Matchwinner in Halle: Immanuel Pherai © imago images/Eibner
Borussia Dortmund II

BVB-Talent Pherai hat ungewisse Zukunft – was ihn wichtig macht und dringend besser werden muss

Immanuel Pherai wollte bei den BVB-Profis einen neuen Anlauf wagen, doch landete dann in der U23. Wie macht sich der Klient von Berater-Gigant Mino Raiola? Und wie plant er seine Zukunft?

Wer mit oder über Immanuel Pherai spricht, der redet häufiger als gewöhnlich über Ambitionen. Bei der Borussia nennen sie ihn einen Spieler, „der ganz genau weiß, wohin er will“. Und Pherai selbst gab mit Blick auf seinen 2022 auslaufenden BVB-Vertrag unlängst zu verstehen, dass auch eine Leihe für ihn infrage käme, er aber in jedem Fall genau wissen wolle, „was von mir erwartet wird, um eine Zukunft in Dortmund haben zu können“. Er hat doch ein konkretes Ziel vor Augen: Einzug im oberen Profifußball zu erhalten, möglichst zügig.

Und so staunten so einige im U23-Lager dem Vernehmen nach nicht schlecht, als der 20-jährige Niederländer, in der Jugend immer einer der besten, in diesem Sommer zum allerersten Training vorgefahren kam. Was Pherai denn hier mache, fragten sie sich – in dem Wissen, dass da gerade einer auf sie zustapfte, der 2020/21 in der Eredivisie aufgelaufen und nun zurückgekehrt war, um bei den Profis noch mal anzugreifen. Der sollte jetzt in die 3. Liga? Exakt.

Dortmunds Verantwortungsträger sahen ihn nach dem einjährigen Leihgeschäft mit PEC Zwolle nicht auf dem nötigen Leistungslevel, um in den Elite-Kader vorzurücken oder – zumindest – in diesem erlauchten Kreis zu trainieren. Lizenzspieler-Chef Sebastian Kehl traf sich ein paar Tage nach U23-Übungseinheit Nummer eins mit Pherai und habe ihm erläutert, „dass die 3. Liga eine gute Möglichkeit für mich wäre, besser zu werden“, sagt der Niederländer im Gespräch mit dieser Redaktion. „Im Januar setzen wir uns dann zusammen – das ist die Absprache.“

Vielleicht läuft Pherais U23-Zeit also schon bald wieder ab, vielleicht aber auch nicht. Noch vier Partien sind es bis zur Winterpause. Was dann passiert? Eine Beförderung zu den Profis ist weit weg. Womöglich geht es in der 3. Liga weiter, womöglich folgt eine Leihe. „Im Moment bin ich glücklich“, sagt Pherai. Und: „Ich fühle mich wohl hier.“ Doch er deutet eben auch an: Ich bin für beides offen.

BVB-Talent Pherai hinterlässt diffusen Eindruck

Schon vor zwei Woche hatte Pherai, seit 2017 bei der Borussia, in einem Interview mit Spox und Goal vom Interesse aus der 1. und 2. Bundesliga berichtet. Und auch gegenüber dieser Redaktion kommt er auf die regen Anfragen zu sprechen, ungefragt. Jene Passagen halten nur der Autorisierung nicht stand. Darum muss es bei dieser kurz-knappen Schilderung bleiben.

Am Ende steht ein etwas diffuser Eindruck: Zum einen ist da ein sehr talentierter junger Kerl, der offen darüber redet, wie hoch hinaus er will und wie hoch hinaus er offenbar könnte. Kokett, sagen manche. Schlicht selbstbewusst, finden es andere.

Zum anderen spricht ebendieser Spieler sehr gewählt über seine Defizite. Und erweckt damit einen Augenblick später so gar nicht mehr den Eindruck, dass er in der 3. Fußballliga aktuell völlig fehl am Platz sei. Denn, und diese Einschätzung besteht gleichfalls im Klub: Pherai ist zwar mit äußerst viel Klasse gesegnet und nach nun 15 Drittliga-Einsätzen zweifelsfrei zum Stammpersonal mit den besonders ausgeprägten Kompetenzspitzen in der U23 zu zählen, doch es geht noch eine Menge mehr.

Der Niederländer, in Amsterdam geboren und über den AFC Amsterdam über Alkmaar zum BVB gekommen, hat in dieser Saison bereits im defensiven und offensiven Mittelfeld gespielt. Kürzlich, in Halle beim 2:1-Erfolg, spielte er unmittelbar hinter dem Dortmunder Angriff und entschied mit zwei anspruchsvollen Treffern dieses enge Duell. Momente, die sie bei der Borussia gern häufiger sehen würden, nicht nur im Replay. Dabei ist Pherai jetzt schon ein Schwungrad der Offensive – kein schwarzgelber Mittelfeldmann beschleunigt das Spiel derart intensiv.

