BVB-Coach Otto Addo über den Kampf gegen Rassismus

rnBorussia Dortmund

BVB-Coach Otto Addo hat prägende Erfahrungen mit Rassismus gemacht. In einem eindrucksvollen und differenzierten Plädoyer fordert er härtere Konsequenzen - und die Mithilfe jedes Einzelnen.

Dortmund

, 23.06.2020, 18:40 Uhr / Lesedauer: 3 min

Präsent sind ihm die Erinnerungen noch heute. Wo auch immer Otto Addo ankam, erst im Kindergarten, dann in der Grundschule oder später am Gymnasium in Hamburg-Hummelsbüttel, „überall musste ich mich erstmal beweisen, mich damit rumprügeln“, erinnert er sich. Addo und seine Schwester seien die einzigen dunkelhäutigen Kinder gewesen in ihrem Stadtteil im gut situierten Hamburger Norden. Sie fielen auf, die unschönen Reaktionen folgten regelmäßig. Erst wenn der Fußball ins Spiel kam, ebbten die Ressentiments ab. „Das konnte ich gut, und dann war ich akzeptiert.“

Addo arbeitet seit 2019 als Talentetrainer beim BVB

Otto Addo, von 1999 bis 2005 Spieler von Borussia Dortmund und seit 2019 Talentetrainer, hat viele, zu viele Erfahrungen mit Rassismus gemacht. Dass dieses Thema durch die aktuelle gesellschaftliche Debatte wieder mehr in den Fokus rückt, nimmt er zur Kenntnis und sieht auch die Chancen darin. „Das Thema war immer da und ist jetzt noch viel präsenter als vorher. Ich bin froh, dass die Mannschaft klar Flagge gezeigt hat.“

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Otto Addo über BVB-Talente und den Kampf gegen Rassismus

Mit ihren Gesten - sei es durch gebeugte Knie, Sympathiebekundungen für „Black Lives matter“ oder eine Gedenkminute - positionierten sich die Profis von Borussia unmissverständlich klar gegen Rassismus, Homophobie, Antisemitismus. Der Klub selber hat sich seit vielen Jahren ein großes Engagement gegen diese Sünden auf die Fahnen geschrieben. Addo nimmt den BVB als „farbenblind“ wahr. „Fußball ist ein schöner Sport in dem man sieht, wie man super zusammenarbeiten kann. Rassismus ist bei uns intern kein Problem. Aber leider gesamtgesellschaftlich.“ Immer noch.

Otto Addo hofft auf kritischeren Blick gegenüber Rassismus

Vor 20 Jahren noch „gab es in fast jedem Stadion diese Laute, wenn ich am Ball war. Das ist fast verbannt, das passiert nur noch selten und wenn, dann ist der mediale Aufschrei groß“. Diese eine von vielen Formen des Rassismus sei zwar weitgehend verschwunden, ein Grund in den Bestrebungen nachzulassen ergibt sich für ihn dadurch nicht. „Wir müssen weiter daran arbeiten, dass diese Vorurteile aus den Stadien und vor allem auch aus den Köpfen verbannt werden.“ Da gehe es um verschiedene Ausprägungen. Aggressive Fremdenfeindlichkeit. Alltagsrassismus. Aber eben auch die strukturelle Intoleranz gegenüber Mitmenschen, die anders aussehen, eine andere Kultur leben oder einen anderen Glauben haben. „Diese Denkweisen, die gilt es aufzubrechen“, erklärt der 45-Jährige.

„Ich bin ein schwarzer Deutscher. Ich bin hier geboren, aufgewachsen, die deutsche Sprache ist diejenige, die ich am besten beherrsche.“
Otto Addo

Die besten Erfahrungen habe er damit gemacht, wenn Brücken gebaut werden durch Kontakte oder Freundschaften, wenn auch positive Beispiele gezeigt würden und nicht „immer nur der kriminelle Ausländer“. Sport sei da ein gutes Vehikel, um Nähe und Verbindungen zu schaffen, es gebe auch andere soziale Bereiche. Sein Wunsch: „Wenn jeder einzelne einen kritischeren Blick gegenüber Rassismus entwickelt, dann haben wir alle gemeinsam einen großen Schritt nach vorne gemacht“, warb Addo in einer Medienrunde.

Otto Addo wirbt für einen differenzierten Ansatz

Speziell im Fußball sind Mannschaften auch Multi-Kulti-Truppen. Der Profisport mit seiner großen Strahlkraft in den Medien und die Vorbildfunktion der Stars in den sozialen Netzwerken können ein mächtiges Instrument im Kampf gegen Fremdenfeindlichkeit sein. Doch wie sollten Spieler handeln, wenn Unbelehrbare sich in den Stadien schuldig machen, indem sie dunkelhäutige Spieler auspfeifen oder mit Affenlauten begleiten? Einfach vom Platz gehen, wie es auch mehrere Borussen angekündigt haben?

Addo wirbt für einen differenzierten Ansatz. „Ich kann es verstehen, wenn ein Spieler vom Platz geht“, sagt er. „Doch ich würde es begrüßen, wenn sich die Verbände vor solchen Eklats mehr diesem Thema widmen und das Problem aktiv lösen wollen.“ Statt diese schwere Verantwortung auf die Schultern einzelner Spieler abzuwälzen, müssten von höherer Ebene Grenzen und Konsequenzen gezogen werden. Die Rede ist von einer Verfolgung der Täter und entsprechenden Bestrafungen, inklusive Stadionverbot. Im Wiederholungsfall könne auch den Vereinen ein Punktabzug angedroht werden. Das wäre womöglich wirksamer als gut gemeinte Anti-Rassismus-Slogans auf Bannern und in Werbespots.

Der BVB ist im Kampf gegen Rassismus sehr engagiert

Bei Borussia stoßen diese Gedanken auf offene Ohren. Und wer es an dieser Stelle für relevant erachtet, ob Addos Vater aus Ghana oder aus Gummersbach stammt, der sollte seine Haltung überprüfen. Und ändern.

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