Diese Website verwendet Cookies. Cookies gewährleisten den vollen Funktionsumfang unseres Angebots, ermöglichen die Personalisierung von Inhalten und können für die Ausspielung von Werbung oder zu Analysezwecken gesetzt werden. Lesen Sie auch unsere Datenschutz-Erklärung

Der Tüftler - Thomas Tuchels besonderer Blick

Serie zum BVB-Trainer

Thomas Tuchel sehnt sich nach dem perfekten Fußballspiel, und auf seiner Suche lässt er sich aus verschiedenen Richtungen inspirieren. Er sei "getrieben von der Vision, den Fußball neu zu erfinden", schrieb "Die Zeit" über den BVB-Coach. Ansätze dazu fand Tuchel bei Gehirnforschern, Statistikern oder Philosophen.

DORTMUND

, 23.03.2017 / Lesedauer: 4 min
Der Tüftler - Thomas Tuchels besonderer Blick

Wie in einem Brennglas bündelt BVB-Trainer Thomas Tuchel Eindrücke aus verschiedensten wissenschaftlichen Bereichen und gibt seine Erkenntnisse an die Spieler weiter.

Erst der Schrecken, und dann das böse Ende. Für den jungen Verteidiger Thomas Tuchel müssen es sehr schmerzhafte Sekunden gewesen sein, wenn er das Unheil auf sich und seine Mannschaft zustürmen sah. "Ich konnte als Abwehrspieler vieles nicht verhindern, obwohl ich es auf dem Platz erkannt hatte", sagte Borussia Dortmunds heutiger Trainer einmal. Diese Ohnmacht hat tiefe Spuren hinterlassen im sportlichen Profil des 43-Jährigen.

Köpfe rauchen lassen

Deshalb ist er immer auf der Suche nach neuen Ansätzen, die ihm helfen sollen, das perfekte Fußballspiel zu realisieren. Fündig geworden ist er etwa bei Professor Wolfgang Schöllhorn von der Universität Mainz. Der hatte zum „differenziellen Lernen“ geforscht und ermittelt, im Training nicht nur quasi unter Laborbedingungen zu arbeiten, sondern vermehrt Schwierigkeiten einzubauen. Es gilt, neue Denkmuster aufzubauen. Komplexere Übungen stellen auch höhere Anforderungen an den Geist, sie verlangen absolute Aufmerksamkeit. Die Spieler sollen nicht Gras fressen, sondern ihre Köpfe sollen rauchen. „Lösungen finden“ lautet eine der favorisierten Wortkombinationen von Tuchel. Wo Schema F nicht weiterhilft, braucht es Kreativität, Flexibilität, Spontaneität. Das lässt sich einüben, und die Aufgabe im Wettkampf kommt den Kickern dann vor wie ein Klacks, so die Theorie.

Jetzt lesen

Tuchels Gedanken schwirren fast pausenlos um seine Arbeit, er ist beinahe besessen davon. „80 Prozent meiner Wachzeit verbringe ich mit Fußball“, hat er eingestanden. Seine Suche nach neuen Wegen zur Leistungsoptimierung auch außerhalb des Spielfeldes hat ihn körperlich zum Teilzeitasketen werden lassen, auch seinen Athleten in Dortmund legt er eine hochwertige Ernährung ans Herz. Gutes Essen fördert eine gute Regeneration, es stützt eine geringere Anfälligkeit für Verletzungen, vor allem im Bereich der viel beanspruchten Muskulatur.

Fußballferne Felder

Profis von Borussia Dortmund betreiben Yoga, sie verbessern ihre Leistungsbereitschaft durch kognitives Training mit Sportpsychologen und Mentaltrainern. Der Klub bietet seit einem halben Jahr sogar Meditation an. Selbst das Thema gesundes Schlafen hat Einzug gehalten. Für Torjäger Pierre-Emerick Aubameyang, der selten verletzt und regelmäßig erfolgreich ist, liegt einer der Gründe für seine Fitness in den ausgedehnten Ruhephasen. „Ich brauche unfassbar viel Schlaf. Eigentlich mache ich neben dem Fußball nichts anderes“, hat er im Gespräch mit dieser Redaktion offenbart.

Das Forschen in nur auf den ersten Blick fußballfernen Feldern ist die Fahndung nach Nuancen, die bei der hohen Leistungsdichte im Profifußball einen Unterschied ausmachen können. Dafür braucht es Idealismus und Ehrgeiz, die bei Tuchel an Pedanterie zumindest grenzen. Er gibt „ein sehr hohes Anspruchsdenken“ an sich und seine Spieler zu.

Von A bis Z

Statt der üblichen Laktat- und Schwellentests in der Saisonvorbereitung checkt Borussia Dortmund die Spieler vor der intensivsten Trainingsphase mit sportwissenschaftlicher Unterstützung der Ruhr-Universität Bochum. Die Fußballer werden nicht nur auf Milchsäure, Herz und Nieren geprüft, sondern von A wie Augen bis Z wie Zähne durchgecheckt. Nicht von ungefähr dürfte dank der hartnäckigen Suche nach medizinischen Erklärungen auch bei Mario Götze jene Stoffwechselerkrankung festgestellt worden sein, die den 24-Jährigen womöglich lang plagt, aber weder beim FC Bayern noch beim DFB diagnostoziert wurde.

Nichts dem Zufall zu überlassen, davon zeugt auch Tuchels Austausch mit dem britischen Statistiker Matthew Benham. Weil eine sportwissenschaftliche Studie belegt, dass im Fußball der Zufallsfaktor für den Torerfolg bei etwa 40 Prozent liegt, wollte der Fußballlehrer diese Unwägbarkeit in den Griff bekommen. Benham wiederum hatte ungezählte Fußballspiele analysiert und mathematisch festgestellt, dass die Wahrscheinlichkeit eines geglückten Torschusses aus bestimmten Positionen deutlich höher liegt.

Schematischer Ballbesitzfußball

Die – stark verkürzte – Schlussfolgerung: Der Stürmer muss den Ball dort bekommen, wo er die größte Aussicht auf einen Treffer hat. Und der Vorbereiter sollte in einem Raum angespielt werden, von dem er in die perfekte Passposition gelangen kann. Schematischer Ballbesitzfußball wie beim BVB als Quintessenz der Stochastik.

Tuchel selber beschreibt seine Trainertätigkeit gerne als die eines „Dienstleisters“. Er bringt das Fachwissen mit, das er sich hier und dort angeeignet hat. Dann tüftelt er und versucht sich mit seinen Spielern der Perfektion zu nähern. Wie sehr es ihn noch heute schmerzt, wenn er Fehler auf dem Platz erkennt und sie nicht mehr verhindern kann, das sieht jeder, der Tuchel an der Seitenlinie beobachtet. Fußball ist nicht immer Mathematik.

Lesen Sie jetzt