Der BVB und der 24. Juni: Zwei Endspiele um die Deutsche Meisterschaft

Zeitspiel

Der 24. Juni ist für den BVB gleich in doppelter Hinsicht historisch: 1956 und 1961 stand die Borussia an diesem Tag im Endspiel um die Deutsche Meisterschaft. Nur einmal durfte sie jubeln.

Dortmund

von Gerd Kolbe

, 24.06.2021, 10:15 Uhr / Lesedauer: 4 min
Die BVB-Meisterelf von 1956.

Die BVB-Meisterelf von 1956. © Kolbe

Es war jeweils der 24. Juni, als Borussia Dortmund 1956 und 1961 im Endspiel um die Deutsche Meisterschaft stand. Zwei Spiele - und zwei völlig unterschiedliche Ausgänge.

1956 hatte sich die Borussia nach 1949 zum zweiten Mal für ein Finale um die Deutsche Meisterschaft qualifiziert. Ausgetragen wurde es am 24. Juni im Berliner Olympiastadion. In den Tagen rund um das Endspiel standen in der geteilten Hauptstadt auch die Filmfestspiele mit vielen internationalen Stars und Sternchen auf dem Programm. Trotzdem wurde überall bevorzugt über das Endspiel zwischen dem BVB und dem Karlsruher SC diskutiert. Die Borussen waren schon drei Tage vorher angereist, um sich ungestört vorbereiten zu können. Viele „Schlachtenbummler“ folgten mit dem Sonderzug, dem Flugzeug oder per Auto über die Transit-Autobahn, um live dabei zu sein. Die meisten allerdings vertrauten auf das gute alte „Dampfradio“, vereinzelt auch auf das „neumoderne“ Fernsehen.

75.000 Zuschauer sehen den BVB im Berliner Olympiastadion

Am Morgen des Spieltages regnete es in Berlin wie aus Kübeln. Trotzdem feierten Tausende Fans friedlich rund um die Gedächtniskirche mit Dortmunder Bier und badischem Wein. Beim BVB war Optimismus angesagt, zumal auch Mittelstürmer Fred Kelbassa, der mit einer Halsentzündung angereist war, mit von der Partie war. Borussia hatte in der Vorrunde den HSV, den VfB Stuttgart und Viktoria Berlin, der KSC Schalke, Kaiserslautern und Hannover 96 ausgebootet. Die Schwarzgelben stellten mit einem Altersdurchschnitt von 28,9 Jahren das älteste Team der Endrunde, aber eben auch das spielerisch reifste.

Wegen des strömenden Regens füllten „nur“ 75.000 Besucher das Berliner Olympiastadion. Unter ihnen waren Hollywoods Weltstar Gary Cooper (High Noon / Wem die Stunde schlägt) und der nach dem englischen Pokalendspiel schwer verletzte und vom Hals bis zur Hüfte eingegipste deutsch-englische Torwartstar Bernd Trautmann als Ehrengast.

Der BVB lässt sich vom Rückstand nicht beeindrucken

In den ersten Minuten tasteten sich die beiden Teams bei verteiltem Spiel zunächst ab, kleinere Chancen wurden herausgearbeitet. Dann kam in der 9. Minute eine kalte Dusche für die Borussia: Kunkel vom KSC arbeitete sich durch, düpierte Schlebrowski und Michallek, Flachschuss in die Ecke: 1:0. Der BVB zeigte sich unbeeindruckt. Bereits fünf Minuten später egalisierte Alfred Niepieklo in unnachahmlicher Manier und bewies seine Qualitäten, die er in der abgelaufenen Oberligasaison mit 23 Treffern immer wieder hatte aufblitzen lassen. Kelbassa schoss vehement aufs Tor, den Abpraller nahm Niepieklo aus sechs Metern direkt und verwandelte unhaltbar.

Borussias Kombinationen nahmen mehr und mehr Fahrt auf. Herrliche Ballstafetten verwirrten den Gegner. Kelbassa zeigte, dass er wieder absolut fit war. Er sprühte vor Einsatzwillen und erzielte in der 27. Minute per Kopfball nach einer Ecke die verdiente BVB-Führung, die im weiteren Verlauf der ersten 45 Minuten ungefährdet blieb.

Der BVB gewinnt - wird zum ersten Mal Deutscher Fußballmeister

Nach dem Pausentee ging es schneidig weiter: Preißler zog sein gekonntes Quer- und Steilpassspiel auf und überraschte den KSC Mal um Mal. In der 54. und 58. Minute landete der Westmeister den entscheidenden Doppelschlag. Zunächst war es Mannschaftskapitän Ady Preißler persönlich, der einen Ball aus 25 Metern ins Netz hämmerte. Fünf Minuten später eine ähnliche Situation. Jetzt war es Kelbassa, der aus vergleichbarer Distanz abzog. Fischer wehrte ab, Sully Peters bedankte sich. 4:1. Das Spiel war „gegessen“.

