BVB-Sportdirektor Michael Zorc spricht im XXL-Interview mit Jürgen Koers und Tobias Jöhren über Transfer-Weltmeister, den Neustart, Personalplanungen und Trainer Lucien Favre.

Marbella

, 13.01.2019, 18:00 Uhr / Lesedauer: 11 min

Herr Zorc, dürfen wir Sie nach Ihrer Körperlänge befragen und nach der Konfektionsgröße?
Warum?

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Nach dem Pulisic-Transfer haben Fans vorgeschlagen, man sollte Ihnen ein Denkmal bauen in Lebensgröße. Wir wollten die Fakten liefern.

Das ist Quatsch, ich brauche kein Denkmal. Ich glaube, dass wir für alle Beteiligten eine gute Lösung gefunden haben. Für uns, weil wir Planungssicherheit bekommen und ein attraktives Ergebnis erzielt haben. Auch Christian und Chelsea haben Planungssicherheit. Und ich muss schon anmerken, dass es mindestens noch einen weiteren Klub gegeben hätte, der auch bereit gewesen wäre, eine Summe in dieser Größenordnung zu bezahlen.


Für einen Spieler mit nur einem Jahr Restlaufzeit im Vertrag sind 64 Millionen Euro schon außergewöhnlichviel.

Ja, aber der Deal gibt Chelsea jetzt Sicherheit, und sie müssen nicht im Sommer in einen Bieter-Wettstreit eintreten. Sie haben Klarheit und können mit dem Spieler planen. Das war sicher auch ein wichtiger Gedanke dahinter.

BVB-Sportdirektor Zorc im XXL-Interview: Wir haben noch einiges vor

Der Wechsel von Christian Pulisic zum FC Chelsea spült dem BVB 64 Millionen Euro in die Kasse. © Inderlied/Kirchner

Nicht nur wegen dieses Transfers ist der BVB als „Transfer-Weltmeister“ bezeichnet worden. Können Sie mit dem Begriff etwas anfangen?

Nein. Ich bin dafür zu lange im Geschäft. Für uns ist wichtig, dass das, was wir uns unter dem Oberbegriff „Neustart“ vorgenommen haben, sehr gut begonnen hat. Was wir seit dem Sommer umgesetzt haben, scheint Stand jetzt zu funktionieren. Das ist uns wichtig.


Was machen Sie denn mit dem ganzen Geld?

Wir haben ja noch einiges vor. Klar ist, dass Christian Pulisics Abgang eine Lücke hinterlässt. Die gilt es bis zum Sommer zu schließen. Und wir haben auch vor, einiges umzusetzen und weiter am Kader zu arbeiten. Es ist immer gut, wenn man noch etwas in der Hinterhand hat.


Ist Thorgan Hazard von Borussia Mönchengladbach nur ein Kandidat für die Pulisic-Nachfolge oder sogar Ihr Wunschkandidat?

Ich lese viele Namen in der Zeitung und wundere mich aktuell, was da schon alles besprochen worden sein soll. Wir werden immer mit vielen Namen in Verbindung gebracht. Das ist alles viel zu früh und unausgegoren.


Daniel Angelici, Präsident der Boca Juniors, hat offen über die Verhandlungen mit Borussia Dortmund wegen des Spielers Leonardo Balerdi gesprochen. Was sagen Sie dazu?

Wir haben natürlich eine Situation, in der Manuel Akanji aktuell nicht einsetzbar ist. Hier wird sich in den nächsten Tagen entscheiden, wie es weitergeht und wie lange die Ausfallzeit in etwa sein wird. Natürlich kann es sein, dass wir nochmal reagieren, indem wir einen Transfer, der eigentlich für den Sommer geplant war, vorziehen. Aber das sage ich alles noch im Konjunktiv. Es sind Überlegungen. Wobei wir mit Abdou Diallo, der jetzt wieder voll im Training ist, Ömer Toprak, der fit und gesund ist, und Julian Weigl, der gegen Gladbach ein gutes Spiel in der Innenverteidigung gezeigt hat und in Marbella auch überwiegend auf dieser Position trainiert hat, nicht ins Bodenlose fallen. Auch Dan-Axel Zagadou hat schon wieder große Umfänge des Trainings mitgemacht.

