BVB-Präsident Dr. Reinhard Rauball fordert: „Wir müssen die Tugenden auf den Platz bringen, die Borussia Dortmund stets ausgezeichnet haben.“ © imago / Eibner
Borussia Dortmund

BVB-Präsident Rauball: „In zu vielen Fällen die Erwartungen nicht erfüllt“

Dr. Reinhard Rauball geht mit großen Erwartungen ins neue Jahr. Im Exklusiv-Interview spricht der BVB-Präsident über eine Hinrunde mit Höhen und Tiefen, Fußballtugenden und seine Zukunft bei Borussia Dortmund.

Die Erwartungen des Präsidenten an die BVB-Profis für die Rückrunde sind groß. Schließlich gehe es auch darum, erklärt Dr. Reinhard Rauball, das Verhältnis zu den Fans nicht zu beschädigen. Zu seinem 75. Geburtstag stellt sich der BVB-Präsident einem Gespräch über Fußballtugenden, seine Corona-Infektion, Hans-Joachim Watzkes neuen Job in der DFL-Führung – und über eine erneute Kandidatur als Präsident.



Herr Rauball, wird Bayern München am Saisonende wieder Deutscher Meister?

Ich beantworte diese Frage seit vielen Jahren nicht. Wenn ich „Ja“ sagen würde, dann denken alle, er glaubt nicht mehr an seinen BVB. Wenn ich „Nein“ sagen würde, heißt es vielleicht am letzten Spieltag: Da haben Sie aber einen großen Mund gehabt. Diese Frage führt nur zum Verlierertum.



Die Borussia wollte den Bayern auf die Pelle rücken. Warum klappt das noch nicht?

Soweit ich weiß, hat der Klub dieses Ziel nicht formuliert. Vorab: Die Punktausbeute in der Bundesliga ist der langen Serie von Verletzungen zum Trotz in Ordnung. Wir sind noch im DFB-Pokal vertreten. Lediglich die Platzierung in der Champions League war enttäuschend. Aber: Die Mannschaft hat nicht nur gute Spiele abgeliefert. Wir haben in unserem Stadion am Ende der Hinrunde Pfiffe erlebt. Wir müssen daran arbeiten, dass das nicht Platz greift.

Waren die Pfiffe der Fans gegen das eigene Team für Sie nachvollziehbar?

Das Recht, seine Meinung kundzutun, hat jeder.



Hat es der BVB den Bayern in den jüngsten Wochen zu leicht gemacht, davonzuziehen?

Vielleicht haben wir zu lange widerspruchslos ertragen, dass wir ständig am Verhältnis zu Bayern München gemessen wurden. Das wird Borussia Dortmund nicht gerecht und macht mit Blick auf die unterschiedlichen wirtschaftlichen Voraussetzungen ohnehin wenig Sinn. Von diesem ausschließlichen Blick auf die Bayern sollten sich alle lösen. Unser Ziel war und ist es, die Qualifikation für die Champions League zu erreichen. Gerade durch die Auswirkungen der Pandemie ist das aus wirtschaftlicher Sicht immens wichtig. Hier sind wir auf einem guten Weg.



Was erwarten Sie jetzt von der Mannschaft?

Wir müssen die Tugenden auf den Platz bringen, die Borussia Dortmund stets ausgezeichnet haben. Kampf und Einsatzbereitschaft bis zum Letzten, der Wille, guten Fußball zu zeigen. Man darf im Rückblick das große Verletzungspech, das wir hatten, nicht ausklammern. Aber in der Hinrunde hat die Mannschaft in zu vielen Fällen die Erwartungen nicht erfüllt. Wir haben weiter wertvolle und lohnenswerte Ziele, zum Beispiel in der Europa League, wo sie sich nun beweisen kann und muss.

Lenken die Geschicke des BVB: Präsident Dr. Reinhard Rauball (r.) und Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke. © imago / Team 2

Wie muss sich die Mannschaft nach dem Aus in der Königsklasse auf den neuen Wettbewerb eine Stufe tiefer einstellen?

Die Champions League im Kopf jetzt komplett abzuhaken, das wird wichtig sein. Und wir sollten nicht den Fehler machen, sofort auf das mögliche Finale in der Europa League zu blicken. Wir sollten uns auf das nächste Spiel konzentrieren, also auf das Duell mit den Glasgow Rangers. Ich gehe fest davon aus, dass die sportlich Verantwortlichen der Mannschaft verdeutlichen, worauf es jetzt in der Europa League ankommen wird.



Noch immer hat die Pandemie die Welt im Griff. Wie sehr spüren Sie persönlich die Belastung?

Ich nehme die Fachleute ernst, halte mich zurück im Kontakt mit Menschen, nutze die Schutzmaßnahmen. Trotzdem habe ich mich mit Corona infiziert, ohne Symptome zu spüren. Ich kam von einer Auslandsreise zurück und habe mich deshalb testen lassen. Der Test fiel positiv aus und ich musste mich zwei Wochen in Quarantäne begeben. Ich merke auch, dass Leute, mit denen man früher gesellig zusammensaß, sich zurückziehen. Das mindert ein Stück weit die Lebensqualität. Ich vermeide es auch, zur Mannschaft in die Kabine zu gehen. Den Tag, an dem wir uns wieder frei in unserem Leben bewegen können, sehne ich herbei.


