Christoph Kramer: „Der BVB ist in der Breite schon eine Wucht“

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Auftakt gegen den Lieblingsgegner - der BVB empfängt Mönchengladbach. Im Exklusiv-Interview spricht Christoph Kramer über Ambitionen, Dortmunder Offensivwucht und die Kritik an Lucien Favre.

Dortmund

, 19.09.2020, 10:00 Uhr / Lesedauer: 4 min

Borussia Dortmund gegen Borussia Mönchengladbach - ein Kracher am ersten Spieltag der neuen Bundesliga-Saison. Vor dem Auftakt haben wir mit Gladbachs Mittelfeldspieler Christoph Kramer gesprochen.


Herr Kramer, mit welchen Ambitionen gehen Sie in die Saison, nachdem erstmals seit vielen Jahren wieder die Qualifikation für die Champions League gelungen ist?
Ich finde es immer ganz schwer, konkrete Ziele zu formulieren. Man darf sich nicht so sehr über das „Was“ unterhalten, sondern vielmehr darüber, wie man das schafft. Wie spielen in einer engen Liga, das haben wir in der letzten Saison auch gesehen. Am Ende entscheiden ein paar Pünktchen über die ersten Plätze und nach unten sind es auch nicht viel mehr. Wir hätten auch Fünfter oder Sechster werden können.


Was hat Ihr Team ausgezeichnet?
So banal es klingt, es geht um die tägliche Arbeit. Wir sind super damit gefahren, dass wir uns auf jeden Gegner sehr gut eingestellt haben. Wir waren sehr flexibel, haben, glaube ich, kein Spiel mit der gleichen Startformation gespielt. Wir hatten viele verschiedene Grundordnungen und konnten immer gut auf die Gegner reagieren. Das war unser Erfolgsrezept und das müssen wir jetzt auch weiter verfolgen. Viele Mannschaften haben schon gesagt, was sie erreichen wollen, und natürlich sind wir maximal ehrgeizig. Wir wollen jedes Spiel gewinnen. Aber wo man am Ende landet, ist oft einfach nur plakativ dahergesagt.

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Wie ordnen Sie es ein, dass Sie direkt gegen ein absolutes Spitzenteam gefordert sind?
Generell muss man sagen, dass wir sowieso gegen alle spielen. Ich fange ganz gerne mit einem Heimspiel an und höre gerne mit einem Heimspiel auf. Dieses Mal haben wir leider beides nicht. Klar ist Dortmund zum Auftakt ein superstarker Gegner. Es ist aber nicht so in unseren Köpfen, dass wir denken: Verdammt, warum fangen wir nicht gegen irgendwen anders an. Wir nehmen es so, wie es kommt und freuen uns darüber, dass wieder ein paar Fans mit dabei sind.


Gutes Stichwort: In Dortmund werden rund 10.000 Zuschauer mit dabei sein. Die Fans haben im Signal Iduna Park einen spürbaren Einfluss auf das Spiel. Wie ordnen Sie das ein?
Wenn man zurückliegt, dann ist es nicht immer gut für den BVB. Die Stimmung kann nämlich auch mal kippen, und das wissen die Spieler auch. Aber wenn Dortmund gut reinkommt und die Fans direkt mit ins Boot holt, dann entwickelt sich in diesem Stadion mit 80.000 Zuschauern eine große Wucht. Das fällt so ein bisschen weg. Trotzdem freuen wir uns, dass wieder ein paar Fans mit dabei sein dürfen. Ich spiele in Dortmund lieber mit Fans als ohne Fans.


