BVB-Lizenzspielerleiter Sebastian Kehl: Ich kann unangenehm hartnäckig sein

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Sebastian Kehl spricht vor dem Rückrundenstart des BVB in Augsburg im Exklusiv-Interview über das Titelrennen, Jadon Sancho und seine Rolle bei Borussia Dortmund.

Dortmund

, 17.01.2020, 18:30 Uhr / Lesedauer: 5 min

Die Hinrunde ist analysiert, die Winter-Vorbereitung abgeschlossen. Jetzt muss Borussia Dortmunds Aufholjagd starten - am Saisonende soll der ersehnte Griff zur Meisterschale gelingen. Sebastian Kehl, Leiter der BVB-Lizenzspieler, steht zum Rückrunden-Auftakt im Exklusiv-Interview Rede und Antwort. Ein Gespräch über Erwartungen, Lernprozesse und klare Spielregeln.

Sebastian Kehl, warum wird Borussia Dortmund Deutscher Meister?
Wir haben nie gesagt, dass wir Deutscher Meister werden. Wir haben gesagt, dass wir alles versuchen wollen, um die Schale zu holen. Das ist ein großer Unterschied! Ich bin jedenfalls davon überzeugt, dass wir eine deutlich bessere, stabilere Rückrunde spielen und mehr Punkte holen. Wir werden alles versuchen. Bayern, Leipzig und Gladbach werden aber ebenfalls das Maximale herausholen wollen. Und sie stehen zurzeit nicht zu Unrecht vor uns.


Was macht Ihnen Mut, dass der Griff zur Meisterschale gelingt?

Wir rennen nicht jeden Tag durch die Kabine und erinnern die Spieler daran. So funktioniert es nicht. Wir fokussieren uns auf jedes einzelne Spiel. Aktuell nur auf Augsburg. Ich habe großes Vertrauen in unseren Kader, in jeden Spieler und das Trainerteam. Wir haben unser Potenzial in der Hinrunde nicht zu 100 Prozent ausgeschöpft, und ich habe den Eindruck, dass die Spieler verinnerlicht haben, dass sie mehr leisten können, es auch wollen, und dass sie verinnerlicht haben, dass sie nur gemeinsam als Team funktionieren.


Welche Lehren haben Sie aus der Hinrunde gezogen?

Uns hat die Kontinuität, teilweise auch ganz einfach die Form gefehlt. Signifikante Leistungsunterschiede waren zu erkennen, und somit haben wir leider in einigen Spielen unnötig Punkte liegen lassen. Leipzig, Hoffenheim, Freiburg, Frankfurt, mir fallen diese Partien gerade ein. Dort habe ich den Punch vermisst. Diese Gier, dem Gegner keine Möglichkeit zu geben, nochmal zurückzukommen. Und wir müssen unsere Auswärtsschwäche abstellen. Wir haben keine Zeit zu verlieren und sollten damit direkt am Samstag anfangen. Alle Spieler sollten wissen, dass wir einen guten Start, eine gute Leistung, ein gutes Ergebnis benötigen. Nur so kreieren wir dieses überzeugende Gefühl, diese Aufbruchsstimmung, die wichtig ist, um noch mal anzugreifen.

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Wie belastend ist die gestiegene Erwartungshaltung, Meister werden zu wollen, für die Mannschaft?

Es ist keine Belastung. Der Wunsch ist doch auch aus der Mannschaft heraus entstanden, die in der vergangenen Saison an 21 von 34 Spieltagen Tabellenerster war. Was sonst hätte ihr Ziel sein sollen? In Interviews sagen die Spieler ja immer wieder, dass sie ein solches Ziel eher anspornt. Unsere Mannschaft weiß, wieviel Talent, Qualität und Erfahrung in ihr steckt. Und jeder, der zum BVB kommt, weiß, dass dieser Klub schon sehr oft erfolgreich war und es auch zukünftig wieder sein will, dass die Erwartungshaltung hier höher ist als anderswo. Aber der Druck ist doch absolut positiv. Du spielst in einem tollen Klub, der aktuell unter den Top 10 in Europa rangiert, in einem fantastischen Stadion, hast die Chance auf Titel. Wenn einen das nicht beflügelt, was denn bitteschön dann?


Sie waren Profi beim BVB, Kapitän. Sie haben etliche solcher Situationen erlebt. Was können Sie den aktuellen Spielern mitgeben?

Der Trainer und sein Team führen die Mannschaft, stellen sie ein, sind für sie in erster Linie verantwortlich. Ich versuche ihm zu helfen, wo immer es geht, meine Erfahrung einzubringen in individuellen Gesprächen mit den Spielern. Es geht um gruppendynamische Prozesse, mal um Reibung, darum, intern auch kritisch und ehrlich zu sein, und um die Atmosphäre, um einen besonderen Geist in und um die Mannschaft, der uns erfolgreich werden lässt. Am Ende versuche ich ihnen den Optimismus zu vermitteln, den Glauben an sich und uns.

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Inwieweit hat die Elefantenrunde mit Hans-Joachim Watzke, Michael Zorc, Ihnen und Matthias Sammer konkreten Einfluss auf den BVB-Fußball?

