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Danielsmeyer über den Angriff in Donezk und die Folgen

Rechte Gewalt

Es war ein bislang beispielloser Angriff: Beim Champions-League-Auswärtsspiel des BVB in Donezk wurden der Fanbeauftragte Jens Volke und Thilo Danielsmeyer vom Fan-Projekt von drei rechtsextremen BVB-Anhängern angegriffen. Wir sprachen mit Danielsmeyer über den Vorfall und die Folgen der Attacken.

DORTMUND

von Von Matthias Dersch

, 05.03.2013 / Lesedauer: 7 min
Danielsmeyer über den Angriff in Donezk und die Folgen

Borussio Dortmund Fans machten deutlich, auf welcher Seite sie stehen.

Der Mann, der mich attackiert hat, war blind vor Hass. Er hätte nicht aufgehört. Erst hat er mich geschlagen, dann getreten. Ich habe versucht, mit ihm zu reden, aber er hat gar nicht reagiert. Auch nicht, als ich um Hilfe gerufen habe. Das hat mir große Angst gemacht.  

Leider kann man in unserem Job nie ganz ausschließen, dass so etwas wie in Donezk passiert. Ich hatte gehofft, ohne eine solche Erfahrung irgendwann einmal in Rente gehen zu können. Aber bei nüchterner Betrachtung musste ich fast damit rechnen. Dazu kommt: Es war kein systematischer Angriff, sondern eine spontane Aktion. Es waren gefrustete Einzeltäter.

Ich denke, ich stand für das System, von dem sie sich bedroht und in die Ecke gedrückt fühlen. Die Jungs hatten viel gehört. Zum Beispiel, dass die Fanbetreuer um Jens Volke und wir von Fan-Projekt schuld daran sind. Ich war einfach zur falschen Zeit am falschen Ort.

Dieses Tabu ist jetzt gefallen. Dabei war ich mir sehr sicher, dass ich aus der rechten Ecke nichts zu befürchten habe. Wir kümmern uns seit Anbeginn des Fan-Projekts auch um Fans mit rechtem Hintergrund. Unser Plan war es immer, Leute nicht auszugrenzen, sondern sie wieder zu integrieren.

Ja, wir haben gerade Anfang der Neunziger Jahre darüber viele Diskussionen führen müssen. Als wir rechte BVB-Fans zu unseren Fußball-Turnieren eingeladen haben, gab das ein Riesen-Theater. Der Fanclub „Sonnenkönige“ kam mit T-Shirts auf denen stand „Rechts ist balla-balla“. Anstatt zu kicken wurde den ganzen Tag diskutiert.

Wir glauben, dass immer die Möglichkeit besteht, dass wir Leute zurückholen in die Mitte der Gesellschaft. Wenn ich mich im Stadion so umgucke, ist uns das bei einigen auch gelungen. Bei den Älteren ist es meist zu spät. Aber bei den Jüngeren sind die Einstellungen häufig noch nicht manifestiert. Es kommen immer wieder Leute zu uns, die sich bedanken, dass wir damals zu ihnen gehalten und sie so aus der rechten Ecke herausgeholt haben.

Selbstverständlich. Aber wir stellen uns dieser Aufgabe seit den Achtziger Jahren – und ich denke, wir sind ganz gut damit gefahren.

Es gab danach eine große Verunsicherung. Einige Fans aus diesem Spektrum waren in Donezk dabei, sie wussten sofort, dass der Angriff ein Tabubruch war. Ich kenne die „Pappenheimer“ ja. Man konnte ihnen ansehen, dass sie nicht wussten, wie sich danach verhalten sollten. Ab und an kam mal einer und fragte vorsichtig, was los sei, wie es mir ginge. Die Szene ist durch den Vorfall in Donezk auf jeden Fall unter Druck geraten. Man darf dabei nicht unterschätzen, dass viele von ihnen BVB-Fan mit Leib und Seele sind. Sie fürchten darum, künftig nicht mehr ins Stadion zu dürfen.

Nein. Erstens haben wir in Deutschland keine Gesinnungspolizei. Und so lange sie nicht agitieren oder ihre Einstellung offen präsentieren, sollte man sie das Spiel schauen lassen. Sonst grenzt man sie aus und verliert sie dann völlig.

Ich hoffe, dass der Angriff einen Anstoß gibt. Die normale Fanszene muss die Augen öffnen. Sie muss erkennen, dass es so nicht weitergehen kann. Aber auch die Fans mit rechter Gesinnung sollten für sich überlegen, ob es Sinn macht, ihren Weg weiterzugehen.

Ein Fußballverein ist für diese Fans mehr als die Spieler. Da spielt die Stadt eine große Rolle, die Heimat. Natürlich will man Erfolg und die besten Spieler haben. Aber an erster Stelle steht die Kameradschaft innerhalb der Szene, die Verbundenheit zur Stadt. Ein ausländischer Akteur wird da als Nebendarsteller schon einmal zähneknirschend akzeptiert.

Nein, als wir angefangen haben, war die Borussenfront sehr aktiv, wurde der Rechtsextremismus ganz offen gezeigt. Da war das Zeigen des Hitlergrußes im Stadion fast normal. In den Fan-Bussen wurden antisemitische Lieder gesunden. Diese Dinge sind heute zum Glück weitgehend unvorstellbar. Mitte der Neunziger ist das alles zurückgegangen.

