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Borussia Dortmund

Die Ära Joachim Löw: Nicht selten gab es Stress mit dem BVB

Mit Verspätung hat der DFB Ex-Bundestrainer Joachim Löw verabschiedet. Er hat eine Ära des deutschen Fußball geprägt. Profis von Borussia Dortmund spielten dabei aber nur selten eine große Rolle.

Mats Hummels war extra angereist. Der BVB-Abwehrchef stand bei der Verabschiedung Joachim Löws in Wolfsburg am Donnerstagabend applaudierend Spalier. Nicht immer herrschte zwischen der Borussia und dem früheren Bundestrainer solch pure Harmonie.

Angespanntes Verhältnis zwischen Joachim Löw und dem BVB

In acht große Turniere führte Joachim Löw die DFB-Auswahl als Chef. Nach der EM 2008, die erst im Finale endete, baute er ein junges Team auf, das 2010 in Südafrika auf WM-Rang drei stürmte und dann vier Jahre später in Rio verdient den Titel holte. 198 Länderspiele bestritt die Nationalelf unter dem heute 61-jährigen Schwarzwälder, dann trat er zurück. Erst auf der Zielgerade von dessen Amtszeit konnte Borussia Dortmund so etwas wie seinen Frieden machen mit Joachim Löw. In den Jahren zuvor hatte es nicht selten zwischen dem Klub und seinen Spielern auf der einen und dem Bundestrainer auf der anderen Seite geknirscht.

In der Chefetage des BVB herrschte zwar stets Respekt für Arbeit und Erfolg des DFB-Coaches. „Löw hat in seiner Zeit als Bundestrainer Großartiges für den deutschen Fußball geleistet“, erklärte Hans-Joachim Watzke im Frühjahr, als der damalige Bundestrainer gerade seinen Abschied nach der EM angekündigt hatte. Watzke wünschte Löw zudem „einen großartigen Abschluss im Sommer“, weil dieser einen solchen „verdient hat“. Watzke unterließ es, alte Wunden aufzureißen. Obwohl es nicht wenige gibt aus der langen Zeit des mitunter angespannten Miteinanders. Eine unbelastete Beziehung zur Borussia kann der Weltmeister-Macher zum Abschied zumindest nicht vorweisen.

Jogi Löw stempelte BVB-Verteidiger öffentlich als „Notlösung“ ab

Zoff entzündete sich um Roman Weidenfeller. Der Keeper des BVB spielte durchweg in Top-Form, in den Meisterjahren 2011 und 2012 zählte er zu den Titel-Garanten. Joachim Löw aber ignorierte den Torhüter. Im EM-Kader 2012 gab es keinen Platz für ihn. Weidenfellers Frust entlud sich. „Selbst wenn ein junger Torwart ausfällt, gibt es bestimmt irgendwo jüngere, die dann eingeladen werden“, schimpfte er. Erst Ende 2013 versöhnten sie sich, Löw gewährte Weidenfeller im Alter von 33 Jahren das Debüt im Adlertrikot und berief ihn später sogar in den Weltmeister-Kader.

Auch Marcel Schmelzer lernte Löws harte Seite kennen. Der BVB-Profi, im Meisterjahr 2011 und im Doublejahr 2012 Stammkraft als linker Verteidiger, wurde vom Bundestrainer in aller Öffentlichkeit als Notlösung abgestempelt. „Wir müssen mit Schmelzer weiterarbeiten und werden Alternativen schaffen“, so sagte es Löw im Oktober 2012. Vor der WM 2014 wurde Schmelzer aussortiert. „Ich habe gespürt, dass es egal ist, wie ich spiele“, sagte er später gefrustet über sein Ende beim DFB.

Joachim Löw lasse Spieler des BVB bewusst außer Acht

Die BVB-Bosse waren verstimmt. Nach einem Länderspiel 2012 gegen Frankreich gestand Hans-Joachim Watzke: „Ich habe mich gewundert, dass nur ein Spieler vom Deutschen Meister gespielt hat. Das fand ich ein bisschen wenig.“ Dass der formstarke Kevin Großkreutz außen vor war, kommentierte Watzke angesäuert: „Das muss ich nicht verstehen, sondern der Bundestrainer.“

Jürgen Klopp störte einst Löws Art, mit den Dortmunder Nationalspielern umzugehen. „Wenn Fehler Namen kriegen, dann ist es nicht unwahrscheinlich, dass es ein Dortmund-Spieler ist“, schimpfte der damalige BVB-Trainer. Hinter den Kulissen bei den Schwarzgelben hieß es sogar häufiger, Löw bevorzuge Profis anderer Vereine, lasse Spieler des BVB bisweilen sogar bewusst außer Acht. So geschah es mit Mats Hummels. Eiskalt beim DFB ausgemustert nach dem WM-Desaster 2018 in Russland, lieferte der BVB-Rückkehrer zwar konstant gute bis überragende Leistungen im Klub ab. Doch trotz anhaltender Defensiv-Probleme der Nationalelf gab es erst kurz vor der EM 2021 das Comeback für Borussias Abwehrchef.

BVB-Kapitän Reus war bei Löw gefragt – aber oft verletzt

Mo Dahouds Enttäuschung liegt noch nicht so lange zurück. Im Oktober/November 2020 berief ihn Löw nach starken Leistungen im BVB-Trikot. Doch in der Nations League hockte der Mittelfeldspieler dann zumeist auf der Ersatzbank, im EM-Aufgebot gab es schließlich keinen Platz für ihn.

Andere Borussen dagegen waren bei Löw gefragt. Marco Reus kostete aber dessen immenses Verletzungspech unter anderem die Teilnahme an der WM 2014 und der EM 2016. Bitter für den BVB-Kapitän, dass ausgerechnet die WM 2018 in Russland mit ihm an Bord gehörig schief lief. Auf die EM 2021 verzichtete Reus zugunsten seiner Erholung – und seines Klubs. Auch Ilkay Gündogan hätte zu seiner BVB-Zeit deutlich mehr Länderspiele sammeln können, doch auch er hatte mit schweren Verletzungen zu kämpfen, so musste er für die WM 2014 und die EM 2016 abwinken. Emre Can und Julian Brandt zählten zu Löws festem Personal. Auch Andre Schürrle, obwohl dieser bei Borussia Dortmund nie wirklich zu überzeugen wusste.

Es gab also alles in allem viele Fragezeichen im Verhältnis Löws zum BVB. Und bei Borussia Dortmund werden sie nun genau hinschauen, wie es sich nun für ihre leistungsstarken Profis unter dem neuen Bundestrainer Hansi Flick entwickelt. Was hält Einzug: Neuer Stress oder neue Harmonie?

Über den Autor
Sportredaktion Dortmund
Sascha Klaverkamp, Jahrgang 1975, lebt im und liebt das Münsterland. Der Familienvater beschäftigt sich seit mehr als 20 Jahren mit der Sportberichterstattung. Einer seiner journalistischen Schwerpunkte ist Borussia Dortmund.
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Sascha Klaverkamp

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