In diesen Runden geht es um Transfers, sportliche Stellschrauben, Gespräche über unsere Fußballphilosophie, strategische Entscheidungen, die den Kader betreffen. In dieser Runde steckt viel Fußball-Expertise, die dem Klub sicher einen großen Nutzen bringt.


Ein Kader ist ein lebendes Gebilde. Strömungen, Stimmungen, 26 Charaktere, viele Meinungen. Wie schwierig ist es, das zu steuern?

Wir müssen alle darauf achten, dass im Miteinander gewisse Spielregeln, die wichtig und richtig sind, eingehalten werden. Aber ich bin nicht der Oberaufseher oder der Disziplinfanatiker, das ist immer wieder falsch dargestellt worden. Maßgeblich verantwortlich für das Führen der Mannschaft ist selbstverständlich der Trainer mit seinem Team. Und hierbei bekommt er jegliche Unterstützung von uns, die er benötigt. Es ist wie überall dort, wo Menschen mit Menschen zusammenarbeiten, nur, dass unsere Spieler teilweise noch sehr jung sind und mit ganz anderen Themen konfrontiert werden. Am Ende ist Kommunikation ein ganz wichtiges Element, denn letztlich benötigt jeder Spieler eine andere Art der Ansprache.


Sie fungieren nun seit eineinhalb Jahren als Leiter der Lizenzspieler-Abteilung. Welche Ihrer Ziele sind schon umgesetzt oder auf gutem Weg dorthin?

Ich habe mir anfangs das Ziel gesetzt, das Team rund um das Team zu professionalisieren, strukturell und personell. In dieser Hinsicht haben wir uns extrem weiterentwickelt. Die neue Schnittstelle zu den jungen Topspielern ist mit Otto Addo besetzt, wir haben etliche Abläufe und Zuständigkeiten verändert, haben uns Daten-Wissenschaftler an Bord geholt, eine Expertin für das Thema Ernährung. Wir haben die medizinische und athletische Abteilung vergrößert, einen Integrationsverantwortlichen für die Spieler und deren Familien geholt. Wir tun alles, um unsere Spieler besser und leistungsfähiger zu machen. Zudem werden gerade in Brackel mehr als 20 Millionen Euro in die Infrastruktur des Klubs investiert, die nicht nur den Profis, sondern auch dem Nachwuchsleistungszentrum zur Verfügung steht. Es geht hierbei um nachhaltige Verbesserungen.

Der Kern Ihrer Arbeit liegt aber im sportlichen Bereich?

Ja, dort liegt der klare Schwerpunkt. Sportdirektor Michael Zorc trägt die sportliche Gesamtverantwortung, ich unterstütze ihn in allen operativen Tätigkeiten. Bei Gesprächen mit Spielerberatern, in der strategischen Kaderplanung und in der Beurteilung von Spielern. Der sportliche Bereich ist meine Kernkompetenz.


Wie sehr beschäftigt Sie gerade Jadon Sancho? Er schrieb zuletzt Schlagzeilen um Goldsteak, Privatjet und verpasste Termine ...

Jadon Sancho ist ein wahnsinnig guter Fußballer. Er hat aber mit besonderen Herausforderungen zu kämpfen, weil in seinem jungen Alter solch ein riesiger Hype um ihn entstanden ist. Wir als Klub sind aufgefordert, ihm in seiner Entwicklung zu helfen. Wir versuchen ihm klarzumachen, dass es das alles Entscheidende ist, eine Top-Performance im Training und Spiel zu zeigen, topfit zu sein, und sich auf die wichtigen Themen zu konzentrieren. Trotzdem soll er sich seine Art als Fußballer bewahren, er benötigt seine positive Verrücktheit auf dem Platz. Und: Er liefert ja regelmäßig starke Leistungen ab, hat eine gute Hinrunde gespielt und oft den Unterschied gemacht. Wenn er hier und da einmal Grenzen auslotet, sind wir zur Stelle, um ein Stoppschild aufzustellen. Aber ganz ehrlich: Ob er sich im Urlaub eine Yacht mietet oder ein Ruderboot, das ist seine Privatangelegenheit.


Wie oft haben Sie seit Ihrem Amtsantritt Lehrgeld zahlen müssen in Ihrer neuen Rolle?

Früher als Spieler konnte ich Erfolg oder Misserfolg direkt beeinflussen. Jetzt ist das natürlich nicht möglich, mein Wirkungsgrad ist abseits des Platzes limitiert. Ich habe zudem gelernt, dass Geduld und Ausdauer wichtige Parameter sind. Veränderungen zu bewirken und Menschen zu überzeugen, das braucht mitunter Zeit. Selbstverständlich befinde ich mich in einem Lernprozess. Aber ich habe eine klare Meinung und klare Vorstellungen - und wenn es darauf ankommt, kann ich auch unangenehm hartnäckig sein.


Was regt Sie auf?

Mich ärgert es, wenn Menschen ihr Potenzial nicht ausschöpfen. Wenn sie nicht ihr Bestes geben. Diesen Ehrgeiz, den ich auch als Spieler immer hatte, das Maximum zu erreichen, trage ich weiterhin in mir. Dass der BVB erfolgreich ist, das ist mein täglicher Antrieb.

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