Akribischer Arbeiter und nimmermüder Antreiber: U19-Trainer Mike Tullberg hat einen hohen Anspruch an sich und seine Mannschaft. © imago / Team 2
Borussia Dortmund

BVB-U19-Trainer Tullberg: „Gebe mich selten mit 99,9 Prozent zufrieden“

Die BVB-U19 kehrt nach zehn Monaten Corona-Pause in den Ligabetrieb zurück. Trainer Mike Tullberg spricht im Interview über seine Ambitionen, seine Philosophie und Wertschätzung.

Borussia Dortmunds U19-Junioren starten am Samstag (12 Uhr) gegen Preußen Münster in die Saison. Coronabedingt wird in der Junioren-Bundesliga lediglich eine „Einfachrunde“ ausgetragen. Dafür ist der NRW-Liga-Pokal vorgeschaltet, bei dem der BVB in der Vorrunde auf Preußen Münster, Bayer Leverkusen und Alemannia Aachen trifft. Was Trainer Mike Tullberg von dem Wettbewerb hält, nach welcher Philosophie die Ausbildung der Talente erfolgt und welchen Fußball der 35-Jährige mit seinem Team spielen möchte, verrät er im Interview:

Herr Tullberg, wie sieht der Fußball aus, den Sie in der neuen Saison mit Ihrer Mannschaft spielen lassen möchten?

Wenn man im U-Bereich arbeitet, dann gibt es kein Ich, nur ein Wir. Ich sehe mich als Teil eines großen Ganzen. Es geht also grundsätzlich weniger um meine Person als vielmehr um den ganzen Verein. Wir haben eine große Verantwortung für die U19-Spieler, denn für sie ist es der letzte Schritt auf dem Weg zum Herrenbereich. Unsere Aufgabe ist es, die Jungs an den Profifußball heranzuführen. Ich glaube, dass ich ihnen durch meinen eigenen Werdegang als Profifußballer in verschiedenen Ländern, meine frühe Verletzung und meinen ganz frühen Einstieg als Trainer ein gutes Rüstzeug mitgeben und sie darauf vorbereiten kann, was sie oben erwartet. Was den Fußball angeht, den wir spielen lassen möchten: Ohne ins Detail zu gehen, bin ich ein Befürworter eines aktiven Spielansatzes. Ich bin dafür, die Initiative zu ergreifen, mit und ohne Ball. Dafür verlange ich sehr viel, ich gebe mich sehr selten mit 99,9 Prozent zufrieden.

Warum?

Ich bin fest davon überzeugt, dass man so spielt wie man trainiert und nicht dazu in der Lage ist, im Kopf umzuschalten, wenn man immer nur mit 98 Prozent durch die Gegend läuft. Deswegen erwarte ich sehr viel von den Spielern, setze mitunter die Latte so hoch, dass sie nicht alle erreichen können, denn so merken sie, dass sie sich verbessern müssen. Mir ist wichtig zu kommunizieren: Jeder Pass, jede Bewegung, jede Aktion ist wichtig, wenn die Spieler da oben ankommen wollen, wovon sie träumen.

Welchen Ansatz verfolgen Sie bei der Entwicklung Ihrer Spieler?

Wir verfolgen eine klare Leitlinie, was die Ausbildung unserer Toptalente angeht. Diese Philosophie nennt sich 25:50:25. Die Toptalente dürfen zu 25 Prozent unterfordert sein, bei dem was sie tun. Sie dürfen also in bestimmten Bereichen die Besten sein. Zu 25 Prozent müssen sie überfordert werden, ob taktisch, physisch oder in anderen Bereichen. Und zu 50 Prozent dürfen sie auf dem Level trainieren und spielen, auf dem sie sich gerade befinden. So versuche ich das Training jede Woche, jeden Monat zu gestalten, dass es für jeden individuell passend ist. Das ist das, woran ich mich orientiere. Um die Jungs individuell bestmöglich zu fördern, führen wir, also das gesamte Trainerteam, zusätzlich zwei- bis dreimal pro Jahr Entwicklungsgespräche mit ihnen. Dann reden wir gemeinsam über Entwicklungsziele und erstellen Handlungspläne. Es geht darum, den Spielern bewusst zu machen, dass das, was wir im Training tun, nur ein kleiner Teil dessen ist, was sie leisten müssen. Die Jungs müssen selbst fleißig sein. Wir können sie nur auf ihrem Weg begleiten. Im Endeffekt tragen auch sie die Verantwortung dafür, wie weit sie auf dem Weg zum Profifußball kommen.