Sie haben gesagt, der Neustart seit dem Sommer habe besser und schneller begonnen, als es zu erwarten war. Die Zeitspanne dafür hatten Sie mit mindestens zwei Sommer-Transferperioden angegeben, um den Kader zu justieren. Jetzt läuft es schon so gut - was muss denn noch passieren?

Der Kader ist von der Quantität noch ein bisschen zu groß. Wir haben aufgrund der schwierigen vergangenen Saison in erster Linie das versucht umzusetzen, von dem wir überzeugt waren, dass es sofort hilft. Wir wollten nie wieder in die Situation kommen, am letzten Spieltag aufs Handy schauen und hoffen zu müssen, dass Hannover in Leverkusen noch ein Tor schießt. Wir haben klare Konsequenzen daraus gezogen, dass wir viel zu leicht zu bezwingen waren. Unabhängig davon, ob 25 oder 28 Spieler im Kader stehen, mussten wir unsere Baustellen abarbeiten. Das haben wir, glaube ich, ganz gut erledigt. Aber es geht immer weiter. Im Fußball arbeitest du ja nicht einmal an deinem Kader und hast dann zwei Jahre Ruhe. Das ist ein permanenter Prozess, weil auch im eigenen Kader viel passiert. Manche Spieler entwickeln sich unerwartet gut, andere weniger. Du hast Verletzungen, bei anderen wird die Vertragslaufzeit kürzer und du musst reagieren. Es ist eine ständige Veränderung.


Ist denn noch mit Abgängen in diesem Winter zu rechnen?

Das Transferfenster ist noch bis Ende des Monats geöffnet. Es kann sein, dass noch etwas passiert. Das wäre dann aber eher Kosmetik. Wir haben nicht die absolute Notwendigkeit, jemanden verkaufen zu müssen. Wenn es Sinn ergibt für alle Beteiligten, werden wir etwas umsetzen. Wenn nicht, dann bleibt eben alles so, wie es ist.


Sie haben zwar im Sommer auch erfahrene Spieler verpflichtet, aber die Philosophie von Borussia Dortmund bleibt es weiterhin, vielversprechende Talente früh zu entdecken. Diese Strategie wird angesichts der steigenden Preise schwieriger, oder? Wenn ein Balerdi nach fünf Ligaspielen 15 Millionen Euro kosten soll, sprengt das doch alle Dimensionen.

Ich kommentiere keine Namen, habe jetzt gerade aber auch von einem Angebot über rund 40 Millionen Euro für einen Spieler gehört, der nicht mehr Spiele in England gemacht hat.


Aber der kommt nicht zum BVB …

Wer weiß? (lacht) Es ist wie eine Ziehharmonika. Du erlöst mehr, musst aber auch mehr investieren. Die Zeiten, in denen wir Robert Lewandowski oder Illkay für 4,5 bzw. 4 Millionen Euro verpflichten konnten, die sind vorbei. Das ist heute unmöglich. Aber deshalb erzielst du auch im Verkauf ein bisschen mehr. Es ist am Ende manchmal vielleicht sogar ein Nullsummenspiel. Insgesamt wird es aber schwieriger, das stimmt. Deswegen müssen wir weiter unsere Hausaufgaben machen, weiter schnell sein und fleißig an Alternativen arbeiten. Wir haben keine Umkehr unserer Transfer-Philosophie vollzogen, sondern insbesondere bei den Mittelfeldspielern Thomas Delaney und Axel Witsel der Vorsaison Rechnung getragen, weil wir den Eindruck hatten, dass Borussia Dortmund auf dem Rasen zu wenig Gegenwehr leistet. Wir hatten nicht die Robustheit, die es braucht, um nachhaltig in der Spitze zu spielen. Deshalb haben wir uns für Delaney entschieden, jeder hat gesehen, dass das die richtige Entscheidung war. Du musst aber auch ein bisschen Glück haben dabei, dass beispielsweise ein Witsel überhaupt verfügbar ist. Axel ist ein Weltklasse-Spieler, und dass er dann in der Transferperiode für uns verfügbar war und richtig Lust hatte, sich auf einen Traditionsklub wie Borussia Dortmund hundertprozentig einzulassen, sich mit der ganzen Sache zu identifizieren, das ist eine gute Geschichte für uns. Das ist aber keine Abkehr von der Philosophie, die wir sonst verfolgen.


Sondern?

