Die BVB-Profis haben in der vergangenen Saison Teile der Fans nachhaltig verstimmt. Es gab Pfiffe und ätzende Kritik. Das Verhältnis soll jetzt dringend verbessert werden.

Dortmund

, 15.08.2018, 16:30 Uhr / Lesedauer: 3 min

Ungedämpft schlug den Borussen die Verärgerung entgegen. In unmissverständlichen Gesten, harten Worten und Pfiffen. Frust und auch Wut brachen sich Bahn im Dortmunder Block. Der BVB hatte soeben trotz eines 1:3 bei der TSG Hoffenheim das minimalste Saisonziel, die Qualifikation für die Champions League, erreicht. Bei den treuesten Anhängern aber waren nicht erst Mitte Mai die Spielzeit und viel Kredit verspielt. Die Fans schickten die Profis weg. Von einem versöhnlichen Abschied keine Spur.

„Müssen wieder zueinander finden“

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„Mir tut es weh, wenn wir dann zur Kurve gehen und uns noch nicht einmal bedanken können für die Unterstützung“, beteuerte Nuri Sahin (29), durch dessen Adern schwarzgelbes Blut fließt, im Mai. „Wir müssen wieder zueinander finden, unser Stadion muss wieder eine Festung werden.“

Nicht nur Risse, sondern tiefe Brüche traten zu Tage in der Saison 2017/18. Eine ernsthafte und schwerwiegende Entfremdung innerhalb der BVB-Familie. Den Dortmunder Fans fehlten Leidenschaft und Identifikation auf dem Rasen. Nachvollziehbar bei verkorksten Spielen, Führungsspielern im Dauer-Formtief und Stars, die ungefragt mit Transfers zu Real, Milan oder nach China kokettieren oder gleich streikten.

Derby-Pleite als Tiefpunkt

Einen weiteren Tiefpunkt bildete sicher die Derby-Niederlage auf Schalke (0:2). Ein Desaster, auf das die Fans nicht nur mit Liebesentzug, sondern auch mit ätzender Kritik reagierten. „Kein Wille, keine Leidenschaft, kein Mut, keine Mannschaft: Niemand verkörpert Borussia Dortmund so wenig wie ihr“, stand auf einem Banner, das fast die gesamte Breite der Südtribüne überspannte. „Versager“ hieß es an anderer Stelle.

BVB-Profis müssen verloren gegangenen Kredit zurückgewinnen

Die Kritik der BVB-Fans nach der peinlichen Derby-Pleite war deutlich wie selten zuvor. © imago

Für manch einen Schwarzgelben auf den Rängen hat sich der BVB zu sehr verändert seit den Erfolgsjahren. Geduld und Gemeinschaft wurden auf eine harte Probe gestellt, Fannähe wird vermisst. Pfiffe für eine verunsicherte Mannschaft beförderten die Frage, was zuerst da war: die Täuschung oder die Enttäuschung. Und der Ärger ging einher. Im Fanzine „schwatzgelb.de“ kam die Sprache auf einen „mehrjährigen sportlichen Verfallsprozess“ und einer „hausgemachten Problematik“.

Plätze im Stadion bleiben frei

Roman Bürki ließ sich im Winter nach einem schmeichelhaften 2:2 gegen den SC Freiburg zu folgender Einschätzung der Besucher auf Ost- und Westtribüne hinreißen: „Am Samstag gehe ich mal ins Stadion, schaue, wie es ist und pfeife meine eigene Mannschaft aus. Ich höre keine Unterstützung von diesen Tribünen.“ Der Rüffel kam prompt: „Die Aussage ist unangemessen und inhaltlich falsch“, sagte Sportdirektor Michael Zorc. „Ich empfehle den Spielern, die 90 Minuten nochmal am Stück anzusehen - da müssen sie aufpassen, dass sie nicht selbst pfeifen.“ Auch beim Zuschauer-Krösus blieben in der Rückrunde Plätze auf den Rängen frei.

Zorc, der in seine 41. Saison als Borusse geht, ist der Bruch nicht verborgen geblieben, im Gegenteil. Die Wiederherstellung eines „Dortmund-Gefühls“ intern und im Zusammenspiel mit den Anhängern stehe weit oben auf der Agenda der Klubführung, sagte er jetzt: „Das Gefühl des totalen Zusammenhalts, dieses Gemeinschaftsgefühl, hat uns immer ausgezeichnet, gerade in schwierigen Zeiten. Es war in der vergangenen Saison ein Stück weit verloren und es gab ein leichtes Auseinanderdriften der BVB-Familie. Sicher auch bedingt durch ein paar undisziplinierte Aktionen, die öffentlich wurden. Dafür bringen Fans kein Verständnis auf.“

„Das ist unsere Mannschaft“

Selbst während der tabellarischen Talfahrt im Winter 2014/15, als der BVB auf Platz 18 abrutschte, durften sich die Spieler der unbedingten Unterstützung von den Rängen sicher sein. Im Frühjahr 2018, sportlich in einer unvergleichbar besseren Situation, nicht mehr. Einer, der sich in Sachen Hingabe nie etwas zu Schulden hat kommen lassen beim BVB ist Sebastian Kehl, seit Juni als Leiter der Lizenzspieler-Abteilung zurück im Klub. Dortmund sei eine Arbeiter-Stadt, erklärte er, „hier ist es extrem wichtig, dass die Spieler sich mit dem Verein und der Stadt identifizieren und dass die Menschen sehen: Das ist unsere Mannschaft.“

BVB-Profis müssen verloren gegangenen Kredit zurückgewinnen

Wichtiger Baustein des neuen BVB-Konstrukts: Sebastian Kehl. © Inderlied/Kirchner

Nach der Aufbereitung der Werte wie Disziplin, Identifikation, Bodenständigkeit und Leistungskultur innerhalb der Mannschaft sollen diese Werte auch nach außen durchdringen. „Wir müssen das Zusammenspiel mit den Fans wieder deutlich besser hinbekommen und auf eine gesunde Ebene heben“, sagt Kehl. Die Mannschaft hat eine tiefgehende Selbstkritik angekündigt für den Sommer. Die nächsten Wochen werden zeigen, ob das Verhältnis von Team und Tribüne nach dem internen Neustart wieder zu alter Stärke zurückfindet.

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