Wie sieht die sportliche Zukunft der BVB-Offensivspieler Jadon Sancho (l.) und Erling Haaland aus? © imago / Sven Simon
Borussia Dortmund

Der BVB vor dem Umbruch: Ein Sommer der Unwägbarkeiten in der Offensive

Borussia Dortmund steht zur neuen Saison ein Umbruch bevor. In der Offensive erwartet den BVB ein Sommer der Unwägbarkeiten. Im Fokus stehen Jadon Sancho und Erling Haaland.

Bei Borussia Dortmund steht nach der Saison der nächste Umbruch an – mitten in einer Pandemie und in einem Transfersommer, der kaum zu kalkulieren ist. Wir beleuchten die Vertragssituationen der Spieler in den einzelnen Mannschaftsteilen und zeigen, wo der BVB am dringendsten nachjustieren muss. Beim Thema Offensive steht den Schwarzgelben ein Sommer der Unwägbarkeiten ins Haus:

Das Medienrauschen nach dem Blitzbesuch von Erling Haalands Vater Alf-Inge und Berater Mino Raiola mit Vereinsvertretern des FC Barcelona und Real Madrid am Donnerstag, ausgerechnet vor dem Beginn einer wichtigen Woche für Borussia Dortmund, hat schon mal einen Hinweis darauf gegeben, welche BVB-Spekulationen in diesem Transfersommer für Schlagzeilen sorgen dürften. Mit allen fünf im Kader stehenden Offensivkräften besitzt der Verein Verträge zum Teil weit über das Ende dieser Saison hinaus, dennoch begleiten die Borussia einige Unwägbarkeiten in einen Sommer, in dem auch in der Offensive einiges passieren dürfte.

Haaland ist dabei natürlich die spannendste Personalie. Borussia Dortmund hat am Donnerstag sehr gelassen auf die aufgetauchten Videos aus Spanien reagiert, die einen Tag nach einem Treffen der Haaland-Seite mit dem BVB in Dortmund natürlich nicht rein zufällig entstanden sind. In der BVB-Geschäftsstelle wurde dem gewieften Berater des Norwegers und seinem Vater klar gemacht, dass der 20-Jährige in der kommenden Saison weiter beim BVB spielen wird – erinnert man sich zwei Jahre zurück, als Sportdirektor Michael Zorc beinahe wöchentlich ein klares Bekenntnis zur Zukunft von Jadon Sancho abgeben musste und dennoch immer wieder mit neuen Spekulationen konfrontiert wurde, kann man sich ausmalen, wie das in diesem Jahr bei Haaland sein wird. Kein noch so klares Statement ist so definitiv, dass die Gerüchte nun abflauen dürften.

Erling Haaland ist der Schlüsselspieler im BVB-Angriff

Hält Borussia Dortmund an der klaren Aussage fest, dass auch ein Verpassen der Champions League in der Causa Haaland kein Umdenken hervorrufen wird, ist der BVB die größte Sorge im Angriff los. Er wird als Schlüsselspieler für einen neuen Angriff der Borussia unter einem neuen Trainer gesehen. Der Informationsaustausch der Haaland-Seite mit den beiden größten Klubs aus Spanien bedeutet allerdings auch, dass schon jetzt die Zukunft des aktuell spannendsten Spielers in Europa vorbereitet wird. Länger als bis zum Sommer 2022 wird man Erling Haaland wohl nicht mehr in Schwarzgelb erleben können.

Auf den Positionen hinter ihm dürfte es schon im Sommer einige Bewegung geben. Jadon Sancho ist der wahrscheinlichste Verkaufskandidat. Sollte die Borussia ihm ein Preisschild in ähnlicher Höhe wie im vergangenen Sommer umhängen, könnten es allerdings ähnlich zähe (und am Ende erneut erfolglose?) Verhandlungen werden. Die Corona-Pandemie hat die Klubs hart getroffen, es erscheint zweifelhaft, dass ein Verein bereit ist, für Sancho 120 Millionen Euro zu zahlen, auch wenn seine Formkurve vor der aktuellen Verletzung wieder deutlich nach oben gezeigt hat. Sanchos Vertrag läuft noch zwei weitere Jahre, so dass der BVB auch hier die Fäden in der Hand hält und den Spieler nicht unter Wert verkaufen müsste.

