BVB-Stratege Axel Witsel: Leise Zweifel am Unverzichtbaren

rnBorussia Dortmund

Ist Axel Witsel fit, steht er beim BVB in der Startelf. Das ist seit zwei Jahren Gesetz. Doch am als unverzichtbar geltenden Strategen mehren sich Zweifel. Zumal es eine Alternative gäbe.

Dortmund

, 29.09.2020, 07:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Im Fußballvokabular finden sich viele Umschreibungen für die Rolle, die Axel Witsel bei Borussia Dortmund einnimmt. Wahlweise wird er funktional als Schaltzentrale, Ballmagnet oder Chefstratege tituliert, oder vitaler als Herz und Hirn oder Schrittmacher. Als Mann im Zentrum laufen halt viele Fäden bei Witsel zusammen, er koordiniert seine Vorderleute bei der Arbeit gegen den Ball und hat fast immer seine Füße im Spiel, wenn der BVB den nächsten Angriff aufbaut. Witsel bildet den Mittelpunkt des Netzes, wenn die Spieler auf dem Platz ihre Positionen in Richtung Ball verschieben. Seit seinem Dienstantritt in Dortmund ist er unverzichtbar für Trainer Lucien Favre. Doch die leise hervorgebrachten Zweifel am Belgier nehmen zu. Einer der Vorwürfe lautet, Witsel stehe zu oft auf der Bremse.

BVB-Stratege Witsel spielt immer, wenn er fit ist

Die Einsatz-Statistiken sprechen vorab eine klare Sprache. In seiner schwarzgelben Premierensaison stand der inzwischen 31-Jährige in 43 von 45 Spielen auf dem Platz – einmal wurde er geschont, einmal zwickten die Muskeln (89 Prozent der Spielminuten). Im zweiten Witsel-Jahr fehlte er sieben Mal wegen seiner Gesichtsverletzung nach häuslichem Unfall und muskulären Problemen, in allen anderen 39 Spielen stand er auf dem Rasen, insgesamt in 77 Prozent aller Spielminuten, und wenn, dann fast immer über 90 Minuten. Witsel ist ein Vielspieler. Ein Stammspieler. Ein Führungsspieler.

„Ich gehöre zu den älteren und erfahrensten Spielern, ich will auch den anderen Jungs helfen“, sagt Mannschaftsrat Witsel über sich und seine Position im Kader. Von Lucien Favre wird niemand ein schlechtes Wort über ihn hören, und auch umgekehrt nicht. Witsel steht mit seiner Ballsicherheit und der Präzision im Kurzpassspiel fast sinnbildlich für die Philosophie seines Trainers, er gewährt die Balance zwischen Defensive und Offensive, zwischen Absicherung und Angriff. Aber sein Spiel hat halt auch Grenzen, wie die Partie beim FC Augsburg am Samstag beispielhaft aufgezeigt hat.

BVB-Profi Axel Witsel: Starke Passquote, aber wenig Raumgewinn

Eine 100-prozentige Passquote wies die Statistik für ihn aus. Dass Witsel wenig lief – mit 9,39 km trabte er die wenigsten Meter aller Feldspieler -, lässt sich mit dem extrem hohen Ballbesitzanteil von teilweise 80 Prozent erklären, schlappe sieben angezogene Sprints sind da schon eher ein Makel. Die zentrale Kritik, die nur allgemein ausgedrückt wurde, zielte jedoch in seinen Wirkungsbereich.

Die Heatmap von Axel Witsel im Spiel gegen Augsburg.

Die Heatmap von Axel Witsel im Spiel gegen Augsburg. © Deltatre

„Wir müssen mehr Geduld haben und viel mehr auf dem Flügel spielen, wenn man gegen solche Mannschaften spielt“, monierte Favre. Schnelle Verlagerungen und Diagonalbälle hätten gefehlt, und vor allem Tempo bei den Passfolgen, um den tief stehenden Gegner zu bewegen, zu ermüden und zu destabilisieren. Der Ball lief zwar manierlich durch die Dortmunder Reihen, oft über Witsel als Verteiler, doch Raumgewinne, Beschleunigungen, Überraschungseffekte waren Mangelware. „Wir haben weiter Gas gegeben und hatten fast 80 Prozent Ballbesitz“, erklärte Witsel selber, „haben aber einfach nicht die Lösungen in den letzten 25 Metern gefunden.“ Bis dorthin kamen die Borussen zwar - aber die Augsburger waren zwischenzeitlich auch längst da.

BVB-Profi Witsel spielt lieber sicher als riskant

Als selbst ernannter „Spielmacher“ gehört die Variation bei der Geschwindigkeit und flexibles Spiel zu seinem Kerngeschäft, aber Witsel verschleppt das Tempo auch gern mal, spielt lieber quer als vertikal, lieber sicher als mutig. Im BVB-Sprech heißt es dann, man dürfe Geduld nicht mit Langsamkeit verwechseln.

Jetzt lesen

Unverzichtbar bleibt der Belgier trotzdem vorerst, vor allem dann, wenn vor ihm in Jude Bellingham und Gio Reyna zwei 17-Jährige wirbeln, denen Rückendeckung von Witsel sehr gut tut. Mehr als ein interessantes Gedankenspiel könnte es sein, den jungen Bellingham perspektivisch mit der zentralen Rolle vor der Abwehr vertraut zu machen. „Du siehst sofort, dass er zwar noch jung ist, aber anders als die anderen Spieler in seinem Alter“, sagte Witsel über seinen neuen Mitspieler. Der 17-Jährige werde mal ein „sehr wichtiger Spieler sein“.

BVB-Youngster Bellingham als Alternative für Axel Witsel auf der Sechs

Für den Anfang wäre Bellingham mit seiner vielseitigen Veranlagung als Sechser eine naheliegende Option, um Vielspieler Witsel mehr Pausen zu ermöglichen. Damit wäre der Konkurrenzkampf auch für den Unverzichtbaren in vollem Gange.

Lesen Sie jetzt