Wir brauchen eine gesunde Struktur aus gestandenen Spielern und den so genannten „high potentials“, die wir hier entwickeln wollen, die bei uns eine sehr gute Plattform haben, um auf höchstem Niveau ihr Können zu zeigen und sich zu entwickeln. Diese absoluten Top-Talente und wir haben die gleichen Ziele, deshalb sind wir eine ganz gute Adresse für sie. Anders geht es für uns nicht. Wenn wir uns in der Spitze etablieren wollen, müssen wir einen anderen Ansatz finden als Klubs, die 250 Millionen Euro mehr Umsatz machen als wir.


Stichwort „high potentials“: Wenn man auf die internationalen Top-Talente schaut, dann kommen die häufig aus Frankreich, aus Spanien und inzwischen auch aus England. Was machen die besser als wir Deutschen?

Wir haben uns Ende des vergangenen Jahres mit den U-Nationaltrainern des DFB getroffen, auch Oliver Bierhoff war dabei. Wir haben diese Entwicklung besprochen und analysiert. Das ist nicht ganz einfach. Du siehst zum Beispiel an den Ergebnisse bei den großen Jugendturnieren, dass diese Stellung, die wir uns seit Anfang des Jahrtausends aufgebaut hatten, gegenwärtig bröckelt. Du hast im Moment das Gefühl, dass du links und rechts überholt wirst. Nicht nur von den Franzosen, die traditionell eine extrem gute Ausbildung hatten, und von den Spaniern, sondern mittlerweile auch von den Engländern. Ich weiß nicht, ob dort die Ausbildung individueller, vielleicht sogar mutiger ist - und weniger auf das Ergebnis ausgerichtet ist als bei uns. Wir müssen das genau analysieren.

BVB-Sportdirektor Zorc im XXL-Interview: Wir haben noch einiges vor

Auf dem Weg zum Superstar: Jadon Sancho. © Inderlied/Kirchner

Dembele oder Sancho sind natürlich Extraklasse. Aber der schnelle Dribbler auf den Außenbahnen fehlt uns in Deutschland, wenn man einen Leroy Sane mal außen vor lässt.

Ja. Aktuell haben wir die Extraklasse-Jahrgänge nicht, das muss man so sagen.


Haben Sie beim BVB einen Spieler im Blick, der es zu den Profis schaffen kann?

Das ist unsere erste Bürgerpflicht, dass wir die Jungs aus dem eigenen Stall weiterentwickeln. Da bin ich auch froh über Christian, der uns sportlich und jetzt auch wirtschaftlich weitergeholfen hat, und über Jacob, der sich jetzt auch in den Vordergrund gespielt hat. Das wird immer unsere Aufgabe bleiben. Es wird aber auch nicht einfacher, sondern eine große Herausforderung für unsere Leiter im Nachwuchs, Lars Ricken und Eddy Boekamp, dass wir in der absoluten Spitze dazugehören.


In Marbella war Tobias Raschl dabei. Was hat er für einen Eindruck hinterlassen?

Er ist zum ersten Mal dabei. Er hat sich gut integriert. Seinen Weg werden wir weiter beobachten.


Anderes Thema: Hatten Sie als Spieler eigentlich einen Berater?

Nein, leider nicht (lacht). Ich habe alles selber gemacht.


Heute sind Berater allgegenwärtig, sie haben eine wichtige Rolle eingenommen. Wie ist Ihr Verhältnis zur Branche?

Professionell. Du musst es so nehmen, wie es ist. Es nutzt ja nichts, sich naiv eine andere Welt zu erträumen, die es nicht gibt. Auch die jungen Spieler haben oft schon professionelle Berater. Manchmal auch zum Glück, denn sonst wäre ein Jadon Sancho beispielsweise nicht bei uns gelandet. Der kommt von Manchester City! Aber sein Berater hat gesehen, was in Dortmund passiert. Er hat die ganz besondere Qualität unseres Klubs erkannt, die Nische, die wir uns erarbeitet haben. Ich will mich nicht beklagen. Man muss vernünftig miteinander umgehen. Und das gelingt in der Regel. Auch von Berater-Seite spürt man einen gewissen Respekt vor dem, was wir bei Borussia Dortmund in den letzten Jahren aufgebaut haben.


Berater gehen immer früher an Spieler ran, die Auswüchse werden immer wilder. Wie schwer ist es, sich als Klub nicht auch die Finger schmutzig zu machen?

Wie meinen Sie das?


Wenn wir an die Enthüllungen der „Football Leaks“ denken, sind dort reihenweise dubiose Verträge und Geschäfte aufgedeckt worden.

