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„Vor keinem Gegner wir verzagen“, heißt es im Vereinslied von Borussia Dortmund. Eine Zeile, die besonders für Widerstandskämpfer und Platzwart Heinrich Czerkus galt. Eine Spurensuche.

Dortmund

, 18.04.2019 / Lesedauer: 4 min

Schüsse zerfetzen die trügerische Morgenruhe. Selbst am Karfreitag wird in Dortmund gemordet. 300 Zwangsarbeiter, Widerstandskämpfer und Deserteure exekutiert die Gestapo im März und April 1945. Viele der Opfer sind heute namenlos. Einer, der im Kampf gegen das NS-Regime aufrecht in den Tod geht, ist Heinrich Czerkus. Der Platzwart von Borussia Dortmund.

Ein kleiner Krater im Rombergpark, vielleicht fünf Meter breit. Sonnenstrahlen fallen auf das Laub vom letzten Herbst. Wilfried Harthan zeigt auf die Kuhle. „Das ist einer von sechs Orten hier, an denen die Nazis ihre Gegner liquidiert haben“, sagt er. Mit Lastwagen wurden die Todgeweihten aus dem Gefängnis in Hörde hergekarrt und zwischen Wald und Wiesen erschossen. Oft bei Tagesanbruch. Die Täter, Gestapo-Leute oder ihre Handlanger, spülten danach ihre grausamen Erlebnisse mit Schnaps hinunter. Längst standen die Alliierten vor der Stadt, längst war der Krieg verloren. In Bombenkratern wie dem vor Wilfried Harthans Füßen fielen immer noch Unschuldige dem Terror zum Opfer. Wenn er Schulklassen hierher führe, werde es sehr still, sagt er.

Harthan, zuvor 30 Jahre lang als Arzt Anästhesist im Klinikum, hat sich nach seiner Pensionierung auf Spurensuche begeben. Borussia Dortmund und der bis heute gegenwärtige Kampf gegen Rechtsradikale und Rassisten verbinden sich für ihn in den Personen von Heinrich Czerkus und zwei weiteren Widerstandskämpfern aus den Reihen der Schwarzgelben, Franz Hippler und Fritz Weller. Das Thema habe ihn nicht mehr losgelassen, sagt Harthan. Er knüpfte an die Recherchen des Historikers Gerd Kolbe an, der 2002 ein Buch zum Thema „Der BVB in der NS-Zeit“ veröffentlichte. Die Quellenlage ist dürftig, vor allem zu Czerkus. „Er war nicht verheiratet, hatte keine Kinder, seine Geschichte endete eigentlich im Frühjahr 1945“, berichtet Harthan. Er machte sich an die zähe Forschungsarbeit. In Dortmund, Münster, Düsseldorf, Duisburg.

Stadt löst den Pachtvertrag 1937 auf

1920 verschlug es Czerkus aus dem heutigen Litauen nach Dortmund, das ist bekannt. Er zog in die Schlosserstraße 42, in die Nähe des Borsigplatzes. Gleich um die Ecke wurde der BVB elf Jahre zuvor in der Gaststätte „Wildschütz“ gegründet. Harthan zeigt in die andere Richtung: Czerkus malochte „da drüben bei Hoesch“. Bis er 1925 arbeitslos wurde. Für die „Weiße Wiese“, den Sportplatz der Borussia, suchte der Klub einen Platzwart und stellte ihn an. Besser als vor Kohle zu schuften oder am Stahlofen, wird Czerkus gedacht haben.

Der Kampf des ehemaligen BVB-Platzwartes Heinrich Czerkus bleibt aktuell

Der 13. Stern des „Walk of Fame“ an der Ecke Weißenburger Straße / Günterstraße. © Koers

Zwölf Jahre lang pflegte er den Borussia-Sportplatz. „Das dürfte gar nicht so einfach gewesen sein“, vermutet Harthan. Der Untergrund sei hart und verdichtet gewesen. Im Sommer war Saisonpause, die Spielzeit ging durch den gesamten Winter. „Viele Partien sind daher ausgefallen.“ Czerkus tat, was er konnte, und bereitete dem BVB den Boden. Bis die Stadt den Pachtvertrag 1937 auflöste. Als Sportwart stand er sinnbildlich für Borussias Gemeinschaftsgeist weit über weltanschauliche Grenzen hinaus, sagt Kolbe. Ein Teil der BVB-Familie.