Er versucht es am häufigsten mit Zuspielen ins letzte Drittel (8,38 pro Partie) und zeigt generell die meisten Vorwärtspässe (15,73); das Problem bildet allerdings seine Fehlerquote: Nur 62,7 Prozent seiner Passaktionen sind insgesamt von Erfolg gekrönt; 54,9 Prozent seiner hehren Bemühungen, mit flachen oder hohen Bällen ins letzte Spielfelddrittel vorzustoßen, enden zufriedenstellend. Eine, zumal bei seiner Klasse, dürftige Ausbeute, die zweierlei zeigt.

BVB-Talent Pherai will „sauberer“ werden

Pherai scheut sich nicht, zu probieren. Er versucht beinahe immer, die offensive Lösung zu finden, spielt zudem die wenigsten Rückpässe (3,49). Das Risikomanagement aber ist justierungsbedürftig – zu diesem Schluss kommt auch der selbstkritische Pherai, der seine Treffer- (3) und Assistanzahl (4) moniert und kritisiert: „Meine Passquote muss insgesamt besser werden.“ Er gehe sehr gern ins Risiko. „Wenn ich im Sechser-Raum einen Risikoball spiele, muss der aber ankommen.“ Wichtig sei in den Aktionen die Konzentration. Ebenso bei seinen Schlüsselpässen, die „sauberer“ sein müssten.

Kritikpunkte, die er vonseiten seiner Chefs schon häufiger gehört hat. U23-Manager Ingo Preuß sagte bereits vor Wochen: „Manu kann den Unterschied ausmachen, keine Frage. Er ist technisch sehr gut. Ab und an könnten aber seine Steckpässe besser sein.“ Von höherer Qualität, nicht lax, nicht leichtsinnig, wie zuweilen – wenngleich, klar, jedem, der mit dem offensiv-kreativen Part beauftragt ist, eine gewisse Fehlerquote zugestanden werden muss. Nur eben keine so üppige.

Dass sich Pherai darüber hinaus nicht immer sonderlich hervortut im Training, ließ Coach Maaßen am vergangenen Samstag durchblicken: Er habe „nicht überragend“ trainiert, weshalb er eigentlich auf der Bank starten sollte – und nur wegen der Ohrenschmerzen von Tobias Raschl in der Startelf wiederzufinden war. All dies gehört zur Wahrheit über diesen Könner, dem die Borussia ab und an auf den Füßen stehen muss, um die vorhandene Qualität – seine fixen Wendungen, sein tolles Gefühl für den Raum, sein guter Abschluss – zu erhalten und zu mehren.

„Mein Vater war Trainer“, erzählt Pherai. Wenn man seine Eltern frage, welches Wort er zuerst im Niederländischen zu sprechen vermochte, „dann ist die Antwort: Ball.“ Er sei andauernd mit seinen Freunden kicken gewesen und habe erst irgendwann verstanden, „dass man Fußballspielen auch als Hauptjob machen kann“. Der kleine Pherai fragte also den großen. „Und mein Vater sagte, dass die Chance eher klein, aber es die tollste Sache sei, sein Hobby zum Beruf zu machen. Wenn ich Profi werden wolle, sagte er, dann könne ich es probieren.“

BVB-Talent Pherai zu Raiola: „Er ist gut für mich“

Wenige Jahre später sprach ihn Mino Raiola an, einer der einflussreichsten Fußball-Berater – und Pherai war plötzlich sein Klient. „Ich habe ihn in Alkmaar kennengelernt und wusste erst gar nicht, dass er so groß ist. Erst als mir ein paar Leute sagten: Mino ist einer der größten Berater der Welt, habe ich das verstanden. Er ist gut für mich“, sagt Pherai. Wann immer nötig, stehe Raiola für ihn bereit. Vor allem jetzt, in Phasen, in denen wichtige Beschlüsse anstünden.

Wer ihm gerade am meisten Druck mache? „Ich selbst“, antwortet Pherai ohne zu grübeln. Und erneut festigt sich: Dieser hochbefähigte Niederländer sieht sich an einer wichtigen Weggabelung. In jedem Fall nach dieser Saison muss aus seiner Sicht etwas passieren. Spätestens dann muss er, erstens, die Zukunftsfrage beantworten. Und, zweitens, Leistung bringen auf dem Top-Level, das er von sich erwartet. Über allem schweben die Ambitionen, die nur mit hervorragenden Vorträgen zu erreichen sind. Am Samstag im Spiel gegen den 1. FC Kaiserslautern steht Pherai wieder im Zentrum.

Datenquelle: Wyscout

Über den Autor
Volontär
Schreibt seit 2015. Arbeitet seit 2018 für die Ruhr Nachrichten und ist da vor allem in der Sportredaktion und rund um den BVB unterwegs.
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Leon Elspaß

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