Ein Auf und Ab: Die Leistungen von BVB-Kapitän Marco Reus beeinflussen die ganze Mannschaft

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Die Hinrunde des BVB bot nur eine Konstante: Die Wechselhaftigkeit. Mittendrin steckte Kapitän Marco Reus - als Spiegelbild seiner häufig zwischen den Extremen pendelnden Mannschaft.

Dortmund

, 28.12.2019, 08:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Eindeutig zu greifen ist die Leistung von Marco Reus in dieser Saison bislang nicht. Natürlich ist er noch immer einer der besten Fußballer des Landes, gesegnet mit technischer Brillanz, schnellen Beinen und dem feinen Fuß für den finalen Pass oder Schuss. Und noch immer ist er das Gesicht des BVB. Aber: Der Anführer hat an Strahlkraft eingebüßt. Von der leichtfüßig dargebrachten Dominanz der vergangenen Saison, an deren Ende er völlig zu Recht die Trophäe als „Deutschlands Fußballer des Jahres 2019“ entgegen nehmen durfte, ist er derzeit ein gehöriges Stück entfernt.

Ein Auf und Ab: Die Leistungen von BVB-Kapitän Marco Reus beeinflussen die ganze Mannschaft

© Deltatre

Nicht die nackten Kontozahlen sind es, die Reus‘ Manko offenbaren. Neun verbuchte Tore und vier Assists sprechen für eine sehr ordentliche Bundesliga-Hinrunde bei 16 Einsätzen. Es sind die Momente, in denen Reus abtaucht, die seine Bilanz verdunkeln. Denn diese Momente haben zugenommen. Der 30-Jährige steckte schon mehrfach seit August in kleineren Formtiefs – und das bekam dann zumeist auch seine Mannschaft zu spüren, der ohne die Dynamik und Ideen ihres Antreibers merklich Qualität fehlt.

BVB-Trainer Lucien Favre nimmt Marco Reus in Schutz

So wie im September. Erst brilliert Marco Reus mit zwei Treffern beim 4:0 gegen Leverkusen, um sich danach gleich drei schwache Liga-Auftritte zu leisten. Drei Spiele, die jeweils 2:2 endeten. Oder im Oktober. Zunächst führt und schießt Reus seinen BVB zum 1:0 gegen bärenstarke Gladbacher, danach im Derby gegen Schalke ist er urplötzlich völlig von der Rolle. Oder jüngst im Dezember. Da gibt Reus mit zwei furiosen Auftritten gegen Düsseldorf und Mainz, in denen er fünf Scorerpunkte einstreicht, eine bemerkenswerte Antwort auf die aufkeimende Kritik an seinen Leistungen – um dann beim 3:3 gegen Leipzig seiner Bestform erneut hinterherzulaufen. Cheftrainer Lucien Favre nahm seinen Anführer in Schutz. Es sei „normal, dass du mal ein Loch hast. Das ist normal für jeden Spieler auf der Welt.“

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Aber es war eben mehr als nur ein Loch. Reus avancierte in dieser Hinrunde zur Wundertüte. Der BVB wusste nie verlässlich, welchen Reus er bekommt. Manchmal zeigte er die zwei Gesichter sogar binnen eines Spiels. Wie am 22. November, beim unrühmlichen 3:3 gegen Paderborn. Erst ging Reus ideen- und ratlos mit unter, in der Nachspielzeit rettete er per Kopfball dann zumindest das Unentschieden.

Da war er dann plötzlich wieder der Mann, der auf dem Platz den Unterschied macht, der im entscheidenden Moment zuschlägt. Der so unglaublich wichtig ist für die Schwarzgelben. Als Reus gegen Mainz vor zwei Wochen das 1:0 schoss, da war es das 50. Mal, dass der gebürtige Dortmunder seine Elf mit dem immens wichtigen ersten Treffer auf die Siegerstraße gelenkt hatte. Nur ein Dutzend Bundesliga-Profis hatte das in 56 Jahren Fußball-Bundesliga vor ihm geschafft.

BVB-Kapitän Marco Reus scheut keine Selbstkritik

Aber da sind eben auch die nur 43 Prozent gewonnener Zweikämpfe in dieser Saison, vergebene Großchancen und ein gefühltes Minus an Kreativität, Präzision und Power im Vergleich zum Reus der vergangenen Spielzeit. Weggeduckt hat er sich deshalb nicht. Er trat fast nach jedem Spiel vor die Mikrofone der wartenden Reporter. Er wehrte sich vehement, als die Mentalitätsdebatte auf das Team zurollte, als sich die Borussia mit dem beherzten Kämpfen schwerer tat als so mancher Gegner.

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Er scheute keine Selbstkritik, das 3:3 gegen Paderborn sei „zum Schämen gewesen“ betonte er. Beim 1:3 gegen Union Berlin hätten sie sich „dumm angestellt“, nach dem 0:0 auf Schalke gab er zu, dass der BVB hätte „mehr investieren müssen“. Er warnte auch nach dem hart erzitterten 2:1 bei der Berliner Hertha davor, dass „jetzt nicht alles gut“ sei. Er ist kein Schönredner, eher einer, der den Fans aus der Seele spricht. So wie er auch die Pfiffe der BVB-Anhänger gegen die eigene Mannschaft auf der Mitgliederversammlung in der Dortmunder Westfalenhalle nachvollziehen konnte.

Marco Reus ist als Kapitän von Borussia Dortmund gereift

Es spricht ebenso dafür, dass Marco Reus mit der Kapitänsbinde am Arm weiter gereift ist, wie die Krisensitzung in der Kabine bis nachts um kurz nach ein Uhr nach dem 3:3 gegen Paderborn mit Trainer Lucien Favre. Noch immer identifiziert sich der frisch verheiratete Vater einer Tochter voll und ganz mit seiner Stadt, mit seinem Verein. Noch immer gibt er alles.

Die Frage, die diese Hinrunde allerdings aufgeworfen hat, ist: Wieviel „alles“ noch sein kann. Wirklich das „alles“ von früher? Kann Reus in der Rückrunde sein Tempo im Spielaufbau wieder häufiger, wieder konstanter zünden? Kann er seine Dribblings zeigen, seine Haken schlagen, seine klugen Pässe in die Spitze spielen, die den BVB so oft ausgezeichnet haben? Und kann er nach ausgeheiltem Muskelfaserriss seine Form auf hohem Niveau halten – und so die Borussia doch noch zum ersehnten Titel führen? Die Chance auf den Griff zur Schale ist noch immer da. Mit einem konstant guten Marco Reus könnte sie sogar ruckzuck noch deutlich größer werden.

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