BVB-Trainer Lucien Favre: „Es muss normal sein, dass wir helfen“

Borussia Dortmund

BVB-Trainer Lucien Favre spricht über die aktuelle Situation bei Borussia Dortmund und die Corona-Pandemie – und er findet deutliche Worte.

Dortmund

, 17.04.2020, 13:28 Uhr / Lesedauer: 4 min
BVB-Trainer Lucien Favre.

BVB-Trainer Lucien Favre. © Kirchner Media

Lucien Favre hat eine Premiere hinter sich. Der BVB-Trainer hat zum ersten Mal in seiner Trainerkarriere in einem Podcast gesprochen. Zwar beim vereinseigenen des BVB, aber immerhin ein Podcast. Dabei sprach der 62-Jährige natürlich über die aktuelle Situation bei Borussia Dortmund, aber auch über Video-Konferenzen mit den Enkelkindern, einen Fuchs im Garten und seine Wünsche für die Zeit nach der Corona-Pandemie. Tobias Jöhren hat seine Aussagen zusammengefasst.

Das sagt BVB-Trainer Lucien Favre:

… über Video-Telefonie in Zeiten des Coronavirus:

„Wir machen das mittlerweile viel. Vor allem mit unseren zwei Enkelkindern, sie sind zwei und vier Jahre alt. Eine fantastische Sache war, dass wir einen Fuchs in unserem Garten hatten und ihn live per Video-Konferenz präsentieren konnten. Nicht bloß eine Sekunde, der Fuchs ist 30 Minuten geblieben. Bei uns im Garten. Unglaublich! Wir haben es unseren Enkelkindern gezeigt und sie haben gefragt, warum er da ist. Das war fantastisch. Der Fuchs kommt jeden Abend pünktlich gegen 19.30 Uhr. Er oder sie kam vor drei Wochen überraschend vorbei, jetzt jeden Tag.“

… über viel Zeit mit seiner Frau:

„Wir sind seit mehr als 40 Jahren zusammen. Es ist kein Problem. Wir haben einen Garten. Wir können spazieren gehen. Natürlich müssen wir im Moment wegen der Corona-Pandemie vorsichtig und diszipliniert sein, aber es ist kein Problem für uns. Und wir können ja auch trainieren, zumindest ein bisschen. Ich bin also nicht nur zu Hause. Es ist doch schön, dass jetzt ein bisschen mehr Zeit ist. Es ist gut. Jetzt ist mal ein bisschen mehr Ruhe, sonst ist immer alles sehr schnelllebig.“

… über die Vorfreude darauf, wenn es in der Bundesliga wieder losgeht:

„Es ist eine unglaubliche Sache. Es ist komisch. Das Coronavirus ändert viel. Plötzlich können wir nicht mehr Fußball spielen, können nicht mehr normal trainieren. Wir müssen das akzeptieren. Wir hoffen, dass es bald weitergeht mit dem Fußball. Natürlich fehlt es uns. Aber für uns ist es okay, für andere Leute ist es gerade eine viel schwierigere Zeit.“

… über die Probleme eines Trainers während der Corona-Pandemie:

„Ich sehe lieber das Positive. Es ist gut, dass wir zumindest ein paar Sachen machen können, für die wir normalerweise keine Zeit hätten. Wir arbeiten viel im individuellen und technischen Bereich. Technik am Boden, Technik in der Luft, Technik vor dem Tor. Natürlich trainieren wir auch im konditionellen Bereich, aber vor allem arbeiten wir an der Technik der Spieler. Sonst machen wir das nicht so viel – und jetzt profitieren wir davon. Es ist angenehm, die Spieler machen das sehr, sehr gut. Wir freuen uns, dass wir überhaupt wieder trainieren können. Und die Spieler haben viel Spaß daran, weil sie immer den Ball dabei haben und viel lernen können. Rechter Fuß, linker Fuß: Es ist einfach ein anderes Training als sonst.“

… über das aktuelle Training:

„Wir können nicht immer dasselbe machen und müssen uns etwas einfallen lassen. Bis jetzt funktioniert es sehr, sehr gut. Wir sind immer zufrieden nach dem Training. Wir müssen uns bestmöglich vorbereiten, damit wir bereit sind, wenn es irgendwann weitergeht. Wir arbeiten in Gruppen, wechseln auch die Trainer, die mit den Gruppen arbeiten, und halten die Abstände ein. Das ist sehr wichtig.“