Wir können immer nur Sachen machen, die wir auch vertreten können, gerade als börsennotiertes Unternehmen. Wir sind einer der transparentesten Klubs in ganz Europa. Da ist ein gewisser Verhaltenskodex auch Voraussetzung. Natürlich müssen wir auch mitspielen in dem Geschäft. Aber immer im Rahmen dessen, was erlaubt ist.

Sie zahlen viel Geld für Beraterdienste, der Geschäftsbericht weist da in der Regel achtstellige Summen aus.

Ja, das ist so - und das wird auch leider nicht weniger werden.


Sie selbst haben als sportlich Verantwortlicher des BVB inzwischen weit mehr als eine Milliarde Euro umgesetzt.

Das habe ich auch gelesen. Da wird einem schwindelig, nicht wahr? (lacht)


Das heißt, Sie haben sich noch nicht so recht daran gewöhnt?

Das schon, ich mache das ja jetzt seit 20 Jahren. Aber es ist immer gut, wenn die Summen für die Verkäufe höher sind als für die Einkäufe. Immer mehr Klubs müssen nicht wirklich darauf achten, dass sich Einnahmen und Ausgaben die Waage halten, werden von Staaten oder reichen Gönnern alimentiert. Wenn die Alimentierung in einem nachvollziehbaren und den Statuten entsprechenden Rahmen stattfindet, finde ich das nicht so schlimm. Schlimm ist es, wenn die Parameter so weit verschoben werden, wie es teilweise schon passiert ist. Aber da hat die UEFA zumindest teilweise eingegriffen - und sie muss auch weiter sehr genau hinschauen und durchgreifen.


Sind Sie für strengere Regeln?

Das Financial Fairplay ist ja eigentlich klar umrissen, es muss allerdings auch vernünftig angewendet werden. Es kann nicht sein, dass ein großer deutscher Klub für einen Sponsorenvertrag pro Jahr 40 Millionen bekommt und anderswo fließen für einen ähnlich gelagerten Vertrag 200 Millionen. Dann ist Chancengleichheit nicht gegeben.


Sie mussten in der jüngeren Vergangenheit immer wieder Spieler ziehen lassen, darunter Kaliber wie Ousmane Dembele oder Pierre-Emerick Aubameyang. Sie mussten aber auch Ihren Chefscout Sven Mislintat ziehen lassen. Was hat den Klub härter getroffen?

Es ist doch klar, dass es immer wieder personelle Veränderungen geben wird. Sven hat über viele Jahre hervorragende Arbeit bei uns geleistet. Aber ich bin sehr stolz darauf, dass wir diese Lücke eins zu eins aus den eigenen Reihen schließen konnten. Markus Pilawa ist auf dieser Position jetzt in der Verantwortung und macht einen riesigen Job - wie er es übrigens auch schon gemacht hat, als Sven noch da war.


Personelle Veränderungen gab es auch in der Führung, nämlich durch das Hinzukommen von Matthias Sammer als Berater und Sebastian Kehl als Leiter der Lizenzspieler-Abteilung. Welche Rolle spielt die Elefantenrunde für den aktuellen Erfolg?

Vieles von dem, was wir im Sommer umgesetzt haben, hat einen kleinen Beitrag dazu geleistet, dass wir wieder erfolgreich sind. Aber wir haben nur die Hinrunde gespielt, wir haben noch gar nichts gewonnen. Wir brauchen nicht jetzt schon das ganz große Fazit zu ziehen oder uns im Erreichten sonnen. Wir haben uns im Sommer ganz bewusst dazu entschieden, das so zu machen. Und die Maßnahmen, die wir getroffen haben, waren auch richtig. Ich habe ja auch festgestellt, dass das Anforderungsprofil an meinen Bereich von einer Person schwerlich zu bewältigen ist. Du kannst nicht gleichzeitig das inzwischen permanente Transfergeschäft steuern und viele andere Dinge machen - etwa jeden Tag, was zwingend notwendig ist, vor Ort am Trainingsgelände und dort Ansprechpartner für Trainer und Spieler sein. Das haben wir mit Sebastian Kehl sehr gut gelöst.


Und welche Rolle spielt Matthias Sammer?