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Das 2:4 durch ein Eigentor von Verteidiger Willi Burgsmüller war lediglich noch Ergebniskosmetik. Als Ady Preißler aus den Händen von DFB-Präsident Dr. Peco Bauwens die Meisterschale überreicht bekam, traten ihm die Tränen in die Augen. Nachdem es 1949 in der Sonnenschlacht von Stuttgart nicht geklappt hatte, war es nun soweit: Zum ersten Mal in seiner großen Geschichte war Borussia Dortmund Deutscher Fußballmeister. Chapeau!

250.000 Menschen empfangen den BVB in Dortmund

Mit einem Sonderzug der Deutschen Bundesbahn ging es für den frisch gebackenen Meister am folgenden Montag in Richtung Heimat. 250.000 Menschen bereiteten dem BVB einen geradezu triumphalen Empfang. So etwas hatte die Stadt noch nicht erlebt.

Die Aufstellungen:

BVB: Kwiatkowski; Burgsmüller, Sandmann; Schlebrowski, Michallek, Bracht; Peters, Preißler, Kelbassa, Niepieklo, Kapitulski.

KSC: R. Fischer, M. Fischer, Baureis, Ruppenstein, Geesmann, Dannenmaier, Traub, Sommerlatt, Beck, Kunkel und Termath.

Diese BVB-Elf wurde 1961 Vizemeister.

Diese BVB-Elf wurde 1961 Vizemeister. © Kolbe

Als sich am Sonntag, dem 24. Juni 1961, Heinrich Kwiatkowski und Maxl Morlock, die beiden Kapitäne der Endspielteams von Borussia Dortmund und dem 1. FC Nürnberg, im Niedersachsenstadion zu Hannover vor den Augen von Schiedsrichter Gerhard Schulenburg und 85.000 Besuchern vor dem Anpfiff freundschaftlich die Hände reichten, wurden Erinnerungen wach an die WM 1954 in der Schweiz. Dort waren beide gemeinsam Weltmeister geworden.

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An diesem Tag allerdings ging es um die Meisterschale des DFB. Der BVB war Favorit, hatte er doch den ruhmreichen HSV kurz zuvor in der heimischen „Roten Erde“ mit 7:2 förmlich demontiert. Das Glanzstück der Borussen in diesen Tagen war der Innensturm mit Alfred „Aki“ Schmidt, Jürgen „Charly“ Schütz und Timo Konietzka, der an die legendären drei Alfredos der 50er-Jahre anknüpfte.

Der BVB gerät gegen Nürnberg schnell in Rückstand

Das Jubiläumsendspiel – es war genau die Nummer 50 – wurde zu einer wahren Sonnenschlacht, die den Akteuren und den Besuchern auf den Rängen alles abverlangte. BVB-Trainer Max Merkel („Mit Zuckerbrot und Peitsche“) stellte den laufstarken Sully Peters gegen Routinier Max Morlock, um dessen Aktionsradius einzudämmen und gleichzeitig dem eigenen Angriff zusätzliche Impulse zu geben.

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Alle taktischen Finessen wurden allerdings schon kurz nach dem Anstoß ad acta gelegt, denn einer der ersten Angriffe der Nürnberger führte bereits in der 6. Minute per Kopf zur 1:0-Führung durch Haseneder. Borussia versuchte es mit Positionswechseln und dem Spiel in die Tiefe des Raumes. Aber mehr als ein Freistoß-Lattenkracher von Jürgen Schütz aus 20 Metern sprang nicht dabei heraus. Der BVB war nervös, der Club agierte und konterte eiskalt. Er nutzte die Gunst der Stunde und erzielte durch Mittelstürmer Strehl kurz vor der Halbzeit das 2:0, der eine Ecke unhaltbar einspitzelte.

Torhüter Kwiatkowski bewahrt den BVB vor einer Klatsche

Nach der Pause spielten die Franken weiter forsch auf, während der BVB seiner brillianten HSV-Form hinterher lief. Als Schiedsrichter Schulenburg in der 56. Minute einen Kopfball-Treffer des agilen Jürgen Schütz wegen angeblicher Behinderung Wabras annullierte, war die Luft raus bei Schwarzgelb. Anstelle des Anschlusstreffers und einer möglichen Aufholjagd gab es in der 67. Minute das 3:0 für den Club, wiederum durch Strehl, der eine feine Vorarbeit von Müller im BVB-Netz unterbrachte.

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Dem gerade in der zweiten Halbzeit bestens disponierten Heinrich Kwiatkowski im Borussentor war es zu verdanken, dass die Niederlage nicht noch höher ausfiel. Für Kwiatkowski, Kelbassa und Peters, alle drei Deutsche Meister 1956 und 1957, war es das letzte Finale um eine „Deutsche“ in ihrer langen und erfolgreichen Karriere.

Die Aufstellungen:

BVB: Kwiatkowski, Burgsmüller, Thiemann, Kurrat, Geisler, Peters, Kelbassa, Schmidt, Schütz, Konietzka, Cyliax.

Nürnberg: Wabra, Derbfuß, Hilpert, Zenger, Wenauer, Reisch, Flachenecker, Morlock, Strehl, Müller, Haseneder.

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