Welche Auswirkungen wird die Pandemie nachhaltig auf den Profifußball haben? Wegbrechende Einnahmen, sich entfremdende Zuschauer – ist das eine gefährliche Gemengelage?

BVB-Präsident Dr. Reinhard Rauball (l.) und Bundestrainer Hansi Flick beim Heimspiel gegen Frankfurt im August. © imago / Revierfoto

Aus dieser Situation muss man die richtigen Konsequenzen ziehen. Dazu zählt auch der größte Katalysator: Dass das Verhältnis unserer Mannschaft zu den Fans intakt bleibt, keine Risse bekommt. Und wir als Verein müssen an unserer Politik festhalten: die Stehplätze und den Kontakt zu den Anhängern erhalten, bezahlbare Tickets nicht angreifen. Das muss für uns als BVB eine wichtige Aufgabe sein.



Fans haben sich stark gemacht für einen Grundwertecodex des BVB. Wie ist der Stand der Dinge?

Wir haben uns mit den Initiatoren im Vorfeld der Mitgliederversammlung zwei Mal getroffen und sind zu dem Schluss gekommen: Es ist eine wichtige Sache, die nicht übers Knie gebrochen werden, sondern mit Ruhe, strukturiert und im Einklang mit unserer Satzung bearbeitet werden sollte. Es ist gut, dass wir den ersten Pflock jetzt eingeschlagen haben, diesen Codex im nächsten Jahr gemeinsam entwickeln – und so zu einer sinnvollen, runden Sache zu machen.



Bekommt ein solcher Grundwertecodex auch Bedeutung, weil es in jüngster Vergangenheit viel Konfliktstoff zwischen Fans und Klub gab? Es gab Stress um den Fan-Token, das Cup-Trikot, die Reform der Champions League …

Es geht um weit mehr. Ein solcher Codex strahlt hinein in die gesamte Gesellschaft, es geht um Grundwerte wie Toleranz, Weltoffenheit, für die Borussia Dortmund immer schon stand und weiter stehen wird. Natürlich aber muss der BVB zum Beispiel auch bei Vertragsabschlüssen mit Sponsoren seine Grundwerte beachten. Der Codex wird Inhalte haben, die über unsere bisherige Satzung hinausgehen und die Borussia Dortmund gut zu Gesicht stehen werden.


Hans-Joachim Watzke ist jetzt neuer Aufsichtsratsvorsitzender der DFL. Wie wertvoll wird es für den BVB sein, nach Ihnen wieder eine derart gewichtige Stimme in der DFL und im DFB zu haben?

Aus diesem Amt zieht Borussia Dortmund keine Vorteile, das muss man festhalten. Ich habe selbst zwölf Jahre als Aufsichtsratsvorsitzender und als Präsident des Ligaverbandes nie den BVB als Profiteur gesehen. Es geht darum, die unterschiedlichen Strömungen in der Liga frühzeitig zu erkennen und alles so zu koordinieren, dass es gemeinsam mit allen Klubs weitergeht. Hans-Joachim Watzke wird sich sicher keine BVB-Politik vorwerfen lassen müssen. Im Gegenteil, er wird das große Ganze im Auge behalten.



Sie feiern am Samstag Ihren 75. Geburtstag. Werden Sie auch mit 76 noch im Amt des BVB-Präsidenten sein?

Sie spielen darauf an, dass meine aktuelle Amtszeit im November 2022, einen Monat vor meinem 76. Geburtstag, endet. In unserer Satzung ist festgehalten, dass der Wahlausschuss des BVB mich erst einmal zur neuen Wahl vorschlagen müsste.


Es steht und fällt aber letztlich mit Ihrer Bereitschaft, für eine weitere Amtszeit bis 2025 überhaupt kandidieren zu wollen. Würden Sie Stand jetzt „Ja“ sagen?

Kann sich eine weitere Amtszeit als BVB-Präsident vorstellen: Dr. Reinhard Rauball. © imago / Thomas Bielefeld

Ich bin komplett gesund, habe täglich Spaß an der Arbeit für den BVB. Wenn sich daran nichts ändert, wäre ich für eine Diskussion mit den Vertretern des Wahlausschusses aufgeschlossen.



Ist ein klassischer Ruhestand für Sie überhaupt vorstellbar?

Klares Nein. Ruhestand kam bisher in meinem Vokabular nicht vor.



Zum 75. Geburtstag – was wäre das schönste Geschenk?

Die Gesundheit meiner Familie – und dass die Allgemeinheit nicht bedroht ist durch die Pandemie. Stattdessen die uneingeschränkte Fähigkeit, im Leben glücklich zu sein.

Über den Autor
Sportredaktion Dortmund
Sascha Klaverkamp, Jahrgang 1975, lebt im und liebt das Münsterland. Der Familienvater beschäftigt sich seit mehr als 20 Jahren mit der Sportberichterstattung. Einer seiner journalistischen Schwerpunkte ist Borussia Dortmund.
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Sascha Klaverkamp

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