Mit Matthias ist es etwas anders gelagert: Aki Watzke und ich führen den Klub jetzt gemeinsam seit vielen Jahren. Und dann fragt man sich irgendwann: Besteht da die Gefahr, dass du immer nach den gleichen Rezepten vorgehst, immer in den gleichen Regalen nach Lösungen suchst? Oder ist es vielleicht gut, mal einen anderen Blickwinkel zu bekommen, vielleicht mit etwas mehr Distanz? Deswegen ist diese Konstellation mit Matthias für uns erstklassig. Am Ende geht es aber nicht um uns alle, es geht um die Mannschaft. Die Arbeit wird in Brackel gemacht. Die Trainingsarbeit von Lucien Favre, das Zusammenspiel mit der Mannschaft, die Qualität des Kaders - all das ist deutlich anders als vor einem Jahr. Ein Beispiel: Letztes Jahr haben wir 4:4 gegen Schalke gespielt, jetzt haben wir 2:1 gewonnen. Dazwischen liegt nur etwa ein Jahr. Jetzt frage ich Sie: Auf wie vielen Positionen hat sich unsere Startelf geändert?

BVB-Sportdirektor Zorc im XXL-Interview: Wir haben noch einiges vor

Die BVB-Chefetage beobachtet das Training in Marbella (v.l.): Michael Zorc, Hans-Joachim Watzke und Sebastian Kehl. © Inderlied/Kirchner

Puh, da müssen wir jetzt mal jede Position einzeln durchgehen.

Ich gebe Ihnen genau eine Minute Zeit. (lacht)


Also, Roman Bürki …

Schon falsch! Roman Weidenfeller hat gespielt. Es waren elf andere Spieler. Elf andere - das zeigt natürlich deutlich die Veränderung, die die Mannschaft in sehr kurzer Zeit erlebt hat. Das ist natürlich ein extremes Beispiel, aber es zeigt, worum es geht. Da haben wir die richtigen Schlüsse gezogen, unsere Konstellation ist hervorragend und wir sind top aufgestellt. Aber die Hauptarbeit macht der Trainer!


Wie kontrovers wird in der Elefantenrunde diskutiert? Gerade wenn man Matthias Sammer kennt, muss die Frage erlaubt sein.

Sehr! Es macht ja keinen Sinn, wenn du da so eine Ja-Sager-Runde hast. Die Entscheidungsprozesse sind jetzt vielleicht etwas anders, der Entscheidungsträger ist aber der gleiche: Am Ende muss ich im sportlichen Bereich eine Entscheidung treffen, weil ich die Verantwortung habe. Wenn es gut läuft, so wie jetzt, ist es schön, dann scheint die Sonne. Und wenn es anders ist, bekomme ich eben auf die Mütze. Damit muss ich leben. Wir haben die Strukturen geregelt, wir haben ganz klare Abgrenzungen in den Kompetenzen. Das ist zwingend erforderlich, denn eine Basisdemokratie funktioniert im Fußball nicht.


Im vergangenen Jahr, als es nicht so lief, gab es auch Kritik an der sportlichen Leitung und an den Transfers. Ist es für sie persönlich eine Genugtuung oder eine Wohltat, wenn es jetzt besser läuft?

Davon mache ich mich frei. Natürlich ist es angenehmer, so wie es jetzt ist. Aber wir sehen uns mit dem Klub ja immer noch auf dem Weg, nachhaltig erfolgreich zu sein, und zwar in den Rahmenbedingungen und für die Rahmenbedingungen, die Borussia Dortmund zur Verfügung stehen. Das ist unser Auftrag und unsere Aufgabe, und ich glaube, das haben wir in den letzten Jahren gemeistert. Der BVB hat noch nie so einen langen Zeitraum gehabt, in dem er national kontinuierlich in der Spitze dabei war und immer international gespielt hat. Nicht in den 60-ern, nicht in den 70-ern, selbst in den 90-ern war es recht fix wieder vorbei. Das ist jetzt ganz anders.


Vor allem haben Sie eine Basis gelegt, bei der man sich kaum noch vorstellen kann, dass es auch mal schiefgeht. Die ersten vier Plätze werden zukünftig immer mit Borussia Dortmund und Bayern München besetzt sein, oder?

Einspruch! Bei Bayern München ist das klar, da ist der wirtschaftliche Unterschied zu den anderen Klubs noch einmal so groß, dass es fast unmöglich ist, aus den internationalen Rängen rauszurutschen. Aber wir selbst haben ja im vergangenen Jahr erlebt, dass es relativ eng war.