Was macht Borussia Dortmund aus Ihrer Sicht aus?
Ich glaube, dass Dortmund unglaublich viele sehr gute Eins-gegen-Eins-Spieler auf dem Feld hat. Das ist fußballerisch eine richtig gute Mannschaft, das fängt schon in der Abwehr an. Hummels, Akanji und Can sind Spieler, die richtig gut mit dem Ball umgehen können. Über die Offensive müssen wir nicht reden. Der BVB hat so viele gute Spieler und so viele Möglichkeiten, schlaue und variable Fußballer. Haaland ist sicher eine klare Spitze, aber dahinter sind alle sehr variabel, es gibt sehr viel Positionstausch. Witsel ist sicherlich noch ein klarer Sechser. Aber sonst ist das in der Breite schon eine Wucht. Das gilt auch für die Spitze und das, was Dortmund um die Acht, die Zehn und die Flügel hat.

Sie haben seit einer gefühlten Ewigkeit gegen den BVB nicht mehr gewonnen, nicht mal ein Unentschieden erreicht. Warum fällt es Ihnen so schwer, diese Serie zu durchbrechen?
Was heißt schwerfallen? In der letzten Saison haben wir drei Mal gegen Dortmund gespielt und zwei Mal hätten wir auf jeden Fall etwas verdient gehabt. Das ist eben im Fußball manchmal so. Ich habe keine Erklärung dafür, warum es zwei Mal ausgerechnet gegen Dortmund so war. Das würde ich nicht überbewerten. Am Ende fehlte immer ein bisschen. Ich sage aber ganz klar, dass wir alle Spiele auch hätten gewinnen oder unentschieden gestalten können. Ich gebe aber nicht so viel auf solche Serien. Die haben für das Spiel jetzt keine Aussagekraft.


In Dortmund wird aktuell noch die Systemfrage gestellt. Welches System käme Ihrem Team entgegen?
Wir reagieren generell sehr viel auf den Gegner, was ich sehr, sehr gut finde. Wir haben natürlich für beide Systeme einen Plan. Daher ist schwer zu sagen, was wirklich besser wäre. Wir können auf beide Systeme von Dortmund gut reagieren.


Sie haben in Mönchengladbach zwei Jahre unter Lucien Favre gespielt. Wie bewerten Sie ihn als Trainer?
Man weiß, was man an ihm hat. Er ist unfassbar ruhig, er ist extrem akribisch. Er hat einen unfassbaren Verstand für Fußball. Ich habe sehr gerne unter ihm gearbeitet und ich finde, dass er ein ganz toller Trainer ist. Man sieht das ja auch an den Ergebnissen und dem Punkteschnitt. Guckt man sich die Statistik an, dann macht er einen herausragenden Job. Ich habe viel von ihm gelernt, und am Anfang meiner Bundesliga-Laufbahn war er sehr wichtig für mich. Ich habe ihm viel zu verdanken.

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Verwundert Sie die Kritik an Lucien Favre?
Ich bekomme es zwar nur aus der Presse mit und bin nicht nah dran, aber er hat die Lobby in Dortmund anscheinend nicht. Ich weiß nicht, was man wirklich kritisieren will. Es ist klar, dass er nicht von Emotionen geprägt ist. Er ist niemand, der rumschreit, sondern probiert, sich alles am Spiel zu erklären. Und wenn man aus der Ferne betrachtet die Dortmunder spielen sieht und die Ergebnisse anschaut, dann kann der Trainer keinen allzu schlechten Job machen.


Was müssen Sie am Samstag besonders gut machen, um eventuell als Sieger vom Platz zu gehen?
Wir sollten sehr kaltschnäutzig sein. Das wünsche ich mir für jedes Spiel, weil Tore einem Spiel immer gut tun. Wenn wir kaltschnäutzig sind und unsere Torchancen nutzen ist, hilft uns das natürlich - das ist aber nicht nur bei und so, das tut generell jeder Mannschaft gut. Es gehört auch immer ein bisschen Glück dazu, wenn man sich ansieht, wie die Bälle reingehen und manchmal eben nicht. Das Spielglück muss man etwas auf seiner Seite haben und ich hoffe, dass das am Samstag auf unserer Seite sein wird.

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