geboren, hieß also Manuel Akanji.

Sichtbare Anpassungsprobleme

Taktisch war dies aus mehreren Gründen eine Herausforderung. Akanji nach rechts zu stellen, zog weitere Veränderungen in der Vierer-Abwehrkette nach sich. Abdou Diallo rückte von links zurück in die Mitte, links zog Favre Raphael Guerreiro zurück. Drei der vier Abwehrpositionen veränderte der BVB-Cheftrainer, intensiver hatte er in die Statik nur einmal im bisherigen Saisonverlauf eingegriffen, als er beim Achtelfinal-Hinspiel in der Champions League gegen Tottenham gleich alle vier defensiven Positionen verändert hatte. Damals mit sehr bescheidenem Erfolg.

Was in London nur bis zur 45 Minute ordentlich funktioniert hatte, ließ sich in Bremen nur vor der Pause respektabel an. Akanji bekam es einige Male mit dem nach links ausbrechenden Milot Rashica zu tun, der im Sprint auf den ersten Metern klare Vorteile hatte, sah sich ansonsten aber zumeist Ludwig Augustinsson gegenüber. Akanjis Anpassungsprobleme an die neue Rolle wurden dort schon sichtbar.

Kohfeldt erkennt Schwachstelle

Der Bremer kam zu einigen Flanken - Unheil richtete er damit allerdings nicht an. Sieben Flanken durch den Linksverteidiger, der zu 42 offensiven Läufen ansetzte während der 90 Minuten, deuten aber schon an, das Werder-Trainer Florian Kohfeldt hier eine potenzielle Schwachstelle im Dortmunder Spiel erkannt hatte. Vor der Pause noch ohne gravierende Folgen: Dortmunds umformierte Kette hatte bis auf eine Phase von der 35. bis zur 40. Minute die Sache weitgehend im Griff.

„Fehler in dieser Form werden dann bestraft.“
Michael Zorc

Als Bremen den Druck erhöhte angesichts des 0:2-Rückstands und schwindender Europapokal-Chancen, wurde es auch für Akanji schwieriger. Augustinsson erhöhte seine offensive Präsenz auf der Seite, im Eins-gegen-Eins musste Akanji Schwerstarbeit verrichten. Seine 91 Kilogramm, verteilt auf 1,87 Meter Körperlänge, machen ihn zu einem robusten Zweikämpfer mit Präsenz auch in Luftduellen in der Innenverteidigung. Gegen wieselflinke Angreifer ließen sie seine Bewegungen bisweilen staksig wirken. Im Antritt hatte Manuel Akanji unübersehbare Nachteile.

Die wichtigsten Statistiken belegten die Anpassungsschwierigkeiten an die neue Position. Akanji gewann nur 48 Prozent seiner Zweikämpfe, ein schwacher Wert für einen Defensivspieler. Er brachte auch nur 85 Prozent seiner Pässe an den eigenen Mann. Beide Werte liegen deutlich unter seinem Saisonschnitt (94 Prozenz erfolgreiche Pässe, 60 Prozent erfolgreiche Zweikämpfe).

Gleiche Variante gegen Düsseldorf?

Sein gravierender Fehler vor dem 2:2 aber hatte weniger mit der neuen Rolle zu tun, den Zweikampf gegen Augustinsson verlor Manuel Akanji in Zentrumsnähe und damit beinahe auf seiner angestammten Position. Es war eine kurze Unkonzentriertheit, eine Nachlässigkeit, die Borussia Dortmund teuer zu stehen kommen könnte. „Er hat sich verschätzt“, urteilte Sportdirektor Michael Zorc. „Fehler in dieser Form werden dann bestraft.“

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Nicht ohne Grund hatte sich Favre schwer getan mit der Entscheidung, seinen Co-Kapitän und Chef der Innenverteidigung aus dem Zentrum zu beordern. Gut möglich, dass er dennoch auch am Samstag gegen Düsseldorf zu dieser Variante gezwungen sein wird. Ob Lukasz Piszczek bis Samstag so weit sein wird, lässt sich schwer abschätzen.

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