Zum einen, weil es ein Thema in der Politik, bei der Polizei und in den Medien wurde. Zum anderen, weil der Fußball gesellschaftsfähiger, schicker wurde. In den Achtzigern hat es außer uns eigentlich niemanden interessiert, was auf den Tribünen oder den Fahrten zu den Auswärtsspielen passiert ist. Fußball war einfach nicht so in Mode. Heute wird alles viel stärker beobachtet. Der Sport ist zu einem Familien-Event geworden. Das Publikum ist ein ganz anderes als damals.

Durch das große öffentliche Interesse ist die Bühne Fußball natürlich auch sehr attraktiv geworden. Man kann große Aufmerksamkeit in diesem Umfeld erregen. Und: Verschwunden war das ja Problem nie. Die Szene war immer da. Sie hat sich allerdings stark gewandelt. Früher gehörten die rechtsextremen Fans, mit denen wir zu tun hatten, nicht gerade zur geistigen Elite. Sie kamen aus unteren Bildungsschichten, waren kaum vernetzt. Man traf sich eigentlich nur am Wochenende zum Fußball.

Die Szene ist insgesamt schlauer geworden. Man erkennt sie heute nicht mehr so leicht. Wir haben es heute mit einer komplett gewandelten Szene zu tun, die jünger, schicker, clever und besser vernetzt ist. Die Rechten haben erkannt, dass der sportliche Erfolg und der Boom rund um den BVB für sie eine große Chance ist. Die Südtribüne ist der ideale Jagdgrund, um neue Leute zu rekrutieren. Und: Mit nur einer Aktion auf der Südtribüne, man denke an das Solidaritätsbanner für die verbotene NWDO, können sie europaweit Aufmerksamkeit erreichen. Das gibt es so nur im Fußball.

Was heißt versäumt? Man darf nicht vergessen, dass der Klub 2005 kurz vor dem Ruin stand. Damals hatte man andere Probleme, die dringender erschienen. Bei Aachen ist es jetzt dasselbe. Auch sie haben eine große rechte Szene. Aber der Verein hat nicht mal einen richtigen Vorstand, wie soll er sich da um dieses Problem kümmern? Da sind andere Akteure gefordert.

Sie stehen für einen extremen Zusammenhalt untereinander. Benötigt jemand Hilfe, wird alles in Bewegung gesetzt. Hat jemand Probleme, wird ihm sofort geholfen. Ich kenne kaum eine Jugendkultur, die so solidarisch handelt. Die Ultras stehen insgesamt also für sehr viele positive Dinge, die für Außenstehende manchmal nicht sofort zu erkennen sind und in der öffentlichen Diskussion über Bord geworfen werden.

Ihr Slogan „Keine Politik im Stadion“ es den Rechten gewissermaßen leicht gemacht, sich an sie anzudocken. In den Schulen gilt man als schick, wenn man zu den Ultras gehört. Umso verlockender ist es für die Rechten, sich dort einzuschleichen und im Stillen Werbung für ihre Sache zu machen.

Ja, das hat gut getan. Es war ein richtiges Zeichen. Aber wichtig ist, dass es nur der Startpunkt war. Das Thema muss aktuell bleiben.  

Es wäre wichtig, wenn sich die Ultras noch stärker positionieren würden. Für mich hört die Grenze bei Nazis auf, für Demokratie sollte sich jeder einsetzen. Für mich hat das nichts mit Politik, sondern mit menschlichem Zusammenleben zu tun. Damit muss sich jeder identifizieren. Die gemeinsame Aktion mit der Fan-Abteilung, „Abpfiff für Rechts“, war ein starker Anfang, der mir sehr imponiert hat. Aber das muss jetzt so weitergehen. Nur so verunsichert man die rechte Szene, drängt sie in die Defensive, zwingt sie zum Nachdenken. Aber das gilt nicht nur für die Ultras, sondern für die gesamte Fanszene. Man muss die Sinne schärfen.

Wir sind ja schon lange dran an dem Thema. Im BVB-Lernzentrum steht Rechte Gewalt schon seit zehn Jahren auf dem Stundenplan. Wir fahren mit Jugendlichen zu Vorträgen, zeigen Filme, klären auf. Wir organisieren den Heinrich-Czerkus-Lauf. Es ist ja nichts Neues, das hier Rechte sind. Wir sind froh, dass der BVB das jetzt auch erkannt hat.

Er hat mittlerweile so eine überragende Bedeutung in der Region, so ein tolles Standing in Deutschland. Damit geht Verantwortung einher. Es muss jetzt eine gemeinsame Philosophie her, wie man alle Fans ins Boot holt und dauerhaft Zeichen gegen Rechts setzen kann. Das Thema muss wichtig bleiben. Mit Stadionverboten allein ist es nicht getan. Es gibt überragende Ideen, sowohl im Verein als auch in der Fanszene. Man könnte zum Beispiel „Borussia verbindet“ zur Vereinshymne machen. Der Text von Bruno Knust ist so wunderbar – und es wäre eine Botschaft, die den Rechten klar zeigen würde, dass das Stadion ein unwirtlicher Ort für sie ist. Ich hoffe, dass der Verein den nötigen Mut aufbringt. Für sein Image wäre das nur positiv.

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