Der Taktiker - Tuchels Fußball-Philosophie

Serie zum BVB-Trainer

Ob beim FC Arsenal oder beim FC Barcelona – der Name von BVB-Trainer Thomas Tuchel fällt in jüngster Vergangenheit immer häufiger in Verbindung mit einem von Europas Topklubs. Warum ist das so? In einer vierteiligen Serie beleuchten wir die Stärken und Schwächen des 43-Jährigen, der vor 630 Tagen sein Amt bei Borussia Dortmund angetreten hat. Zuerst: Thomas Tuchel, der Taktiker.

DORTMUND

, 22.03.2017, 06:32 Uhr / Lesedauer: 2 min
Mit Feuereifer dabei: BVB-Trainer Thomas Tuchel hat klare Vorstellungen davon, wie der Fußball seiner Mannschaft aussehen soll.

Mit Feuereifer dabei: BVB-Trainer Thomas Tuchel hat klare Vorstellungen davon, wie der Fußball seiner Mannschaft aussehen soll.

Thomas Tuchel hat in den vergangenen Wochen zwar überraschend häufig Einblicke in sein Privatleben gegeben, eine Frage aber ist noch ungeklärt: Spielt der BVB-Trainer in seiner wenigen Freizeit – wie so viele seiner Spieler – Fußballsimulationen auf der Spielekonsole? Die Frage ist deshalb interessant, weil Tuchel am Spielfeldrand oft so wirkt, als hätte er am liebsten die totale Kontrolle über seine Profis – so wie er es mit dem Controller in der Hand an der Playstation hätte.

Ungeliebter Zufall

Den Faktor Zufall mag der 43-Jährige nicht – das hat er mit vielen seiner Kollegen gemein, die Mehmet Scholl mal leicht abfällig als „Laptop-Trainer“ bezeichnet hat: Allen voran natürlich Pep Guardiola, Tuchels Spiritus Rector, aber auch Hoffenheims Julian Nagelsmann oder Hannes Wolf, der frühere BVB-Jugend- und heutige Chefcoach des VfB Stuttgart, zählen zu dieser Kategorie. Sie alle eint ein eher wissenschaftlicher Ansatz, alles soll möglichst gut geplant sein: jeder Pass, jede Flanke, jeder Schuss. Nicht zufällig war es Tuchel, der den Begriff Matchplan in der Bundesliga in Mode brachte.

Man sieht Tuchel während eines Spiels überwiegend an der Seitenlinie stehen und Anweisungen geben. Wie Schachfiguren – oder Salzstreuer in Münchens Edelbar „Schumanns“ – verschiebt er im Kopf seine Spieler auf dem Feld und versucht diese Ideen verbal, mimisch und gestisch in der Hektik einer Bundesliga-Partie an seine Profis zu vermitteln. Sein hoher Anspruch an sich selbst ist es, auf jede Aufgabe, die ihm ein Gegner stellt, eine schnelle Antwort zu finden – und das gelingt ihm erstaunlich häufig.

Orientierung am Gegner

Doch Tuchels Methode birgt auch Gefahren. Als der BVB in der Hinrunde mit dem personellen Umbruch kämpfte, wirkte es zuweilen, als überfrachte der 43-Jährige sein neu formiertes und überwiegend junges Team regelrecht mit seinen Ideen. Anstatt eine feste Struktur einzustudieren, die die eigenen Stärken zum Tragen bringt, orientierte sich Tuchel in seinen Matchplänen häufig am Gegner – egal ob der München, Leverkusen oder Ingolstadt hieß. Die Folgen waren unnötige Punktverluste wie beim FCI (3:3), Verunsicherung und Formschwäche.

Seit dem Rückrunden-Spiel gegen RB Leipzig (1:0) hat Tuchel umgedacht. Entgegen seines bisherigen Prinzips setzt er seitdem überwiegend auf eine feste Grundformation (3-4-2-1) und beschränkte die zuvor ausführlich betriebene Rotation – Pragmatismus vor Philosophie, Erfolg vor Ideal. Doch das ist eine allenfalls temporäre Anpassung, geschuldet der Unruhe, die nach einer mit Formdellen durchzogenen Hinrunde rund um den BVB eingezogen war.

Der Weg zum Ergebnis zählt

Ein dauerhafter Paradigmenwechsel ist bei Tuchel, der auch ein Fußball-Schöngeist ist, nicht zu erwarten. „Das Ergebnis steht viel zu sehr im Mittelpunkt der Betrachtung dessen, was letztendlich das Erlebnis Fußball ausmacht“, hat er Mitte Februar bei einer Debatte mit dem Geisteswissenschaftler und Philosophen Hals Ulrich Gumbrecht gesagt.

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"Wir als BVB-Trainerstab ertappen uns selbst in Phasen, in denen es nicht so gut läuft, dass wir dann sagen: ‚Haben wir jetzt immer noch den hohen Anspruch an unser Spiel oder geht’s jetzt mal ums Gewinnen?‘ Am Ende kommen wir immer zu dem Schluss, dass der Weg zum Ergebnis viel zählt.“ Tuchel ist zwar nicht bereit, den Erfolg der Schönheit des eigenen Spiels zu opfern – umgedreht aber auf Dauer genauso wenig.

Ajax- und Barca-Schule

Hoher Ballbesitz, eine hohe Passquote, schnelle Kombinationen – diese Aspekte machen Tuchels Fußball-Philosophie aus, gepaart mit hohem Pressing und einer starken Verengung des Spielfelds in der Defensive. Man erkennt Guardiola darin, auch Arsene Wenger in dessen erfolgreichster Zeit, aber auch Ajax Amsterdam in den 1980er- und 1990er-Jahren oder den FC Barcelona unter Johan Cruyff – beide Klubs prägten Tuchel in jungen Jahren. Es ist also keinesfalls ein Zufall, dass der fachlich unumstrittene Tuchel bei Fans wie Experten in Barcelona und London aktuell so hoch im Kurs steht.

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