Der „Ist-Zustand“ des BVB: Das sind die Baustellen bei Borussia Dortmund

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Borussia Dortmund hinkt dem selbst ausgerufenen Saisonziel Meisterschaft weit hinterher. Die sportliche Leitung will den „Ist-Zustand“ analysieren. Wir blicken auf die Probleme des BVB.

Dortmund

, 12.11.2019, 06:30 Uhr / Lesedauer: 4 min

BVB-Boss Hans-Joachim Watzke, Sportdirektor Michael Zorc, Lizenzspieler-Leiter Sebastian Kehl und der externe Berater Matthias Sammer stecken die Köpfe zusammen. Bei Borussia Dortmund kommt in dieser Woche der „Ist-Zustand“ auf den Prüfstand. Nach knapp einem Drittel der Saison steht der BVB nicht da, wo er stehen möchte - Platz sechs und sechs Punkte Rückstand auf Rang eins. Wir geben einen Überblick über die Punkte, die in der „Elefantenrunde“ diskutiert werden sollten:


01.) Die Einstellung: Man müsse „etwas härter zu sich selbst werden“, so formulierte es Mats Hummels nach dem 0:4 in München. Das sagte viel aus über die Einstellung in der BVB-Kabine. Es ist mitunter eine Mischung aus Selbstzufriedenheit und teilweise sogar Arroganz bei Borussia Dortmund, es fehlt zu oft an Grundtugenden des Spiels. Talent allein reicht nicht, Fußball ist immer auch ehrliche Arbeit. Das vergessen viele BVB-Profis augenscheinlich zu häufig. Allein die Körpersprache der meisten Spieler in München sprach Bände, nach dem 0:1 ergab sich der BVB in sein Schicksal.



02.) Der Teamgeist: Auch die schönsten Jubelfotos aus der Kabine, die von den BVB-Spielern nach Siegen gerne im Internet veröffentlicht werden, können nicht darüber hinwegtäuschen, dass es um die mannschaftliche Geschlossenheit bei Borussia Dortmund nicht allzu gut bestellt ist. Zu oft schon stand in dieser Saison keine Mannschaft auf dem Feld, sondern nur eine Ansammlung von elf Fußballern. Einer für alle, alle für einen, dieses Motto klingt nicht nur altmodisch, es ist auch schon länger aus der BVB-Kabine verschwunden - im Fußball aber immer noch Grundpfeiler für Erfolg, wie das Beispiel SC Freiburg zeigt.

Der „Ist-Zustand“ des BVB: Das sind die Baustellen bei Borussia Dortmund

Die Berufsauffassung von Jadon Sancho lässt zu wünschen übrig. © Kirchner/Christopher Neundorf

03.) Die Identifikation: Die Reaktion der Fans nach der Klatsche von München war deutlich: Die Mannschaft wurde weggeschickt und gnadenlos ausgepfiffen. Nicht, weil der BVB in München verloren, sondern weil er sich ohne Gegenwehr ergeben hatte. Und die Frage, wie viele Profis wirklich mit ganzem Herzen bei der Sache sind und vor allem verstanden haben, was es bedeuten sollte, für Borussia Dortmund spielen zu dürfen, muss gestellt werden. Bei Paco Alcacer, Jadon Sancho, Achraf Hakimi, um nur einige zu nennen, sind Zweifel erlaubt. Wer mit dem Kopf zu 100 Prozent in Dortmund ist, müsste eigentlich anders auftreten.



04.) Die fehlende Konstanz: Überzeugende Spiele über 90 Minuten? Gab es nur drei: Das 5:1 gegen Augsburg gleich im ersten Spiel, das 0:0 gegen Barcelona und das 4:0 gegen Leverkusen. Viel zu oft zeigte Borussia Dortmund auch innerhalb eines Spiels zwei Gesichter. In Frankfurt, gegen Bremen und in Freiburg brachte die Mannschaft Führungen nicht über die Zeit, in anderen Spielen (Köln, Wolfsburg, Gladbach, Rückspiel Inter Mailand) wendete der BVB erst nach einem Kraftakt eine mögliche Niederlage ab. Der Fakt lässt sich nicht wegwischen, dass es erst besonderer Motivation oder eines besonderen Umstands bedarf, um aus der Dortmunder Elf das optimale Leistungsvermögen herauszukitzeln.

Irritierend sind vor allem die extremen Abweichungen von der Norm. So gab der BVB einige Spiele aus der Hand, die er in der Vergangenheit mit Abgeklärtheit für sich entscheiden konnte. Der Eindruck, dass es der Mannschaft nicht gelingt, die notwendige Konzentration über 90 Minuten hochzuhalten, verfestigte sich im Laufe des ersten Saisondrittels immer mehr.



