Darum ist Jürgen Klopps Erfolg ein Problem für Lucien Favre

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Jürgen Klopp ist Welttrainer des Jahres 2019. Lucien Favre kann da freilich nichts für, ein Problem stellt es für den BVB-Trainer trotzdem dar.

Dortmund

, 24.09.2019, 18:25 Uhr / Lesedauer: 4 min

Borussia Dortmund gratulierte via Twitter. „GLÜCKWUNSCH, WELTTRAINER KLOPPO!“ stand beim Internet-Nachrichtendienst in großen Buchstaben geschrieben. Darunter ein Bild des ehemaligen BVB-Trainers von der Fifa-Gala im pompösen Mailänder Opernhaus, der Scala, am Montagabend.

Und als man Klopp auf der Bühne sah – mit gewohnt breitem Grinsen und gewohnt großer Redekunst, aber im ganz ungewohnten dunklen Smoking mit weißem Hemd, Manschettenknöpfen und Fliege – da musste man irgendwie auch an Borussia Dortmund denken. Jürgen Klopp, der Kloppo, ist jetzt Welttrainer des Jahres vor Pep Guardiola und Mauricio Pochettino. Mensch, Jürgen. Donnerlittchen! Aus Mainz über Dortmund bis ganz an die Spitze, aus der zweiten Liga bis in die absolute Weltklasse – und es ist kein Ende in Sicht.

Klopp hat den Stolz zum BVB zurückgebracht

Gut vier Jahre ist es jetzt her, dass Klopp Borussia Dortmund verlassen hat. 1578 Tage. Zumindest ist sein letztes Spiel als BVB-Trainer so lange her. 1:3 im DFB-Pokal-Finale gegen den VfL Wolfsburg. Noch einmal um den Borsigplatz, das wäre lässig gewesen. Es wurde nichts draus.

Darum ist Jürgen Klopps Erfolg ein Problem für Lucien Favre

Nach dem DFB-Pokal-Finale 2013 verabschiedete sich Klopp vom BVB. © imago images / Sven Simon

Dem Mythos Klopp aber hat diese Niederlage in Dortmund nicht nachhaltig geschadet. Warum auch? Erst die Meisterschaft, dann das Double, schließlich das Champions-League-Finale. Der heute 52 Jahre alte Stuttgarter hatte den Klub nach Jahren der wirtschaftlichen und sportlichen Krise zurück nach oben geführt, er hatte den Stolz auf den BVB zurück in die Stadt gebracht. Borussia Dortmund war wieder wer.

Sieben Jahre Jürgen Klopp und Schwarzgelb, das fühlt sich im Rückblick fast ein wenig so an, als sei es zu schön gewesen, um wahr zu sein. Vielleicht ist es ein bisschen wie mit der ersten Liebe, die schönen Momente bleiben in Erinnerung, die weniger schönen verblassen mit der Zeit.

Je mehr Erfolg Klopp hat, desto mehr Vergleiche wird es geben

Und so absurd es zunächst einmal klingen mag, Klopps aktueller Erfolg in Liverpool lässt zum einen den Blick zurück noch etwas rosaroter werden – und macht zum anderen die Arbeit für Lucien Favre nicht leichter.

Im Gegenteil, die Aufgabe, Klopps Erbe und den Ansprüchen der Fans in Dortmund gerecht zu werden, wird mit jedem Liverpooler Sieg, mit jedem Liverpooler Titel eher schwieriger als einfacher, die Vergleiche zwischen Favre und Klopp werden eher mehr als weniger werden. Im besten Fall nur bei den Fans, im schlechtesten Fall auch im Verein.

Darum ist Jürgen Klopps Erfolg ein Problem für Lucien Favre

Mit dem FC Liverpool gewann Klopp die Champions League und so seinen ersten großen internationalen Titel. © imago images/Action Plus

Das ist vielleicht nicht fair, aber es ist auch nicht zu verhindern. Seit Montagabend weiß jedenfalls die ganze Welt, was viele Borussen sowieso schon sehr lange gewusst haben: Jürgen Klopp ist der beste Trainer der Welt. Jetzt ist es offiziell. Das Doofe ist nur, dass er nicht mehr beim BVB ist.

Es gibt keinen zweiten wie Jürgen Klopp

Da kann es eigentlich keinen unpassenderen Moment für eine Mentalitätsdiskussion bei Borussia Dortmund geben als diesen. Denn falls Klopps Fußballmannschaften irgendwas mit Sicherheit für sich beanspruchen dürfen, dann ist es, immer die richtige Mentalität, die richtige Emotionalität und den richtigen Siegeswillen zu haben.

