Borussia Dortmund ohne Dr. Reinhard Rauball? Schwer vorstellbar. Auch nach über 20 Jahren als Präsident des BVB wirkt Rauball nicht amtsmüde. Ganz im Gegenteil. Leidenschaftlich spricht er über seinen Klub, über Ziele und die Fans.

Dortmund

, 01.06.2019 / Lesedauer: 5 min

Wäre Dr. Reinhard Rauball als Lehrer beim BVB tätig und müsste am Saisonende Noten zücken, so müsste sich kein Borusse fürchten. Im großen Interview erklärt der Präsident, warum ihm seine Borussia trotz der verpassten Meisterschaft viel Freude bereitet hat – und was er sich vom Team und Trainer in der neuen Spielzeit erwartet.


Herr Rauball, mit ein paar Tagen Abstand zum Saisonfinale des BVB: Was überwiegt? Die Enttäuschung über den verpassten Titel oder der Stolz auf das Erreichte?

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Weder noch. Es war eine sehr gute Saison. Trotz zahlreicher neuer und junger Spieler wie Jadon Sancho, Dan-Axel Zagadou oder Achraf Hakimi und Lucien Favre als neuem Trainer, der diese neue Mannschaft erst einmal zusammenbauen musste, blieben die zu erwartenden Startschwierigkeiten aus. Die Saison ist von Anfang an gut gelaufen, damit bin ich sehr zufrieden. Aber man kann sich auch vorstellen, dass wir die Luft, die wir nach oben hatten, hätten nutzen können. Das meine ich ganz ohne Vorwurf an die Mannschaft, aber wir hatten zu Beginn des Jahres schon einen komfortablen Vorsprung auf die Bayern.


Warum hat es am Ende nicht zur Meisterschaft gereicht?

Für mich lag es an der Unerfahrenheit und der Tatsache, dass die Mannschaft sich erst einspielen muss. Das ist ein Prozess, der länger dauert, als man meinen könnte. Daran werden wir weiter arbeiten. Zur neuen Saison werden die Karten neu gemischt, wir haben unsere Ambitionen formuliert, aber ein Selbstläufer, dass nach Platz zwei und dem knapp verpassten Titel jetzt die Meisterschaft kommt, ist es nicht.

Dr. Reinhard Rauball (72) ist seit dem 14. November 2004 Präsident von Borussia Dortmund. Bereits zweimal zuvor (von 1979 bis 1982 und von 1984 bis 1986) stand er dem Präsidium des Fußball-Bundesligisten vor. Rauballs aktuelle Amtszeit endet im November 2019.


Welcher Moment der Saison war für Sie der schönste?

Da gab es mehrere. Natürlich der Derbysieg in der Hinrunde in Gelsenkirchen und das 3:2 gegen Bayern München zuhause. Aber in besonderer Weise auch die beiden Länderspiele der Blindenfußballer in Dortmund. Wenn man erlebt hat, welch große Freude diese Sportler, die es so schwer haben, auf den Platz bringen – das hat mich sehr beeindruckt. Und es hat mich bestärkt darin, solche Spiele unter dem Dach von Borussia Dortmund möglich zu machen. Denn es geht beim BVB nicht nur um Profifußball.


Gibt es auch einen besonders enttäuschenden Moment, der Ihnen aus dieser Saison in Erinnerung bleiben wird?

Das war sicher die Heimniederlage im Derby gegen Schalke. Und dass wir einen 3:0-Vorsprung gegen Hoffenheim nach 75 Minuten noch verspielt haben. Allein mit den in diesen Spielen verlorenen Punkten hätte es zum Meistertitel gereicht.


Wer hat Sie im positiven Sinne am meisten überrascht?

Die Stabilität von Marco Reus; Axel Witsel in der Art und Weise, wie er das Spiel an sich gerissen und dominiert hat; Mario Götze, wie er sich gewissermaßen neu erfunden hat – sie alle haben mich begeistert. In der Schlussphase der Saison auch Christian Pulisic. Aber vor allem Jadon Sancho. Wie schnell sich dieser Junge entwickelt hat, hätte wohl keiner erwartet. Dass er in der nächsten Saison auf jeden Fall weiter für den BVB spielt, ist deshalb eine besonders schöne Aussage.


Seine erste Saison als Leiter der Lizenzspielerabteilung hat Sebastian Kehl absolviert. Wie ordnen Sie seine Leistung ein?

Als Bindeglied zur Mannschaft hin war und ist er prädestiniert, denn er ist mit dem BVB als Spieler Meister geworden, er war Kapitän, er kennt die Kabine wie kaum ein anderer. Seine Aufgabe ist nicht so einfach, die Charaktere der Spieler sind teilweise sehr unterschiedlich, da muss man jeden einzelnen anpacken, auf ihn individuell eingehen. Und zwar immer wieder neu. Aber Sebastian Kehl wird das auch in der nächsten Saison schaffen, da bin ich mir sicher.

In jeder seiner drei Amtszeiten führte Reinhard Rauball den Klub aus einer Krise – und verdiente sich so den Titel „Retter“. In die dritte Amtszeit des Juristen fielen große Erfolge: Die BVB-Meisterschaften 2011 und 2012 sowie die DFB-Pokalsiege 2012 und 2017.


Ebenfalls eine Debüt-Saison liegt hinter Trainer Lucien Favre. Wie haben Sie ihn wahrgenommen?

