BVB-Kapitän Marco Reus: Seine Leiden stürzen auch Borussia ins Dilemma

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Hoffen, Bangen, Rückschläge! Das Dilemma der vielen Verletzungen von Kapitän Marco Reus wird immer mehr zur Belastung für den BVB. Das Problem: Auch der Ausweg schmerzt.

Dortmund

, 31.07.2020, 06:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Der Satz klang vernichtender, als er gemeint war, traf jedoch in seiner Schlichtheit voll zu. „Er kann derzeit nur geradeaus laufen“, sagte Bundestrainer Joachim Löw. Er musste Marco Reus, das verletzte Problemkind der deutschen Fußball-Nationalmannschaft vor der Europameisterschaft 2016, zwangsläufig aus dem Kader streichen. Die Adduktoren zwickten, kniffen, schmerzten. Geradeaus laufen konnte Reus, aber an komplexere Bewegungen oder gar Fußballspielen war nicht zu denken. Reus war raus.

Marco Reus wird dem BVB „auf unbestimmte Zeit“ fehlen

Ein halbes Jahr lang musste der BVB-Kapitän damals pausieren, aus den gereizten Adduktoren entwickelten sich eine Schambeinentzündung und ein Dauerthema. Diese Region des Körpers ist bei Fußballern besonders anfällig für strukturelle Verletzungen, und bei besonders anfälligen Fußballern ein leidvolles Problem. So wie bei Marco Reus. Seit Donnerstag ist bekannt, dass auch knapp sechs Monate nach seinem verletzungsbedingten Aus beim Pokal-Achtelfinale am 4. Februar 2020 kein reguläres Fußballtraining für den BVB-Star möglich ist. Und zwar „auf unbestimmte Zeit“. Reus habe in den vergangenen Monaten „intensiv gearbeitet und Fortschritte gemacht“, teilte der Verein mit, „bei einigen Bewegungen hat er aber nach wie vor Probleme“.

Zum Hintergrund: Mehrere Muskelstränge zwischen dem Oberschenkelknochen und dem Schambein bilden die Adduktoren, sie ziehen bei Kontraktion das Bein zur Körpermitte heran. Bei jedem Schuss mit der Innenseite, bei jedem Pass wird diese Muskelgruppe belastet. Ein Riss in der Mitte des Muskels heilt bei Schonung in der Regel in wenigen Wochen. Problematischer wird es, wenn die Sehnen an den Übergängen zwischen Knochen und Muskeln in Mitleidenschaft gezogen werden. Bei Reus riss wohl - was niemand offiziell bestätigt - eine Sehne am Ansatz zum Schambein. Seitdem bleibt die Stelle entzündet.

Zorc: „Erhoffte Besserung ist leider immer noch nicht eingetreten“

Die übliche Vorgehensweise mit Ruhe, Physiotherapie und einem langsamen Wiederaufbau, für den die Corona-Zwangspause im Frühjahr genügend Zeit einräumte, schien zu fruchten. Im Juni mischte Reus bei Teilen des Teamtrainings wieder mit. „Wir hoffen alle, dass es so schnell wie möglich geht, dass er spielen kann“, sagte Trainer Lucien Favre.

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Zorc will bei BVB-Kapitän Reus keine Prognose abgeben

Die Hoffnung währte kurz, bis bei intensiveren und fußballspezifischen Belastungen abermals Schmerzen auftraten. Acht Wochen und noch mehr Pause später gibt es immer noch keine Entwarnung, im Gegenteil: „Die erhoffte Besserung ist leider immer noch nicht eingetreten“, erklärte BVB-Sportdirektor Michael Zorc, Reus müsse „weiter individuell behandelt werden und kann noch nicht mit der Mannschaft trainieren.“ Reus ist raus.

Reus verpasst die Hälfte aller möglichen Bundesliga-Minuten

Wie lange die „unbestimmte Zeit“ des Ausfalls andauert, dazu erübrigen sich alle Spekulationen. Ein Comeback ist schlicht nicht absehbar, Prognosen sind wenig hilfreich. Sie würden nur Druck entfachen, Erwartungen schüren, Enttäuschungen provozieren.

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Für Borussias Entscheidungsträger stellt sich vielmehr die Frage, wie sie auf diese neuen Hiobsbotschaften reagieren. Seit der Saison 2014/15 hat Dortmunds Vorzeigespieler lediglich die Hälfte aller möglichen Bundesliga-Minuten auf dem Platz bestritten (9440 von 18360 Minuten), seine Verletzungshistorie füllt Seiten und seine fast chronischen Ausfallzeiten - für die Reus selber nichts kann! - bringen auch den BVB immer mehr in die Bredouille. Fakt ist nicht erst seit den jüngsten Rückschlägen: Mit dem 31-jährigen Spielführer kann man nicht mehr bedenkenlos planen.

Auf den BVB wartet im Herbst ein Mammutprogramm

Auf dem Transfermarkt reagieren will der Klub nicht, erklärt Zorc öffentlich und betont: „Wir sehen uns in der Offensive durchaus okay aufgestellt.“ Den einen zentralen offensiven Mittelfeldspieler gab es im System von Trainer Favre zuletzt sowieso nicht mehr, und für eine Rolle auf den Flügeln sah sich nicht nur Reus selber nicht mehr geschaffen. Ob intern nicht doch Meinungen zugelassen sind, den Wackelkandidaten nur noch als Ergänzung in seinen fitten Phasen zu werten und in der Kaderplanung auf andere (neue) Spieler zu setzen, darf hinterfragt werden.

Denn gleichzeitig müssen unter der Voraussetzung, dass Reus weitere Monate ausfällt, die anderen Kandidaten in der Abteilung Attacke besonders sorgfältig beäugt werden. Sofern Jadon Sancho bei Borussia bleibt, gibt es angesichts des zu erwartenden Mammutprogramms zumindest kleinere Fragezeichen bei der Dauerbelastbarkeit des ebenfalls anfälligen Erling Haaland und des erst 17-jährigen Giovanni Reyna. Verlässt Sancho den Klub, werden die Sorgenfälter umso größer. Mit ihm, Reus und dem zu Inter Mailand abgewanderten Achraf Hakimi käme ein Großteil der Torgefahr abhanden.

Hummels, Piszczek und Can müssen mehr Verantwortung übernehmen

Denn es müssten ja rein rechnerisch auch die 17 Scorerpunkte in der Bundesliga aufgeteilt werden, für die Reus trotz eines durchwachsenen Gesamteindrucks bis zu seiner Verletzung im Februar verantwortlich zeichnete. Hier sind Haaland, Sancho, Hazard und Co. gefragt. Und apropos Verantwortung: In Abwesenheit des erklärten Mannschaftsführers, der auch abseits des Rasens eine wichtige Identifikations- und Integrationsfigur ist, müssen Mats Hummels, Lukasz Piszczek oder auch ein Emre Can noch mehr Aufgaben und Führungsrollen übernehmen.

Reus bei den weiteren Planungen außen vor zu lassen, das ist für den BVB ein äußerst schmerzhafter und zugleich unumgänglicher Ausweg. Abschreiben will der Klub den Spieler nicht, und Reus selbst hat trotz seines fast schicksalhaften Verletzungspechs oft genug bewiesen, dass Comebacks zu seinen Spezialitäten gehören. Bei der Behandlung seiner Verletzung wird jedoch weiter ein konservativer Therapieansatz verfolgt. Es geht weiter mit Hoffen und Bangen. Im besten Fall ohne den nächsten Rückschlag.

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