BVB stellt sich selbst ein Bein - Zur Titelreife fehlt die Gier

rnBorussia Dortmund

Dem BVB fehlt es an Entschlossenheit und Killerinstinkt. Vor allem dann, wenn die Gegner keinen großen Namen haben. Nur mit feiner Klinge und fachlicher Analyse wird der BVB des Problems nicht Herr.

Dortmund

, 24.09.2019, 06:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Mats Hummels ärgerte sich, er schimpfte und schlug frustriert die Hände gegeneinander. Borussia Dortmunds potenzieller emotionaler Anführer war sauer. Die Szene ereignete sich wohlgemerkt 20 Minuten vor dem Anpfiff in der Commerzbank-Arena, die BVB-Spieler schossen beim Aufwärmprogramm aus 16 Metern aufs Tor. Hummels, von nicht nachlassendem Ehrgeiz getrieben, traf den Ball nicht, wie er es geplant hatte. Ihn ärgert so etwas.

Manch anderer Borusse, dessen Mentalität nach einem abermals verbockten Auswärtsspiel wie dem 2:2 in Frankfurt angezweifelt wird, hätte bei dieser Situation milde gelächelt. Diesen Unterschied sieht man dann allerdings auch im Spiel.

Definition von Mentalität
  • Mentalität, die: Geistes- und Gemütsart; besondere Art des Denkens und Fühlens (Duden)
  • „Die Einstellung ist wichtiger als die Aufstellung.“ (Matthias Sammer, BVB-Berater)

„Wir haben“, kritisierte Thomas Delaney, „nicht mit voller Stärke verteidigt.“ Das galt unbestritten für die Spielphasen gegen Ende der beiden Spielhälften. Es war bezeichnend, dass sich Delaney als einer von wenigen stellte und versuchte, das zu erklären, was ein Stück weit unerklärlich bleibt: Wieso Borussia Dortmund in unschöner Regelmäßigkeit mit schönem Fußball berauscht und kurz darauf in Selbstgefälligkeit dahinschmilzt wie ein Schneemann im Frühlingsregen. Manche Spieler, spottete ein Frankfurter Journalist, müssten Sorge tragen, dass es ihnen nicht in die Nase regne. Vor dem Fall kommt der Hochmut.

Delaney, dem unglücklichen Eigentorschützen, machte übrigens niemand einen Vorwurf. Außer ihm wären auch nur wenige andere Dortmunder für eine derartige Kamikaze-Rettungsaktion mit ungewissem Ausgang am eigenen Fünfmeterraum in Frage gekommen.

Auswärts ist der BVB nur Durchschnitt

Auswärts bleibt der BVB mit vier Punkten aus drei Partien im Durchschnitt hängen. Gegen beherzten Widerstand sinken die Schwarzgelben allzu leicht in die Knie. Immer dann, wenn Schönspielerei und der rein fußballerische Ansatz nicht mehr ausreichen, wird es eng. Trainer Lucien Favre negiert das und liegt falsch. Ein Pass gelingt nicht nur aufgrund der richtigen Fußstellung, sondern auch aufgrund der richtigen Einstellung.

Im Zweikampf kommt es auf die Präparation an – und die beginnt im Kopf. Wenn Deutschlands Fußballer des Jahres aus elf Metern Entfernung nur einen Kullerball zustandebringt statt des spielentscheidenden Treffers, liegt es nicht an mangelhafter Technik.

Favre taugt nicht als Muster an Emotionen

Der rein fachliche Ansatz (Favre: „Fehlpässe – für nichts“, „Es hat nichts zu tun mit Mentalität“) passt zum Trainer, auf diesem Weg hat er viel erreicht mit seinen Spielern und seiner Mannschaft. Als Muster an Emotionen und Entschlusskraft taugt der Schweizer dennoch nicht.

BVB stellt sich selbst ein Bein - Zur Titelreife fehlt die Gier

Lucien Favre glänzt als Analyst. Ein Motivator wie Jürgen Klopp ist er nicht. © imago

Bei der mentalen Entschlossenheit, sei es die Gier nach einem weiteren Tor oder der unverrückbare Wille, ein direktes Duell für sich zu entscheiden, befindet sich der BVB weit entfernt von den Fähigkeiten eines Titelkandidaten. Die feine Klinge allein reicht nicht, um Meister zu werden. Diese Borussen konnten nicht einmal einem Gegner den Garaus machen, der bereits am Boden lag.

Hummels und Witsel sind Vorbilder

Frankfurt war in den ersten 45 Minuten „ angeknockt“, wie Sportdirektor Michael Zorc es zuspitzte. Die scheintote Eintracht lief am Ende fünf Kilometer mehr als der BVB – der zwei Tage mehr Pause hatte nach der Europapokalwoche. Das ist eine Frage des Wollens.

Es gibt im Team leuchtende Vorbilder. Mats Hummels ist so eines, seine Palmarès beweisen, dass seine Einstellung zum Sport nicht die schlechteste ist. Oder Axel Witsel. In Frankfurt spielte er einen einzigen Fehlpass bei 61 Zuspielen, und selbst aus diesem resultierte sogar noch eine Ecke.

In Dortmund streben vor allem die alten Hasen nach Perfektion

Im Gespräch verriet er dieser Tage, dass ihn selbst das wurmt. Auch wenn es nur ein oder zwei misslungene Pässe in 90 Minuten gewesen seien, säße er nach den Spielen zuhause auf der Couch und hadere damit. Dieses Streben nach Perfektion sollte eigentlich junge Profis auszeichnen. In Dortmund sind es die alten Hasen, während die Hakimis und Akanjis Lorbeer beanspruchen, bevor die Zielgerade in Sicht ist.

Auf die Frage nach der fehlenden Mentalität reagierte Marco Reus am Sonntagabend auch deshalb so schroff und mit derbem Vokabular, weil die Debatte genau ins Zentrum trifft. Bei allem Überfluss an fußballerischer und individueller Qualität im Kader mangelt es, wie im Vizemeister-Jahr, an Entschlossenheit.

Hohe Ziele und hohe Gehälter machen keinen Meister, hochgereckte Nasen erst recht nicht. Wo BVB draufsteht, muss immer auch Fußballmaloche drinstecken.

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