Der BVB geht mit einem entscheidenden Vorteil in den Titelkampf

rnBorussia Dortmund

Der beste BVB-Kader der vergangenen 15 Jahre strebt nach dem Titel. Das Ziel ist angesichts eines perfekten Transfersommers nicht zu hoch gegriffen. Die eingespielte Einheit könnte ein entscheidender Vorteil werden.

Dortmund

, 16.08.2019, 06:30 Uhr / Lesedauer: 3 min

Zeit für den Vizemeister-Blues nahm sich Hans-Joachim Watzke nicht. Am Montag nach dem letztlich wertlosen 2:0-Erfolg am finalen Spieltag der Saison in Mönchengladbach analysierte die Dortmunder Elefantenrunde die Saison, tags drauf präsentierte der BVB-Boss im Dortmunder Stadion Journalisten zumindest einen kleinen Teil der Erkenntnisse. Und wagte sich ungewohnt forsch in die Offensive, als er erklärte: „In die neue Saison gehen wir mit der Maßgabe, dass wir wieder versuchen wollen, um die Deutsche Meisterschaft mitzuspielen.“

Guter Schachzug der BVB-Vereinsführung

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Es war ein guter Schachzug der BVB-Vereinsführung. Watzkes Worte setzten der allgemeinen Enttäuschung nach der knapp verpassten Meisterschaft ein klares Signal entgegen. Dortmund will Meister werden, so deutlich war das zuvor noch nie formuliert worden. Eine Aufbruchsstimmung vertrieb die einsetzende Depression, Vorfreude und Entschlossenheit machten sich breit. Mit drei viel beachteten Transfers in den ersten Tagen der Sommerpause unterfütterte der Klub seine Ankündigung. Am Ende der ersten Woche der bundesligafreien Zeit war schon fast in Vergessenheit geraten, wie unglücklich die alte Saison geendet hatte.

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Das Dortmunder Selbstverständnis und Selbstvertrauen speist sich aus einer gesunden Basis. Die 76 in der vergangenen Saison erspielten Punkte hätten in so mancher Spielzeit zum Titel gereicht, die Mannschaft, die sie mit zum Teil begeisternden Offensivfußball erspielt und erarbeitet hatte, konnte der BVB in der Sommerpause gezielt und hochkarätig verstärken.

Hummels-Rückkehr ist das Sahnehäubchen

Auch in diesem Jahr machte sich die weit vorausschauende und akribische Transferarbeit bezahlt. An Thorgan Hazard war die Borussia schon seit Monaten dran, auch Linksverteidiger Nico Schulz und Julian Brandt machte man sehr frühzeitig ein Engagement in Dortmund schmackhaft. Diese drei Verpflichtungen zeigen, mit welchen Pfunden Borussia Dortmund am Markt mittlerweile wuchern kann. Die Rückkehr von Mats Hummels war das Sahnehäubchen - und das klarste Signal in Richtung München.

Der BVB geht mit einem entscheidenden Vorteil in den Titelkampf

Die BVB-Verantwortlichen gehen mit großen Ambitionen in die neue Saison. © imago

Im Gegenzug gelang es auch, den nun zu überdimensionierten Kader deutlich zu verschlanken. Sportdirektor Michael Zorc hat für alle Spieler ohne echte BVB-Perspektive Lösungen gefunden. Zum Teil nur auf Zeit, wie beim schwer vermittelbaren Andre Schürrle, insgesamt aber konnte Zorc die Kader-Optimierung im gewünschten Zeitrahmen und mit den erhofften Ergebnissen abschließen. Zu Saisonbeginn steht in Dortmund das Gerüst, mit dem Lucien Favre arbeiten darf. Das ist in München ganz anders. Sollte es so eng wie im vergangenen Jahr zugehen im Titel-Zweikampf, könnte das ein entscheidender Vorteil für die Borussia sein.

Favre muss ein Luxusproblem managen

Bei aller Vorsicht, mit der die ersten Eindrücke und die Ergebnisse in den ausnahmslos siegreich bestrittenen Testspielen zu bewerten sind, scheint Borussia Dortmund noch einmal an Qualität zugelegt zu haben. In der Offensive wird Favre ein Luxusproblem managen müssen. Sowohl, was die Zahl der Spieler als auch die bestmögliche Nutzung ihrer Qualitäten angeht, sind der Fantasie kaum Grenzen gesetzt. Fast alle Spieler sind variabel einsetzbar - auf mehreren Positionen und in verschiedenen taktischen Formationen. Brandt und Hazard stehen für Spielkultur, Tempo und Abschlussqualität, den Verlust von Christian Pulisic, dessen Eindimensionalität ihn bisweilen sehr ausrechenbar machte, hat Dortmund mehr als aufgefangen. Die Dortmunder Offensive genügt auch ohne echten Stoßstürmer, für den Favre ohnehin keine Verwendung hat, höchsten nationalen und auch internationalen Ansprüchen.

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Dass die Saisonanalyse auch das Ergebnis brachte, dass in den entscheidenden Spielen der Saison und in Drucksituationen der Defensive eine Führungsfigur und -persönlichkeit gefehlt hatte, mündete in der Verpflichtung von Hummels. Der Weltmeister von 2014 gilt als druckresistent und mit allen Wassern gewaschen. Seine Routine sollte das viel diskutierte Tempodefizit wettmachen können. „Er ist sofort in die Führungsrolle hineingewachsen“, sagte Zorc am Ende des Trainingslagers in der Schweiz. Es gehört zu den dunklen Seiten des Geschäfts, dass die Hummels-Verpflichtung mit Abdou Diallo ein vielversprechendes Talent aus Dortmund vertrieb. Zudem verließ auch noch Ömer Toprak den BVB. Ob Dortmund mit der Zustimmung zu dessen Wechsel nach Bremen zu viel an Substanz verloren hat, wird erst die Saison zeigen. Klar ist: Fällt einer der Eckpfeiler Hummels oder Manuel Akanji aus, könnte es eng werden mit der Stabilität.

Ein langer Atem ist nötig

Angriff auf den Titel, Berlin als Zielstation der Reise im DFB-Pokal, Champions-League-Spiele möglichst auch noch im April - Borussia Dortmund startet mit großen Zielen und Erwartungen in die neue Saison. Die vergangene Saison hat gezeigt, dass langer Atem nötig ist, um am Ende noch mitzumischen. Sie hat auch gezeigt, dass es Charakterstärke und unerschütterlichen Glauben braucht, um Krisenmomente, von denen kein Klub verschont bleibt, gut zu überstehen.

Der BVB geht mit einem entscheidenden Vorteil in den Titelkampf

Im Offensivbereich muss Lucien Favre ein Luxusproblem managen. © David Inderlied

Alle Bemühungen und Transfers hat Borussia Dortmund an diesen Gesichtspunkten ausgerichtet. Und der Anfang ist gemacht, mit dem Supercup, dem ersten Titel der Saison, dessen Wert nicht besonders groß war, der aber schon mal ein Ausrufezeichen darstellte, und mit dem Bewältigen der undankbaren Pokalaufgabe. Der BVB scheint gewappnet - und die Vorfreude auf eine Saison, die nicht nur „Alterspräsident“ Lukasz Piszczek in seinem womöglich letzten BVB-Jahr am liebsten mit einer Korso-Fahrt um den Borsigplatz abschließen würde, ist riesig groß. Für Piszczek wäre es das vielleicht perfekte Ende, für viele andere nur der Anfang.

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