Die BVB-Planungen für die Saison 2021/22 laufen im Hintergrund auf Hochtouren. © imago / Sven Simon
Borussia Dortmund

Der BVB vor dem Umbruch: Wichtige Personalentscheidungen in der Defensive

Borussia Dortmund steht zur neuen Saison ein Umbruch bevor. Wie sind die Vertragssituationen der Spieler? Wo muss der BVB handeln? Wir beleuchten die Mannschaftsteile. Heute: Tor und Defensive.

Bei Borussia Dortmund steht nach der Saison der nächste Umbruch an – mitten in einer Pandemie und in einem Transfersommer, der kaum zu kalkulieren ist. Wir beleuchten die Vertragssituationen der Spieler in den einzelnen Mannschaftsteilen und zeigen, wo der BVB am dringendsten nachjustieren muss. Im ersten Teil geht es um die Torhüter sowie die Defensive.

Meuniers BVB-Premierenjahr: Eine nicht enden wollende Katastrophe

Es hätte diese Szene eigentlich nicht gebraucht, um noch einmal zu verdeutlichen, dass Borussia Dortmund auf der rechten Abwehrseite ein veritables Problem hat. Bei Thomas Meuniers Versuch, einen Pass auf den Ismail Jakobs zu blocken, lieferte der Belgier quasi eine Steilvorlage für den Kölner Offensivspieler, der auch noch einen Sonntagsschuss auspackte und mit dem Tor zum 1:2 den BVB unter Zugzwang setzte. Meunier, erst im vergangenen Sommer gekommen, durchläuft ein Premierenjahr, das einer nicht enden wollenden Katastrophe gleicht. Die Hoffnung, die Lücke nach dem Abgang von Achraf Hakimi mit Meunier schließen zu können, blieb bislang unerfüllt. Und der Glaube daran, dass sich das noch ändern könnte, schwindet mit jedem weiteren Fehler des Belgiers.

Die rechte Seite ist nur eine Baustelle in einer Dortmunder Defensivreihe, in der Sportdirektor Michael Zorc viele lose Fäden in der Hand hält. Mateu Moray hat zwar einen deutlichen Sprung hin zu einer Stammkraft gemacht und ist damit die Positiv-Erscheinung. Der nächste erfolgreiche Export aus der Jugendakademie des FC Barcelona kämpft aber regelmäßig mit Verletzungen. Innen leidet der BVB schon seit Saisonbeginn darunter, dass der dauerverletzte Dan-Axel Zagadou als Alternative kaum zur Verfügung stand, er fällt nun erneut lange aus. Und links gibt es keinen tauglichen Plan B für den Fall, der gerade eingetreten ist – eine Verletzung von Raphael Guerreiro.

In der BVB-Innenverteidigung drückt der Schuh

Ohne Frage steht Zorc beim Blick auf die Defensive vor einer großen Herausforderung. Mit dem 17-Jährigen Soumaila Coulibaly hat der BVB einen ersten Transfer für die kommende Saison getätigt. Ein Innenverteidiger, der ablösefrei aus der Jugendakademie von Paris Saint-Germain kommt und als Zukunftsspieler mit Perspektive geholt wird – sobald er denn fit ist. Coulibaly hat sich erst kürzlich einen Kreuzbandriss zugezogen und wird noch Monate ausfallen, als Soforthilfe war er ohnehin nicht eingeplant.

In der Innenverteidigung drückt daher der Schuh. Mats Hummels, dessen Vertrag im Sommer 2022 endet, besitzt eine Spieler-Option auf eine Verlängerung um ein weiteres Jahr, derzeit ist kaum vorstellbar, dass er in gut einem Jahr von Bord geht. Die Verträge seiner Nebenleute Manuel Akanji und Dan-Axel Zagadou aber enden ebenfalls 2022. Das stellt ein Problem dar, weil es Zorc für den kommenden Sommer unter Zugzwang setzt.

BVB-Verteidiger Akanji liebäugelt mit der Premier League

Dem Vernehmen nach möchte der BVB mit beiden Spielern verlängern. Der Schweizer Akanji aber gilt seit Längerem als Wechselkandidat, er liebäugelt mit einer Karriere-Fortsetzung in der englischen Premier League. Von Zagadous großem Potenzial sind alle auch weiter überzeugt, seine für sein junges Alter schon dicke Krankenakte aber gibt zu denken. Mindestens einen gestandenen Innenverteidiger müsste Dortmund dann ins Auge fassen, wenn der neue Trainer Marco Rose Emre Can nicht auf dieser Position sehen sollte. Abschließende Beurteilungen darüber hat Rose bislang noch nicht abgegeben. Das Problem wird größer, wenn sich mit Akanji und/oder Zagadou keine Einigung über eine Vertragsverlängerung erzielen ließe. Die Gespräche dazu werden bald anlaufen.