Wie bewertet Julian Brandt seine schwierige Saison beim BVB?

Weiter in Schwarzgelb werden Kapitän Marco Reus (Vertrag bis 2023) und Thorgan Hazard (Vertrag bis 2024) erwartet. Ob das auch für Julian Brandt (2024) gilt, wird davon abhängen, wie vor allem er selbst die Situation nach einer persönlich sehr schwierigen Saison bewertet. Der Trainerwechsel mischt die Karten für viele Spieler neu, das könnte auch für Brandt gelten, wenn er für sich nicht beschließt, dass ein klarer Schnitt sinnvoll wäre.

Die Zukunft des BVB soll Youngster Giovanni Reyna (l.) präsentieren. Julian Brandt (M.) dagegen wird nach der Saison entscheiden müssen, wie es für ihn weitergeht. © imago / MIS © imago / MIS

Einfluss dürfte auch Marco Roses Bewertung haben – ein Gespräch zwischen Spieler und neuem Trainer hat es allerdings noch nicht gegeben. Dazu gesellt sich die wirtschaftliche Komponente: Brandt kostete vor zwei Jahren 25 Millionen Euro Ablöse, die war seinerzeit in seinem Leverkusener Vertrag festgeschrieben und machte ihn damals zu einem echten Schnäppchen. Nach einer eher durchschnittlichen ersten und einer bislang sehr schwachen zweiten Saison aber dürfte es für den BVB schwierig werden, in Zeiten knapper Gelder am Markt eine ähnliche Ablöse zu generieren.

Bei Giovanni Reyna hat Borussia Dortmund, als er seinen 18. Geburtstag feierte, im vergangenen Herbst Fakten geschaffen. Er ist aktuell der einzige Spieler im Kader, der einen Vertrag bis 2025 besitzt und soll die Zukunft der Borussia repräsentieren. Dass der 18-Jährige in dieser Saison nach sehr gutem Beginn stark nachgelassen hat und in einem Tief steckt, wird ihm aufgrund seines Alters zugestanden.

Der neue BVB-Trainer wird die Offensive auffrischen wollen

Bleibt noch das Küken im Kader: Youssoufa Moukoko ist wegen seines Alters ein Sonderfall, da die FIFA-Regularien (denen sich der Deutsche Fußball-Bund angeschlossen hat) bei minderjährigen Spielern eine maximale Vertragslaufzeit von drei Jahren vorsehen. Gängige Praxis ist allerdings, in diesem „Fördervertrag“ eine Anschlussvereinbarung zu fixieren, das sogenannte „3+2-Modell“. Bei Borussia Dortmund griff diese Praxis auch bei Jadon Sancho, dessen erster „richtiger“ Profivertrag wirksam wurde, als er die Volljährigkeit erlangte. Bei Moukoko soll Borussia Dortmund einen ähnlichen Weg gegangen sein und sich damit abgesichert haben gegen mögliches Werben anderer Vereine. Seinen 18. Geburtstag feiert das Juwel am 20. November 2022.

Unabhängig von den Vertragssituationen aktueller Spieler wird der neue Trainer Marco Rose die Offensive auffrischen wollen. Spieler, die mit Tempo über außen kommen und Eins-gegen-Eins-Situationen im Dribbling für sich entscheiden können, sind der X-Faktor im modernen Fußball. Von diesem Kaliber, das hat die aktuelle Saison gezeigt, besitzt der BVB deutlich zu wenige.

Über den Autor
BVB-Redaktion
Dirk Krampe, Jahrgang 1965, war als Außenverteidiger ähnlich schnell wie Achraf Hakimi. Leider kamen seine Flanken nicht annähernd so präzise. Heute nicht mehr persönlich am Ball, dafür viel mit dem Crossbike unterwegs. Schreibt seit 1991 für Lensing Media, seit 2008 über Borussia Dortmund.
Zur Autorenseite
Dirk Krampe