Konnte nach seinem Treffer kaum aufhören zu grinsen: BVB-Profi Julian Brandt. © dpa
Borussia Dortmund

BVB-Profi Julian Brandt hadert mit den Umständen der Corona-Pandemie

Julian Brandt meldet sich aus dem tiefen Tal mit einem wichtigen Tor für den BVB zurück. Nach dem 2:0 gegen die Hertha gibt der 24-Jährige zu, dass ihm die äußeren Umstände schwer zusetzen.

Sein Grinsen hatte dieses Schelmische. Manchmal, sagen auch Kollegen über Julian Brandt, sei der 24-Jährige ja ohnehin noch wie ein kleiner Junge. Der Sachen macht, die ihm gerade in den Kopf kommen, ob vernünftig oder nicht, darüber kann man dann ja später auch noch nachdenken. Als also der Ball nach Brandts 25-Meter-Schuss aufs Berliner Tor zuflog, hätte man über die Sinnhaftigkeit dieser Aktion durchaus diskutieren können. Der Ball flog zentral aufs Tor, halbhoch – das sollte ein Bundesliga-Torhüter doch wohl meistern können, für den Berliner Torhüter Rune Jarstein hätte er kein allzu großes Problem darstellen dürfen.

BVB-Profi Brandt ist erschrocken über sein eigenes Tor

Doch der Schuss zischte quasi an Jarsteins Hüfte vorbei, der völlig überrascht wirkte und dessen später Versuch, noch zu retten, was nicht mehr zu retten war, so hilflos aussah, dass man beinahe Mitleid haben konnte mit dem Norweger. Jarsteins Reaktion konnte das Unheil nicht mehr abwenden, 1:0 für die Borussia. Und Brandt grinste schelmisch, als ihm die Mitspieler um den Hals fielen. Weil er natürlich wusste, dass das ein Tor unter tatkräftiger Mithilfe des gegnerischen Torhüters gewesen war.

„Ein wenig erschrocken“, gab er später an, sei er sogar gewesen, „dass der dann so reingegangen ist“. Es war in einem sehr zähen Spiel für seine Mannschaft der Wendepunkt, der die Partie öffnete und in die richtigen Bahnen lenkte. Danach war alles einfacher für Borussia Dortmund. Und wer weiß: Vielleicht kann Julian Brandt ja dann am Ende der Saison zurückblicken auf diese Szene und auch von einem persönlichen Wendepunkt sprechen.

Brandt blieb für BVB-Trainer Edin Terzic die größte Herausforderung

Seit Edin Terzic im Dezember bei Borussia Dortmund das Ruder übernommen hat, hat er einigen Sorgenkindern auf die Sprünge geholfen. Jadon Sancho zum Beispiel, auch Kapitän Marco Reus, das sind die beiden prominentesten Beispiele. Die Formkurve der beiden zeigte in den vergangenen Wochen nachhaltig nach oben. Sogar Nico Schulz hat Terzic einigermaßen hinbekommen. Julian Brandt war bis zum Samstag sozusagen der letzte verbliebene schwierige Fall. Terzics größte Herausforderung.

Dass er ihm gegen die Berliner erneut das Vertrauen schenkte, sollte sich diesmal auszahlen. „Er war schon in der ersten Halbzeit gut im Spiel, hatte viele Ballaktionen, aber wie bei allen Offensivspielern hat so ein bisschen die Effektivität gefehlt“, meinte Terzic nach der Partie. „Er hat sich dann durch das Tor belohnt. Das war der Dosenöffner für uns.“

Einer wie Brandt braucht die Reaktionen von den Rängen

Brandt selbst verhehlte nach dem Spiel seinen Frust über die schon länger andauernde schwierige persönliche Phase nicht – und bekannte erstmals in dieser Offenheit, dass ihm die äußeren Umstände zu schaffen machen. „Das große Ganze mit dem leeren Stadion“, meinte er, „das zieht nicht spurlos an einem vorbei.“ Der Blondschopf ist bekannt dafür, auf dem Platz spontan und mit viel Instinkt zu spielen. „Die sicheren Sachen“, hat er mal gesagt, „die mag ich nicht so.“

So einer braucht die Reaktionen von den Rängen, das Aufstöhnen bei misslungenen Aktionen wohl ebenso wie das anerkennende Raunen, wenn etwas Außergewöhnliches gelingt. All das fehlt seit nun zwölf Monaten, und während einige seiner Mitspieler durchaus von den sterilen Bedingungen profitieren, scheinen sie für Julian Brandts Art, Fußball zu spielen, Gift zu sein.

Auch in der Nationalmannschaft schwanken Brandts Leistungen

Das zum 1:0 am Samstag war erst sein zweites Tor der laufenden Saison. Der Treffer, formulierte Sportdirektor Michael Zorc am Sonntag im Gespräch mit den Ruhr Nachrichten, „wird ihm hoffentlich Motivation verleihen und helfen, sein höchstes Potenzial abzurufen.“ Das würde Borussia Dortmund guttun, aber auch seinen persönlichen Chancen auf die Europameisterschaft im Sommer.

Dass Brandt dort zum deutschen Team gehören wird, ist nach einer bislang sehr mäßigen Saison keinesfalls gesichert. Auch Joachim Löw rätselt über die Schwankungen im Spiel des gebürtigen Bremers, die er auch im DFB-Trikot schon mehrfach gezeigt hat. Im vergangenen Herbst gab es vor dem Länderspiel gegen Tschechien in Leipzig ein Vier-Augen-Gespräch zwischen Löw und Brandt, in dem der scheidende Bundestrainer den Dortmunder auch ausdrücklich in die Pflicht nahm. Er erwarte und hoffe von Brandt, meinte Löw, dass er „den nächsten Schritt geht und die nächste Hürde überspringt.“ Mehr Konstanz, mehr Zielstrebigkeit, das war damit gemeint.

BVB-Boss Watzke über Brandt: „Er braucht seine Lockerheit“

Vielleicht war das Berlin-Spiel ein erster Schritt. Viele weitere müssten in den verbleibenden Wochen folgen, damit die Saison für Julian Brandt in der persönlichen Bewertung positiv in Erinnerung verbleiben wird. Er versuche, meinte er nach dem Spiel gegen die Hertha, sich „da Stück für Stück rauszuholen“. Und jedes Tor tue dabei extrem gut. Brandts oberster Vorgesetzter, Hans-Joachim Watzke, hat schon vor Monaten erkannt, wo es bei Julian Brandt hapert. „Er braucht vor allem seine Lockerheit“, meinte Watzke damals. „Wenn er locker ist, kann er ganz ungewöhnliche Dinge machen, die sonst nur ganz wenige können.“

Über den Autor
BVB-Redaktion
Dirk Krampe, Jahrgang 1965, war als Außenverteidiger ähnlich schnell wie Achraf Hakimi. Leider kamen seine Flanken nicht annähernd so präzise. Heute nicht mehr persönlich am Ball, dafür viel mit dem Crossbike unterwegs. Schreibt seit 1991 für Lensing Media, seit 2008 über Borussia Dortmund.
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Dirk Krampe