Aber wenn Sie selbst in so einem Jahr Vierter werden, in dem es an vielen Ecken gehakt hat, fehlt einem fast die Fantasie, dass es schiefgehen kann.

Das ist ja schön, wenn Sie das so sehen (lacht).


Trotz dieser erfolgreichen Entwicklung war die Kritik an Ihnen als sportlich Verantwortlichem in dem einen nicht erfolgreichen Jahr sehr harsch.

Wir haben uns über die Jahre auch eine gewisse Fallhöhe arbeitet. Das ist dann so, das gehört mit zum Job, damit müssen wir umgehen.


Was werden die größten Herausforderungen in der Rückrunde?

Zum einen ist es wichtig, dass wir nicht so schlimm vom Verletzungspech getroffen werden. Wir haben jetzt schon mit Manuel Akanji einen Fall, bei dem wir schauen müssen, wo es genau hingeht. Das ist nicht optimal. Obendrein dürfen wir nichts aus dem ableiten, was wir bisher erreicht haben, sondern daraus, wie wir es erreicht haben. Wir müssen uns immer wieder vergegenwärtigen, wie wir die Spiele gewonnen haben, wie wir trainiert haben, was wir getan haben. Wir dürfen nicht einfach denken: Wir sind Erster, haben ein paar Punkte Vorsprung und können hier und da mal ein paar Prozent weniger geben. Die Gier im positiven Sinne, die Gier auf Erfolg, die müssen wir uns weiter erhalten.


Welchen Eindruck macht die Mannschaft da auf Sie?

Sie wird sich zum Leipzig-Spiel sicher noch weiter steigern. Aber das ist jetzt natürlich so: Du guckst auf die Tabelle, Weihnachten kommt, dann Neujahr, du bist irgendwo im Urlaub und viele klopfen dir auf die Schulter. Die Zügel müssen jetzt wieder angezogen werden. Wenn man die ersten 20 Minuten im Testspiel gegen Düsseldorf gesehen hat, hatte man nicht das Gefühl, dass da jeder bei 100 Prozent ist.


Welche Worte finden Sie für die Arbeit von Lucien Favre?

So, wie wir es uns erhofft haben, ist es eingetreten. Er ist extrem motiviert, an vielen kleinen Punkten zu arbeiten - und zwar nicht nur mit der Zielsetzung, Spiele zu gewinnen, sondern auch, jeden einzelnen Spieler zu verbessern, mit ihm an Kleinigkeiten zu arbeiten. Das Ganze ergibt dann in der Summe oft auch guten Fußball. Und darüber hinaus ist die Zusammenarbeit mit ihm ausgesprochen vertrauensvoll und gut, das passt.

[Favre läuft vorbei, lacht und grüßt. Zorc: „Ich rede gerade über dich, Trainer“]


Wird ihm das öffentliche Bild von einem etwas kauzigen Typen gerecht?

Natürlich arbeitet er etwas spezieller als der eine oder andere seiner Vorgänger. Aber das macht es auch aus. Und ansonsten ist er in Dortmund sehr gut angekommen. Das Ganze ergänzt sich wirklich hervorragend!

BVB-Sportdirektor Zorc im XXL-Interview: Wir haben noch einiges vor

Michael Zorc sagt über Lucien Favre: „Natürlich arbeitet er etwas spezieller als der eine oder andere seiner Vorgänger. Aber das macht es auch aus.“ © Inderlied/Kirchner

Ist es auch ein Verdienst des Trainers, dass trotz des großen Kaders bislang keine Unruhe entstanden ist durch Spieler, die kaum spielen?

Natürlich sind Spieler, die wenig spielen, immer unzufrieden, das ist ja klar. Das müssen sie auch sein, das muss man ihnen auch zugestehen. Aber wichtig war, dass sie sich professionell verhalten haben. Dafür muss ich ihnen ein Kompliment machen.


Dann bleibt nur noch die Abschlussfrage: Am wie vielten Spieltag steht Borussia Dortmund als neuer Deutscher Meister fest?

Die Frage stellt sich nicht. Hans-Joachim Watzke hat doch schon gesagt, dass der FC Bayern München Favorit ist (lacht). Da gehe ich mit. Wir werden auch weiterhin immer nur an unsere nächste Aufgabe denken. Für Träumereien bekommen wir keinen Sieg. Keinen Punkt. Nicht einmal einen Einwurf.

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