„Die Konkurrenten sind stabiler“

DORTMUND. Sieben Jahre in Schwarzgelb haben Christoph Metzelder (36, Foto) geprägt. Vor dem Spiel gegen den Hamburger SV (20 Uhr, live und frei empfangbar auf Sky Sport News) spricht „Metze“ mit Jürgen Koers über enttäuschende Nationalspieler, den Fluch eines Ausbildungsvereins und die Qualität des HSV.

03.04.2017, 18:29 Uhr / Lesedauer: 3 min

Jeder wievielte Herzschlag pocht noch für den BVB? Ich habe sieben Jahre in Schwarzgelb verbracht, das war die schönste Zeit meiner Karriere. Klar hängt mein Herz noch am BVB. Beim Blick auf den heißen April für die Borussen: Macht das Herz da Freudensprünge, oder gibt es da auch ein paar angstbedingte Aussetzer? Chancen und Risiken sind gleich verteilt. Das ist eine extrem spannende Situation. Als Fußballer arbeitest du das ganze Jahr auf diese Zeit hin, auf die Wochen, in denen die Preise vergeben werden. Ich bin mir noch nicht ganz sicher, wie der BVB das angeht. Vielleicht klammern sie einen Wettbewerb aus, um da ein wenig die Kräfte und die Spieler zu schonen. Der BVB kann es sich in der Bundesliga gar nicht leisten, nachzulassen. Und in den Pokalwettbewerben will jeder weiterkommen. Genau. Das ist ein Monat, in dem Hoffenheim oder Leipzig den Vorteil haben, sich fünf Tage lang intensiv auf den nächsten Gegner vorbereiten zu können, während der BVB in dieser Phase fast gar nicht mehr trainieren kann. Die müssen zusehen, dass sie am Spieltag einigermaßen fit und konzentriert sind. Ich vermute, dass Dortmunds Konkurrenten gerade stabiler sind, der BVB kann es sich nicht erlauben, vom Gas zu gehen. Fehlt ein Führungsspieler für kritische Situationen? Man braucht in schwierigen Situationen Spieler auf dem Rasen, die vorangehen und Verantwortung übernehmen. Beim BVB waren das lange Sebastian Kehl oder dann Mats Hummels. Da sehe ich aktuell einen Sokratis, der sich für nichts zu schade ist. Ein Aubameyang macht immerhin seine Tore, ein Dembélé sucht immer den Weg nach vorne, auch wenn er im Dribbling dreimal hängengebleiben ist. Danach wird es aus meiner Sicht eng. Aber von 20-Jährigen darf man das wohl auch nicht erwarten. Was ist mit Marcel Schmelzer? Man kann auch von hinten links mit Zweikämpfen oder Flankenläufen Zeichen setzen. Aber „Schmelle“ ist nicht der extrovertierte Typ, den man sofort im Sinn hat als Führungsspieler, wenngleich er für die Mannschaft enorm wichtig ist. Auf der zentralen Position stehen mit Weigl, Castro, Guerreiro fantastische Fußballer, aber mit relativ wenig Emotionen. Apropos Emotionen: Der BVB und Thomas Tuchel scheinen nicht so richtig miteinander warm zu werden … Es gibt da ja auch verschiedene Ebenen. (lacht) Wenn Sie die richtigen Spieler anrufen, finden Sie in jeder Mannschaft jemanden, der nicht gut auf den Trainer zu sprechen ist, und andere, die ihn in den Himmel loben. Innerhalb des Vereins höre und lese ich, dass es da mal Spannungen gibt. Auf der dritten Ebene, bei den Zuschauern, haben vielleicht viele noch den Phantomschmerz vom Abschied von Jürgen Klopp. Tuchel ist, wie er ist, er sollte sich auch nicht verstellen. Seit der Endphase unter Klopp hat sich aber auch fußballerisch viel getan. Ja, absolut. Damals ging es darum, den BVB-Fußball weiterzuentwickeln, weil Pressing und Gegenpressing alleine nicht mehr ausgereicht haben. Da hat Tuchel neue Lösungen erarbeitet, trotz eines erzwungenen Umbruchs. Spieler wie André Schürrle, Sebastian Rode oder Mario Götze haben nicht eingeschlagen. Ja, das muss man so sagen. Ein Raphael Guerreiro hat wenig Eingewöhnungszeit gebraucht. Diese Erwartung muss man auch an deutsche Nationalspieler haben, dass die bei einem deutschen Spitzenklub sofort zünden.

 

 

Im nächsten Jahr kommen Ömer Toprak und Mahmoud Dahoud zum BVB. Wie schätzen Sie diese Transfers ein? Ich finde Toprak super. Er hat die nötige defensive Haltung und ist in der Lage, harte Zweikämpfe zu führen. Vor allem hat er ein herausragendes Aufbauspiel, mit dem linken und rechten Fuß. Er wird seine Stärken in der BVB-Mannschaft noch viel besser zeigen können. Dahoud ist ein überragender Transfer, der zeigt, dass Borussia Dortmund für Spieler in dieser Alterskategorie die Nummer eins ist. Reicht das, um dauerhaft die Bayern zu gefährden? Solange es in Deutschland der Fall ist,

dass Bayern München jederzeit Spieler von Borussia Dortmund kaufen kann, werden die Bayern über allen anderen stehen. Der BVB war vor zwölf Jahren fast tot, jetzt steht da ein gigantischer Verein. Da muss es frustrierend sein, trotzdem ein Ausbildungsverein zu sein, wie der SC Freiburg, nur auf einer anderen Ebene. Sie sind beruflich viel in Hamburg. Wie ist die Atmosphäre in Bezug auf den HSV? Die Stimmung ist immer ambivalent, aber ich muss sagen, dass nach den beiden Jahren mit dem Erweckungserlebnis Relegation viel Realismus eingekehrt ist. Trainer Markus Gisdol hat mit ein paar Grausamkeiten am Anfang an den richtigen Schrauben gedreht. Der Kader ist viel zu gut für den Abstiegskampf. Es war sonst immer so, dass der HSV Spieler holt und die dann 30 Prozent schlechter spielen als vorher. Wenn Gisdol es schafft, die Spieler ans Optimum zu bringen, gewinnt der HSV einige Spiele. Mit Kostic, Müller oder Wood haben sie Akteure mit viel Tempo, sie spielen jetzt auch den dazu passenden Ball.

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