Aber was tun auf der Außenbahn? Die rechte Seite: Moreys Vertrag läuft noch bis zum Sommer 2024, der von Meunier endet im selben Jahr und ist dazu hoch dotiert. Kaum vorstellbar, dass der Belgier im Sommer eine Luftveränderung anstrebt, weil er eine ähnliche Summe in Corona-Zeiten nirgendwo erzielen wird. Eher wird der BVB also darauf setzen müssen, dass sich Meunier stabilisiert. Als weiterer Backup stünde Felix Passlack zur Verfügung, wenn er die von der Borussia angebotene Vertragsverlängerung annehmen würde. Noch ist das offen.

Nico Schulz hat vom BVB die Erlaubnis, sich neu zu orientieren

Passlack ist auch deshalb ein wichtiges Puzzlestück, weil er beide Außenbahnen spielen kann. Auf der linken Seite stellt sich die Situation nämlich für Zorc ähnlich kompliziert dar. Nico Schulz hat nach zwei enttäuschenden Jahren eigentlich die Erlaubnis, sich neu zu orientieren, die Frage ist, ob er selbst das will. Denn auch er sitzt auf einem gut dotierten und bis 2024 laufenden Vertrag. Raphael Guerreiro ist die 1A-Lösung – offen dabei ist, wo Rose den Portugiesen am liebsten sehen würde.

Streiten um die Nummer eins im BVB-Tor: Marwin Hitz (l.) und Roman Bürki. © dpa © dpa

Im Tor hat die Entscheidung von Edin Terzic, für den Rest der Saison Roman Bürki durch Marwin Hitz zu ersetzen, das Personalkarussell in Schwung gebracht. Etliche Namen wie der von Leipzigs Peter Gulasci kursierten im Zusammenhang mit Borussia Dortmund. Das Kernproblem dabei ist: Würde sich der BVB dazu entschließen, einen neuen Mann zu verpflichten, müsste der deutlich stärker sein als die bisherige Besetzung. Das kostet viel Geld, das die Borussia eigentlich an anderer Stelle benötigt – und Bürki (Vertrag wie Hitz bis 2023) als der Leidtragende der aktuellen Rotation müsste überhaupt erst einmal signalisieren, dass er sich verändern will.

Jude Bellingham ist Dortmunds Zukunft im defensiven Mittelfeld

Wahrscheinlicher Stand heute ist daher, dass Dortmund im Tor mit den bewährten Kräften in die neue Spielzeit gehen und Bürki sich unter dem neuen Trainer einem offenen Zweikampf mit Hitz stellen wird.

Im defensiven Mittelfeld plagen Dortmund aktuell keine Besetzungsprobleme. Jude Bellingham stellt die Zukunft dar, für ihn hat Dortmund stolze 23 Millionen Euro hingeblättert. Geld, das allerdings gut investiert ist. Belinghams Vertrag läuft bis 2023, ein Jahr länger als die Übereinkünfte mit Thomas Delaney und Axel Witsel. Der Belgier dürfte rechtzeitig zum Start der Sommervorbereitung wieder fit sein, wenn er nicht sogar noch auf den EM-Zug aufspringen kann.

Der BVB will den Vertrag mit Thomas Delaney verlängern

Eine Vertragsverlängerung mit Delaney dürfte in diesem Sommer Priorität besitzen, der Däne hat seinen Status als fast schon unverzichtbare Arbeitsbiene mit Top-Einstellung in dieser Saison untermauert. Bei Witsel und dem ebenfalls bis 2022 gebundenen Mahmoud Dahoud dürften sich die Verhandlungen aufgrund der üppigen Ausstattung der aktuellen Verträge komplizierter gestalten – wenn der BVB überhaupt verlängern will.

Sind beim BVB auch in der kommenden Saison Leistungsträger (v.l.): Thomas Delaney, Mats Hummels und Jude Bellingham. © dpa © dpa

Mittelfristig benötigt Dortmund ohnehin einen Ersatz für den schon 32 Jahre alten Belgier Witsel, auch Dahoud hat die hohen Vorschusslorbeeren, die seinen Wechsel begleiteten, nur sehr sporadisch rechtfertigen können. Tobias Raschl hat sich auch in seinem zweiten Profijahr nicht durchsetzen können. Beim 20-Jährigen steht trotz bis 2022 laufenden Vertrags ein Wechsel im Sommer im Raum.

Über den Autor
BVB-Redaktion
Dirk Krampe, Jahrgang 1965, war als Außenverteidiger ähnlich schnell wie Achraf Hakimi. Leider kamen seine Flanken nicht annähernd so präzise. Heute nicht mehr persönlich am Ball, dafür viel mit dem Crossbike unterwegs. Schreibt seit 1991 für Lensing Media, seit 2008 über Borussia Dortmund.
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Dirk Krampe