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Es gibt vermutlich keinen anderen Trainer auf der Welt, der es wie Klopp versteht, eine Mannschaft und ein ganzes Vereinsumfeld derartig hinter sich zu vereinen. Diego Simeone bei Atlético Madrid vielleicht, aber der hat nun mal die Champions League noch nicht gewonnen.

Die Kritik an Favre wird lauter

Lucien Favre hat mit dem BVB noch gar nichts gewonnen, wenn man den Supercup im Sommer mal ausklammert. Das ist ein ziemlich großes Problem. In der vergangenen Saison hätte der 61-Jährige die Meisterschaft gewinnen können, doch am Ende fehlten trotz zwischenzeitlich neun Punkten Vorsprung auf den FC Bayern München zwei Zähler. Die Rückrunde, an deren Ende es kein Happy End gab, hallt bis heute gut hörbar nach.

Die Kritik an Favre wird nicht leiser, sondern lauter, Kredit bei den Fans für den Trainer sucht man vergeblich, auch wenn Michael Zorc versucht, den Schweizer in der Öffentlichkeit zu schützen. Er sei überrascht, in welche Richtung die Kritik ziele, hat Zorc kürzlich erklärt, als es nach dem 1:3 bei Union Berlin erstmals unruhig in der Personalie Favre wurde.

Favre hat einen besseren Punkteschnitt als Klopp beim BVB

Tatsächlich hat Favre eigentlich gute Argumente dafür geliefert, warum er der richtige BVB-Trainer ist. Sein Punkteschnitt liegt bei 2,11 Zählern, der von Klopp liegt bei 1,90. Nur Thomas Tuchel, der sich als Erster und bislang – zumindest sportlich – am erfolgreichsten an der Klopp-Nachfolge versucht hat, weist mit 2,12 Zählern einen besseren Punkteschnitt in der Dortmunder Vereinsgeschichte auf.

Darum ist Jürgen Klopps Erfolg ein Problem für Lucien Favre

Lucien Favre zeigt selten seine Emotionen. © imago images/osnapix

Außerdem brachte Favre den BVB nach einer schwierigen Saison 2017/2018 unter Peter Bosz und Peter Stöger auf Anhieb zurück in die Spur, verpasste ihr eine klare Spielidee und formte seine Mannschaft in kürzester Zeit zu einem Meisterschaftskandidaten.

Anders als in Mönchengladbach, wo Favre bis heute von weiten Teilen der Fans vergöttert wird, hat es für Favre in Dortmund bislang trotzdem nicht zum Sympathieträger gereicht, um es mal vorsichtig auszudrücken. Der introvertierte Fußballlehrer Favre gegen den lustigen Menschenfänger Klopp, auch und vielleicht sogar vor allem auf der emotionalen Ebene sind Klopps Fußstapfen in Dortmund groß wie Mondkrater.

Mit dem Erfolg wachsen auch die Ansprüche

Durchaus kurios ist, dass Favre in Gladbach Vergleichbares wie Klopp in Dortmund geschafft hat. Favre führte die Borussia vom Niederrhein von einem Abstiegsplatz 2011 bis in die Europa League 2012 und die Champions League 2015, Klopp führte den BVB von Platz 13 in der Saison 2007/2008 bis zur Meisterschaft im Jahr 2011 und zum Double-Sieg im Jahr 2012. Favre kam mit seiner manchmal kauzigen Art bei den Fohlen-Fans an. In Gladbach war es Kult, wenn Favre mit französischem Akzent sagte, dass es im nächsten Spiel mal wieder „säähr schwääär“ werde, in Dortmund sorgt es eher für Kopfschütteln und genervte Blicke.

Es ist eben immer auch eine Frage, wo ein Verein herkommt. Mit dem Erfolg wachsen die Ansprüche – und seit der Ära Klopp und dem wirtschaftlichen Aufschwung des BVB helfen in Dortmund nur noch Titel, um bleibenden Eindruck zu hinterlassen und anhaltende Akzeptanz zu finden. Verspielte Meisterschaften bewirken das Gegenteil.

Darum ist Jürgen Klopps Erfolg ein Problem für Lucien Favre

Klopp hat auch für Favre ein schweres Erbe beim BVB hinterlassen. © imago/Schwörer Pressefoto

„So ist der Fußball“, hat Jürgen Klopp am Montagabend während seiner Dankesrede zu Mauricio Pochettino im Publikum gesagt. Er, Klopp, stünde nur im dunklen Smoking auf der Bühne, weil Liverpool das Finale der Champions League gegen Tottenham gewonnen habe. Ein einziges Spiel habe über die Wahl zum Welttrainer entschieden. „Wäre es andersrum gelaufen, dann würdest Du jetzt hier stehen.“ Für Lucien Favre wäre das nicht von Nachteil gewesen. Klopps Vergangenheit wirft große Schatten in Dortmund. Seit Montagabend mehr denn je.

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