Insgesamt wechselte BVB-Trainer Marco Rose fünf Mal - drei Mal ungeplant. © imago images/RHR-Foto
Borussia Dortmund

Der BVB und die neue Tiefe im Kader: Hilfe von der Bank

Gleich drei Mal musste Marco Rose in der umkämpften zweiten Hälfte gegen den FC Augsburg ungeplant wechseln. Sorgen musste sich der BVB-Coach deshalb nicht. Er bekam wie gewünscht Hilfe von der Bank.

Wie stark die Ersatzbank besetzt ist, wie „tief“ und wahlweise „breit“ ein Kader also aufgestellt ist, darüber werden nicht selten Meisterschaften entscheiden. Nicht umsonst haben die Bayern seit Jahren ein Abonnement auf die Schale, denn in der Regel verfügen sie über den Kader, der auch auf den Positionen 15 bis 25 exzellent und besser besetzt ist als die der Konkurrenz. Für die Verfolger ist das ein immerwährendes Thema, auch für Borussia Dortmund. Das Spiel gegen den FC Augsburg aber zeigte, dass auch der BVB in diesem Bereich zugelegt hat – obwohl noch ein halbes Dutzend verletzte Spieler gar nicht zur Verfügung standen.

BVB-Trainer Marco Rose mit Lob für die Einwechselspieler

Marco Rose war dieser Fakt nach der umkämpften Partie gegen den FC Augsburg ein Sonderlob wert. „Stark von den Jungs“ fand der BVB-Trainer den Input, den er mit seinen fünf Einwechslungen bekam. „In den vergangenen drei Spielen waren wir richtig gut mit allen, die wir eingewechselt haben. Wir haben Frische reinbekommen, das hat uns gutgetan.“

Kurz nach dem 2:1-Siegtreffer, den Julian Brandt mitten in eine größer werdende Drangperiode der Gäste hinein erzielte, musste Rose erstmals wechseln, weil Thomas Meunier nicht mehr weitermachen konnte. Roses nächster Eingriff ins Spiel war gewaltig, er musste die defensive Zentrale mit Sechser Axel Witsel und Abwehrchef Mats Hummels neu besetzten. Kaum sechs Minuten später der nächste Doppelwechsel, der die Viererkette erneut durcheinanderwirbelte. Raphael Guerreiro wechselte auf die rechte Abwehrseite, Marius Wolf raus, Nico Schulz rein.

Neuzugang Marin Pongracic gibt dem BVB defensiv Sicherheit

Die Stabilität litt nicht darunter, Brandts Treffer erzielte seine Wirkung vor allem in der nun fehlenden Klarheit der Angriffsaktionen der Gäste. Nur kurz musste sich die Borussia sortieren, dann stand auch die neu formierte Abwehr sicher.

Dass der BVB auf der Zielgeraden der Transferperiode in Marin Pongracic noch einen Abwehrspieler verpflichtete, erweist sich als strategisch guter Schachzug. Pongracic hielt den Laden zusammen, er hinterließ auch bei seinen zwei Startelf-Einsätzen in der Liga einen guten Eindruck. Muss Rose reagieren, kann er das ruhigen Gewissens tun.

Offensiv fehlt dem BVB nach Wechseln noch die Durchschlagskraft

Während Einwechselungen in der Mehrzahl offensive Impulse setzen und in einem Spiel auf den letzten Metern noch eine Wende herbeiführen sollen, profitiert Borussia Dortmund aktuell vor allem davon, dass die Ergänzungsspieler von der Bank aus eine Führung nach Hause bringen. Dies lässt sich auch durch Zahlen belegen. Der BVB hat von seinen wettbewerbsübergeifend 14 Gegentoren bislang nur fünf in den letzten 30 Minuten kassiert, auch wenn Rose da schon mehrfach die Defensive umbesetzen musste. Das entspricht einer Quote von 35,7 Prozent. In der vergangenen Saison fielen noch 27 der 62 in der letzten halben Stunde, also 43,5 Prozent.

Dass die Jokerqualitäten von der Bank noch ausbaufähig sind, liegt auch daran, dass Rose vor allem offensives Personal weggebrochen ist. Erling Haaland ist aktuell verletzt, Gio Reyna seit einigen Wochen. Julian Brandt fehlte nach einer Corona-Infektion mit anschließender Muskelverletzung, Thorgan Hazard kam schon mit Problemen aus dem Sommer-Urlaub und ist gerade erst wieder fit. Diese Zahlen belegen auch dies: 40 Prozent ihrer Tore schoss die Borussia in der vergangenen Spielzeit in den letzten 30 Minuten des Spiels, wenn Wechsel neue Power ins Spiel brachten. In dieser Saison sind es bislang nur 24 Prozent (6 von 25). Mit den acht Jokertoren der vergangenen Saison belegte der BVB im Ligavergleich allerdings auch nur einen Mittelfeldplatz.

Rückkehrer können die BVB-Bank noch verstärken

Über die Jahre hat Borussia Dortmund sukzessive an der Breite des Kaders gearbeitet. Verstecken muss sich Dortmund mit seinem Personal hinter direkten Konkurrenten wie Leipzig oder Leverkusen nicht. Die Zeiten, in denen Jürgen Klopp auf seiner Bank nur „junges Gemüse“, wie er einmal beschrieb, sitzen sah, gehören der Vergangenheit an. Das Alter war seinerzeit ohnehin nicht das Problem, so jung wie heute Youssoufa Moukoko oder Ansgar Knauff waren damals die wenigsten.

Die Qualität auch auf den hinteren Positionen ist seit jenen Tagen gestiegen, davon dürfte Rose auch in den kommenden Wochen profitieren, wenn nach der Länderspiel-Phase gleich drei Englische Wochen in Serie anstehen. Rückkehrer wie Giovanni Reyna oder Mahmoud Dahoud und perspektivisch auch Dan-Axel Zagadou erhöhen Roses Spielraum dann weiter.

Über den Autor
BVB-Redaktion
Dirk Krampe, Jahrgang 1965, war als Außenverteidiger ähnlich schnell wie Achraf Hakimi. Leider kamen seine Flanken nicht annähernd so präzise. Heute nicht mehr persönlich am Ball, dafür viel mit dem Crossbike unterwegs. Schreibt seit 1991 für Lensing Media, seit 2008 über Borussia Dortmund.
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Dirk Krampe