Nicht nur Trainer, sondern manchmal auch großer Bruder oder zweiter Papa: Mike Tullberg (l.) im Gespräch mit dem 16-jährigen Toptalent Jamie Bynoe-Gittens. © imago / Team 2 © imago / Team 2

Das klingt anspruchsvoll …

Es ist anspruchsvoll. Wir verlangen und erwarten sehr viel – aber man muss den Menschen ganzheitlich betrachten. Ich versuche sehr authentisch zu sein, ich bin hart und teilweise laut. Aber ich bin auch der Erste, der die Spieler umarmt, mal mit ihnen um den Phoenixsee spaziert und das Gespräch sucht, um zu hören, wie es ihnen geht. Für mich ist wichtig, dass ich einen engen Austausch mit den Jungs auch außerhalb des Platzes habe. Denn die Spieler sind ja keine Maschinen, sie sind Menschen. Und wenn man von Menschen viel erwartet und man teilweise auch anstrengend ist, ist es wichtig, dass man sich respektiert und sich gegenseitig wertschätzt.

Lassen Sie uns auf die bevorstehende Saison blicken. Wie bewerten Sie die Vorbereitung?

Auch die Vorbereitung war für uns sehr anspruchsvoll und ein Stück weit herausfordernd. Im gesamten U-Bereich ist es unsere Aufgabe, die Profis zu unterstützen und für sie Spieler zu entwickeln. Wenn einer oder mehrere unserer Spieler dort aushelfen können, ist das für alle eine tolle Sache. Denn es ist eine Bestätigung unserer Arbeit. Deswegen gibt es kein Gejammer. Wir freuen uns über jede Sekunde, die die Spieler dort verbringen können. Aber natürlich führt das auch dazu, dass diese Spieler im Training und in Testspielen fehlen. Aber nicht nur gemessen daran haben wir es in der Vorbereitung richtig gut gemacht.

Borussia Dortmund hat in dieser Saison in der U19 mehr als elf Junioren-Nationalspieler in seinen Reihen. Das ist selbst für den BVB außergewöhnlich. Inwieweit geht damit auch eine außergewöhnliche Erwartungshaltung einher?

Ich persönlich würde nicht so viel daran festmachen, ob jemand Nationalspieler ist oder nicht. Wir haben hier auch Jungs, die keine Nationalspieler sind und denen ich trotzdem eine Menge zutraue. Aber natürlich ist es schön, so viele Nationalspieler zu haben. Und natürlich müssen die Jungs auch damit klarkommen, dass auch in der U19 ein gewisser Druck vorhanden ist. Wenn sie unter Umständen eines Tages bei den Profis sind, wird das ja nicht anders sein. Natürlich gibt es aber nach der vergangenen Saison, als es von uns Youssoufa Moukoko und Ansgar Knauff geschafft haben, eine entsprechende Erwartungshaltung. Wir haben den einen oder anderen Spieler, der es sehr früh gepackt hat. Dementsprechend wird die Geduld bei den anderen Jugendspielern auch geringer. Aber es kann nicht jeder mit 16 oder 17 Jahren gleich bei den Profis durchstarten, das ist außergewöhnlich. Ich sage den Jungs immer: Es geht nicht darum, wann du da oben ankommst. Aber wenn du da oben ankommst, musst du so gut sein, dass du in der Lage bist, mitzuhalten – sonst wirst du ganz schnell vergessen.

Vor dem eigentlichen Meisterschaftsstart Mitte September wartet nun der NRW-Liga-Pokal auf Sie und Ihre Mannschaft. Was halten Sie von diesem zusätzlichen Wettbewerb?

Ich bin wie viele meiner Trainerkollegen auch enttäuscht. Ich kann nicht nachvollziehen, dass wir einerseits nur eine Einfachrunde in der Junioren-Bundesliga spielen dürfen, aber auf der anderen Seite der Liga-Pokal eingeführt wird. Dadurch entgeht uns einfach eine Reihe von Topspielen, die wichtig für die Entwicklung der Jungs wären. Aber wir werden das Beste daraus machen. An unserer Zielsetzung ändert das ohnehin nichts: Wir möchten den maximalen Erfolg. Unser Anspruch ist es, jedes Spiel zu gewinnen.

Über den Autor
Redakteur
Cedric Gebhardt, Jahrgang 1985, hat Germanistik und Politikwissenschaft an der Ruhr-Uni Bochum studiert. Lebt aber lieber nach dem Motto: „Probieren geht über Studieren.“ Interessiert sich für Sport – und insbesondere die Menschen, die ihn betreiben. Liebt Wortspiele über alles und kann mit Worten definitiv besser jonglieren als mit dem Ball. Schickt deshalb gerne humorige Steilpässe in die Spitze.
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Cedric Gebhardt

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