Widerstand im Verborgenen

Die Nazis dürften ihn da längst auf dem Kieker gehabt haben. Czerkus gehörte der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD) an, 1933 wurde er sogar in den Stadtrat gewählt. Gegen das Unrechtsregime stemmte er sich im Verborgenen.

Eine Widerstandsgruppe von circa 30 Personen verteilte heimlich Flugblätter. Als sich der Krieg nach Stalingrad und der Wende vor Moskau im Winter 1942/43 gegen Hitler wendete, keimte Hoffnung auf. Czerkus kopierte weitere Schriften auf der Vervielfältigungsmaschine des Vereins. Borussias Vereinsführer August Busse wusste davon. Die Kumpel im Klub deckten und versteckten ihn. Bis er verhaftet wurde. Gegen Kriegsende, erklärt Harthan, wollten die Nazis so viele Gegner und Zeugen wie möglich aus dem Weg räumen. Auch Czerkus erwischten sie. Von einer Verhandlung, einem Prozess ist nichts bekannt. Die Widersacher sollten einfach verschwinden. Dann knallten die Schüsse durch den Rombergpark. Wieder Stille.

Gauck lobt lebendige Erinnerungskultur

2005 riefen die Naturfreunde Dortmund-Kreuzviertel den Heinrich-Czerkus-Gedächtnislauf ins Leben, wodurch sein Name nach und nach wieder einer breiten Öffentlichkeit bekannt wurde. Der Lauf geht vom Stadion Rote Erde durch den Rombergpark bis zum Mahnmal in der Bittermark, wo der Karfreitags-Morde gedacht wird. Anfangs blieb die Zahl der Teilnehmer überschaubar.

Der Kampf des ehemaligen BVB-Platzwartes Heinrich Czerkus bleibt aktuell

Bei der 15. Auflage des Heinrich-Czerkus-Gedächtnislauf am Karfreitag werden wieder über 1000 Teilnehmer erwartet. © Schaper

Als sich das Fan-Projekt des BVB in die Riege der Veranstalter einreihte, wuchs die Gruppe. 2018 schätzte Harthan die Zahl der Spaziergänger, Walker, Jogger und Radler auf 1200. In diesem Jahr, bei der 15. Auflage, könnten es noch mehr werden. Das Motto: „Nie wieder Faschismus! Nie wieder Krieg! - Kick racism out!“ Ex-Bundespräsident Joachim Gauck lobte die lebendige Erinnerungskultur rund um Heinrich Czerkus der Borussen bei seiner Ansprache in der Bittermark 2005 als beispielhaft.

Der Kampf von Heinrich Czerkus bleibt aktuell.

  • Seit 2009 gibt es einen Heinrich-Czerkus-Fanclub, dem 100 Mitglieder angehören.
  • Im Stadtteil Hohenbuschei, nahe des BVB-Trainingsgeländes, wurde im September 2012 die Heinrich-Czerkus-Allee eingeweiht. Vor seinem ehemaligen Wohnort in der Schlosserstraße 42 liegt ein Stolperstein. Der 13. Stern des „Walk of Fame“ an der Ecke Weißenburger Straße / Günterstraße. Am Stadion erinnert eine Tafel an den früheren Platzwart.
  • Am Karfreitag startet der 15. Heinrich-Czerkus-Gedächtnislauf ab 13 Uhr für Spaziergänger. Walker (13.30 Uhr) und Jogger sowie Radler (14 Uhr) machen sich später auf den Weg zur Kundgebung in der Bittermark. Den Startschuss gibt Siggi Held.

  • Weitere Informationen unter: www.heinrich-czerkus.de
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