… über die Vorbereitung auf Geisterspiele:

Es ist komplett neu, für alle. Es ist sehr, sehr komisch. Das haben wir auch in Paris festgestellt. Wir müssen die Mannschaft sehr gut vorbereiten. Es ist anders. Es sind keine Zuschauer da, es gibt keine Unterstützung von den Fans. Es ist speziell für alle. Auf den Tribünen herrscht keine Bewegung. Sonst spielen wir hier in Dortmund vor über 80.000 Zuschauern, die die Mannschaft ohne Ende pushen. Wir müssen uns daran gewöhnen, dass es jetzt erst einmal ganz anders sein wird.“

… über die restlichen neun Spiele und mögliche Überraschungen:

„Das kann jetzt noch niemand sagen. Aber wir müssen auch mental vorbereitet sein. Wir sind in Stadien, die leer sind, in denen wir keinen Lärm und keine Unterstützung haben. Keine Pfiffe. Nichts. Ich hoffe, dass wir bald im Training wieder elf gegen elf spielen dürfen. Das werden unsere Vorbereitungsspiele. Wir brauchen das, unbedingt. Wir werden es regelmäßig machen müssen, um uns im Training an die Situation ohne Zuschauer zu gewöhnen. Wir müssen das top machen. Erst zweimal 25 Minuten, dann zweimal 35 Minuten, dann zweimal 45 Minuten. Ohne Freundschaftsspiele wird es ohnehin schon sehr schwer, direkt wieder gute Leistungen zu bringen. Aber wir müssen das schaffen.“

… über den Substanzverlust der Spieler während der Pause:

„Die Spieler haben zehn Tage nur individuell zu Hause trainiert, dann konnten wir in Zweiergruppen auf dem Platz anfangen. Sie haben nicht so viel verloren. Aber wir haben schon seit dem 11. März kein Spiel mehr gemacht. Am Ende werden es wohl zwei Monate ohne Spiel sein. Deswegen müssen wir im Training so viel Spiel wie möglich simulieren, sobald wir es dürfen. Das wird sehr, sehr wichtig.“

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… über Mannschaftsarzt Dr. Markus Braun:

„Unsere Ärzte haben unheimlich viel zu tun und sie machen eine unglaubliche Arbeit. Wenn du die Bilder aus den Krankenhäusern siehst oder liest, was dort passiert, das ist unglaublich.“

… über Gehaltsverzicht im Fußball:

„Ich bin froh, dass wir helfen können. Es ist für mich auch keine spezielle Sache, sondern es ist ganz normal. Es ist gut, aber es ist nicht speziell. Deswegen habe ich das auch schon früh gesagt. Die Spieler müssen das verstehen, die Trainer müssen das verstehen. Es muss ganz normal sein.“

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… über seine Hoffnungen für die Zeit nach der Corona-Krise:

„Ich denke an die Leute, die sterben. Es ist sehr schwer. Die Menschen, die sterben, können am Ende nicht mehr ihre Familie und ihre Freunde sehen. Sie sterben allein. Allein! Das ist sehr, sehr schwer. Es ist eine Katastrophe. Ich bin traurig, wenn ich darüber spreche. Ich hoffe, wir werden daraus etwas lernen. Wir müssen auch für die Umwelt etwas aus dieser Krise lernen. Ich habe ein Bild aus einem indischen Dorf gesehen, wo die Leute mal wieder die Berge sehen können, was vorher wegen der Luftverschmutzung nicht ging. Auch in Venedig ist das Wasser wieder ein bisschen klarer. Der Mensch ist fähig, viele Sachen zu erfinden. Das ist fantastisch, aber wir gehen zu weit, wir gehen einfach zu weit. Der Mensch geht immer zu weit. Darüber müssen wir nachdenken.“

… über Solidarität für Flüchtlinge auf griechischen Inseln:

„Auf Lesbos sind viele, zu viele Flüchtlinge – und sie sind alle zusammen. Sie schlafen auf engem Raum, sie benutzen Toiletten, die Zehntausende an einem Tag benutzen müssen. Und sie müssen dort bleiben. Das ist unglaublich – und es kann nicht sein.“

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