Souveräner Auftritt beim 4:2 gegen Portugal: Mats Hummels (r.). © imago / Matthias Koch
Europameisterschaft

DFB-Einzelkritik: Gosens unaufhaltsam, Hummels souverän, Can fahrig

Robin Gosens und Joshua Kimmich treiben das DFB-Team zum 4:2 gegen Portugal. Mats Hummels präsentiert souverän und geht vorzeitig vom Platz, Emre Can spielt fahrig. Die Einzelkritik.

Zweites Spiel, dieselbe Startelf: Nach dem 0:1 gegen Frankreich musste Bundestrainer Joachim Löw „nicht viel grübeln“, bis er seine Entscheidung getroffen hatte. Trotz gleicher Formation sollte die Mannschaft mutiger, zielstrebiger, dynamischer nach vorne spielen – und dabei die defensive Balance wahren. Viel davon ging auf, Deutschland zeigte phasenweise das fußballerisch beste Länderspiel seit langer Zeit. Aber die Mannschaft machte auch immer wieder einfache, dumme Fehler, die zu Gegentoren führten.

Manuel Neuer: Der berühmte „Reklamierarm“ ging hoch, doch Cristiano Ronaldo stand beim Torschuss nicht im Abseits und zuvor nur passiv (15.). Schon wieder ein frühes Gegentor, bei dem er ebenso machtlos war wie beim 2:4 (67.). So richtig halten konnte und musste er keinen Ball. Note: 3,0

Matthias Ginter: Gute Leistung, wie schon gegen Frankreich. Defensiv stabil, nach vorne engagiert und klug: Eine scharfe Flanke führte zum aberkannten Gosens-Treffer (5.). Danach hielt er Joshua Kimmich den Rücken frei und Diogo Jota zumeist in Schach. Sah Gelb (77.), klärte in mehreren Szenen. Note: 2,0

Mats Hummels: Das Eigentor vom Auftaktspiel hatte er längst abgehakt. Positionierte sich umsichtig gegen die viel gepriesenen Offensivstars der Portugiesen. Legte die Bälle aus der Luft ab zum Mitspieler, streute auch wieder mal einen Außenristpass ein. Insgesamt auf Sicherheit bedacht. Nach dem 4:1 ging er vorzeitig vom Platz, wohl eine Knieschutzmaßnahme. Note: 2,5

Antonio Rüdiger: Der unsicherste der drei Verteidiger. Wenn er Cristiano Ronaldo nicht schon bei der Ballannahme stellen konnte, degradierte ihn der Superstar der Portugiesen zur Slalomstange. Er traf nicht immer die richtigen Entscheidungen und gewann zu wenig Zweikämpfe (25 Prozent). Note: 4,0

Joshua Kimmich: In aller Deutlichkeit hat der Münchner seine Vorliebe für die Rolle im Zentrum ausgedrückt. Bei Löw muss er trotzdem rechts ran. Und half seiner Mannschaft vom Flügel mit Schwung und messerscharfen Hereingaben. Eine führte via Robin Gosens zum 1:1 (35.), dann setzte er im Strafraum nach und zwang Raphael Guerreiro zum Eigentor (39.). Kimmich, der Wüterich. Perfekte Flanke auf seinen Lieblings-Abnehmer Gosens, 4:1 (60.). Note: 2,0

Überzeugte dieses Mal auf der rechten Seite: Joshua Kimmich (r.), hier im Duell mit Raphael Guerreiro. © dpa © dpa

Ilkay Gündogan: Eine hundertprozentige Zweikampfquote bis zur Pause ist auch für ihn keine Selbstverständlichkeit. Interpretierte die Rolle auf der Doppelsechs diesmal viel offensiver, mutiger und eben auch robuster. Um das 0:1 zu verhindern, fehlte ihm viel Tempo – Ronaldo nahm ihm locker 20 Meter ab (15.). Viel gefälliger als gegen Frankreich. Note: 3,0

Toni Kroos: Er erweiterte seinen Aktionsradius, ging mal in die Tiefe, putzte mal hinten aus. Als alleinherrschender Spielgestalter ist er nicht mehr unterwegs, auch nicht fehlerlos. Mit seiner Routine wählte er die Rhythmuswechsel sehr dosiert aus, war sich für harte Zweikämpfe nicht zu schade. Leistete sich allerdings ungewohnt Fehlpässe. Note: 3,0