Lucien hat eine tolle Saison abgeliefert. In einer Umfrage vor der Saison hätte wohl keiner geantwortet, dass wir uns bis zum letzten Spieltag ein Kopf-an-Kopf-Rennen mit den Bayern liefern würden. Es ist wirklich bemerkenswert, wie detailliert Lucien Favre daran arbeitet, die Spieler besser zu machen. Ich habe schon unmittelbar nach Spielen in der Kabine erlebt, wie der Trainer nicht ansprechbar ist, weil er bereits mit den Spielern über taktische Feinheiten spricht, die zu verbessern sind. Das habe ich in dieser Form noch nicht erlebt. Das Ergebnis hat die Erwartungen übertroffen, und das verdient ein großes Kompliment.


Bringt Lucien Favre an der Seitenlinie genügend Emotionen ein?

Ich bin seit 40 Jahren im Profifußballgeschäft und habe viele Trainer erlebt. Es gibt Trainer, die reden nicht viel, es gibt welche, die knurren, andere dagegen sind laut. Ich kenne viele Erscheinungsformen von Trainern, doch welche die richtige ist, kann ich Ihnen auch nach 40 Jahren nicht sagen. Lucien Favres Arbeit ist jedenfalls klasse. Seine Erfolge ebenso.

BVB-Präsident Dr. Reinhard Rauball im Exklusiv-Interview: Der Wille muss sichtbar sein

BVB-Präsident Dr. Reinhard Rauball gratuliert Lucien Favre zu einer starken Debüt-Saison als Trainer von Borussia Dortmund. © dpa

Das Verhältnis zwischen Mannschaft und Fans des BVB ist in der abgelaufenen Saison enger geworden, oder täuscht der Eindruck?

Nein, das täuscht nicht, es ist ein echter Schulterschluss geworden. Mein persönlicher Eindruck ist: Als man in Dortmund einen BVB-Spieler ausgepfiffen hat (Marcel Schmelzer; Anm. d. Red.), da ist, glaube ich, ein Ruck durch die Fanszene gegangen. Nach dem Motto: Einen Borussen pfeift man nicht aus. Das Verhältnis ist danach wieder deutlich besser geworden. Zudem hat es die Mannschaft mit tollen Überraschungsmomenten und insgesamt ihrer Art, spielerisch zu überzeugen, geschafft, sich Zuneigung zu verdienen.


Was muss geschehen, damit dieses Verhältnis nachhaltig wirkt?

Die Leistungsbereitschaft muss spürbar sein. Wenn die Fans merken, dass die Mannschaft alles gibt, ist beinahe zweitrangig, was am Ende dabei herauskommt. Aber der Wille muss auf dem Platz sichtbar sein, dann können sich die Fans mit den Spielern identifizieren.

Seit August 2007 fungiert Reinhard Rauball zudem als Präsident des Ligaverbandes, in dem die 36 Profivereine der 1. und 2. Liga zusammengeschlossen sind. Im August endet die Amtszeit Rauballs, er stellt sich für die DFL nicht mehr zur Wahl.



Zur neuen Saison hat sich der BVB klar positioniert: Er will Meister werden. Eine mutige Marschroute?

Ja, es ist mutig, aber nicht unrealistisch. Denn die Mannschaft war ja schon drauf und dran, diesen Schritt in der vergangenen Saison zu machen. Und wir gewinnen jetzt noch deutlich Qualität hinzu und sind so noch besser gerüstet für etwaige Verletzungsprobleme. Wir werden stabiler sein und fußballerisch noch einen Tick besser.


Gilt es, nur auf die Bayern aufzupassen?

Ganz und gar nicht. Wir müssen auf alle Mannschaften in der Bundesliga aufpassen. Wir haben zuletzt viele Punkte verloren gerade gegen Mannschaften, die im unteren Drittel der Tabelle platziert waren. Hier müssen wir in Zukunft noch mehr und bessere Lösungen finden.


Der Nummer-eins-Status im Revier ist aber zementiert?

Für die vergangene Saison ist er zementiert. Unser Reviernachbar wird sich aber Gedanken darüber machen, wie er diese Talsohle korrigieren kann. Da unterschätze ich niemanden.

Seit dem Rücktritt Reinhard Grindels als DFB-Präsident am 2. April 2019 führt Reinhard Rauball zusammen mit dem zweiten Vizepräsidenten Rainer Koch kommissarisch den DFB. Auf dem DFB-Bundestag im September wird ein neuer DFB-Präsident gewählt.


Schalke ist als Vizemeister in die Saison gegangen und dann böse abgestürzt, steckte sogar im Abstiegskampf. Kann solch ein Absturz auch dem jetzigen Vizemeister BVB drohen?

In aller realistischen Bescheidenheit: Mit der Mannschaft, die wir jetzt haben, sind wir deutlich stärker, als es in der vergangenen Saison unser Reviernachbar war. Deswegen schließe ich das aus. Ich freue mich schon jetzt riesig auf die neue Saison – ich vermisse den Fußball sogar schon, da gibt es keine Abnutzungserscheinung.


Werden Sie das Saisonende als BVB-Präsident erleben? Ihre aktuelle Amtszeit endet im November 2019.

Wer der Mitgliederversammlung als Kandidat vorgeschlagen wird, das entscheidet der Wahlausschuss, der eine sehr hohe Kompetenz besitzt. Der Ausschuss hat immer eine gute Lösung gefunden.


Ihre Entscheidung, ob Sie überhaupt für weitere drei Jahre als BVB-Präsident zur Verfügung stehen würden, müssten Sie aber vorab treffen.

Das werde ich auch zu gegebener Zeit tun.

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