05.) Die Form: Auch die fehlende Form letztjähriger Eckpfeiler ist ein Mosaikstein, wenn man nach Gründen für Borussia Dortmunds starke Leistungsschwankungen sucht. Kapitän Marco Reus spielt weit unter seinem Leistungsvermögen, das gilt auch für Jadon Sancho, Axel Witsel und Manuel Akanji. Welcher Spieler ist überhaupt in Top-Form? Bei der Suche landet man bei den Torhütern und bei Mats Hummels.

Danach wird es schnell dünn - auch weil Lucien Favre trotz seiner Beteuerungen, wie wichtig Rotation sei, einem engen Stamm an Spielern vertraut. Den selten eingesetzten Profis fehlt logischerweise der Rhythmus, andere wirken dafür schon jetzt überspielt. Die Folge: Offensiv fehlt dem BVB oftmals Esprit, Durchschlagskraft und Kreativität, defensiv führen leichte Fehler und Konzentrationsschwächen immer wieder zu vermeidbaren Gegentoren.

Der „Ist-Zustand“ des BVB: Das sind die Baustellen bei Borussia Dortmund

Hat bislang enttäuscht: BVB-Neuzugang Julian Brandt. © Kirchner/David Inderlied

06.) Die Neuzugänge: Die Dortmunder Transfer-Offensive im Sommer hat sich bislang noch nicht ausgezahlt. Von den vier namhaften Neuzugängen hat durchweg nur Rückkehrer Mats Hummels überzeugt. Nico Schulz sucht nach fünfwöchiger Verletzungspause Form und Konstanz, das gilt auch für Thorgan Hazard und Julian Brandt, die große Schwankungen in ihren Leistungen haben und unterm Strich bislang enttäuschen. Der ablösefrei verpflichtete Mateu Morey ist bislang ebenso noch nicht zum Einsatz gekommen wie Leonardo Balerdi. Beide sind nicht zu bewerten.



07.) Die Auswärtsschwäche: Die Auswärtstabelle lügt nicht. Sechs Spiele in der Liga, sechs Punkte, nur ein Sieg beim wenig überzeugenden 3:1 in Köln am zweiten Spieltag, 8:12 Tore, zwei Niederlagen, Platz zehn: Der BVB tritt vor allem in der Fremde nicht wie eine Spitzenmannschaft, geschweige denn ein Meisterschaftsanwärter auf. „Eine Topmannschaft muss eben auch an schlechten Tagen noch eine Topmannschaft sein. Das schaffen wir in dieser Saison vor allem auswärts zu selten“, sagt Mats Hummels.



08.) Die Defensive: 15 Gegentore in elf Bundesligaspielen sind drei mehr als in der vergangenen Saison zur gleichen Zeit und unter dem Strich einfach zu viele. Das Resultat: Während der BVB in der vergangenen Saison nach elf Spieltagen 27 Punkte auf dem Konto hatte, sind es in dieser Saison erst 19.

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Zu Saisonbeginn brannte es vor allem nach gegnerischen Ecken immer wieder lichterloh im BVB-Strafraum. Drei Tore musste Borussia Dortmund bislang nach Ecken hinnehmen, nur Werder Bremen kassierte in der Liga mehr, nämlich sechs. Zumindest dieses Problem scheint allerdings größtenteils gelöst, seitdem der BVB auf Drängen der Mannschaft bei Ecken deutlich mannorientierter verteidigt als zu Beginn der Spielzeit. Insgesamt aber fällt auf: Es fehlt schlicht an der Bereitschaft aller Feldspieler, konsequent das eigene Tor zu verteidigen, also auch gegen den Ball entschlossen zu arbeiten.



09.) Der Trainer: Nach der starken zweiten Hälfte gegen Mailand änderte Lucien Favre die BVB-Formation nicht. Dieses Vertrauen wurde von den Spielern in München mit Füßen getreten. Kleinere und größere Rotationen (jeweils fünf Änderungen im Derby und zum Inter-Rückspiel) wirkten bisweilen willkürlich und sorgten nicht für regelmäßigen Erfolg und Konstanz in den Leistungen.

Zu viele Spieler (Bruun Larsen, Zagadou, Schmelzer, Dahoud) sind quasi ohne Spiel-Rhythmus. An der Linie coacht Favre viel aktiver, dem Vernehmen nach ist das Verhältnis zur Mannschaft intakt, seine Arbeitsmethoden werden geschätzt. Favre durfte sich zuletzt im Stich gelassen fühlen - trotzdem liegt die Verantwortung für die Performance der Mannschaft letztlich beim Schweizer.

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