Robin Gosens: Ein spektakuläres Kung-Fu-Tor, das nicht zählte: Vor dem Gosens-Kick stand Serge Gnabry einen Hauch im Abseits, es wäre ein Tor für das Best-of-Album der EM gewesen (5.). Überrannte seinen Gegenspieler Nelson Semedo permanent. Beim Ausgleich (35.) hatte er seine Füße genauso im Spiel wie beim Führungstreffer (39.) und dem 3:1 (51.). Das 4:1 wuchtete er mit dem Kopf rein (60.) und wurde dann mit Applaus und Sprechchören verabschiedet. Besser kann man die Rolle auf der „Schiene“ nicht ausführen. Note: 1,0

Bester DFB-Spieler gegen Portugal: Robin Gosens. © dpa © dpa

Thomas Müller: Ungezählte Gedanken und Ideen, die er seinen Mitspielern mitteilte. Dirigierte, inszenierte und organisierte viel im Offensivspiel, ohne dabei immer die balltragende Rolle zu übernehmen. Trotzdem kreuzgefährlich wie vor dem 2:1, als er willig nachsetzte (39.) und mit Übersicht bei der Einleitung des 3:1 (51.). Er ist nicht nur „Radio Müller“, sondern auch „Spielertrainer Müller“. Note: 2,0

Kai Havertz: Seine Nominierung stand bei viele Experten auf der Kippe – nicht bei Löw. Traute sich den Abschluss (10.) und „zwang“ Ruben Dias zum Eigentor (35.), hielt dann perfekt den Fuß in die Gosens-Vorlage (51.). Allerdings: Beim 0:1 sollte er den Eckball defensiv absichern, irrte angesichts der portugiesischen Herde allerdings hilflos umher (15.). Und beim zweiten Gegentreffer schaltete er zu früh ab (67.). Note: 2,5

Serge Gnabry: 16 Tore in 23 Länderspielen – eine Statistik, die ihn als DFB-Torjäger prädestiniert. Er schickte in Ruben Dias gleich mal den besten Verteidiger der Premier League auf die Bretter, fand aber (wie des Öfteren) keinen Abnehmer (8.). Ganz andere Körpersprache als gegen Frankreich, traute sich auch mit Anlauf ins Dribbling gegen Pepe (45.). Ihm fehlt noch sein erstes EM-Tor, fürs gute Gefühl. Note: 2,5

Emre Can (63. für Hummels): Im zweiten EM-Spiel kam er zum zweiten Mal von der Bank ins Spiel. Erst zehn Minuten lang als zentraler Innenverteidiger, dann im defensiven Mittelfeld. Werben konnte er nicht für sich, er musste eine ganze Reihe von Ballverlusten verantworten. Note: 4,0

Emre Can zeigte nach seiner Einwechslung eine fahrige Leistung. © imago / Schüler © imago / Schüler

Marcel Halstenberg (63. für Gosens): Der Leipziger machte die Seite dicht und leitete einmal hellwach einen Konter ein (83.). Note: 3,0

Leon Goretzka (73. für Havertz): Endlich das Comeback nach Muskelfaserriss. Läuft die EM für Deutschland gut, wird er noch eine wichtige Rolle einnehmen. Verzog bei einem Konter den Spannschuss (83.). ohne Note

Niklas Süle (73. für Gündogan): Er übernahm in der Schlussphase die Rolle des Abwehrchefs. Stellungssicher und kopfballstark. ohne Note

Leroy Sane (87. für Gnabry): Nur ein Kurzeinsatz. Der frühere Schalker muss sich im Training aktiver um mehr Minuten bewerben. ohne Note

Über den Autor
BVB-Redaktion
Jahrgang 1980, liebt Sport und lebt (meistens) sportlich. Erste journalistische Gehversuche mit 15. Einser-Diplom in Sportwissenschaft an der Universität Hamburg (2006). Heinz-Kühn-Stipendiat. Seit 2007 bei Lensing Media tätig. Seit 2012 BVB-Reporter.
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Jürgen Koers
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