Ein Vater-Tochter-Tag im Signal Iduna Park, der mit Entsetzen endet

rnAusschreitungen bei BVB-Spiel

Es sollte ein schöner Vater-Tochter-Tag im Signal Iduna Park werden. Der Besuch des BVB-Spiels gegen Hertha aber endet mit blankem Entsetzen. Ein Erlebnisbericht.

Dortmund

, 28.10.2018, 22:30 Uhr / Lesedauer: 3 min

Der Blick meiner Tochter am Fanshop unter der Osttribüne geht gleich Richtung Emma. Die kleine Biene aus Plüsch soll es sein. Ihr Opa hatte versprochen, ihr etwas vom BVB zu schenken. Es ist nämlich ihr erster Besuch in der Heimstätte des Bundesligisten. Sie schließt diese kleine Biene gleich in ihr Herz, lässt sie nicht mehr los.

Sie hat den BVB ab und an im Fernsehen gesehen, die vielen Geschichten von Opa und mir über den Klub mit angehört. Sie mag den BVB. Deshalb hegte sie den Wunsch, einmal mit ihrem Opa und mir in dieses große Stadion zu gehen. Als Probelauf gingen wir im Vorfeld zur Partie Preußen Münster gegen den KFC Uerdingen. Wir wohnen in Münster. Alles lief glatt. Gegen Hertha BSC sind wir dabei. Abgemacht.

Aus Freude wird Verzweiflung

Aus der großen Freude wird am Samstag schnell Verzweiflung. Nach 15 Minuten der ersten Halbzeit trage ich die Tochter, die im Januar sechs Jahre alt wird, schon aus dem Stadion. Sie weint. Ist völlig aufgelöst. Das Gesehene und Geschehene weiß sie nicht zu verarbeiten. Es war mir vorher klar, dass meine Tochter im Stadion ein derber Wind entgegenwehen wird. Dumme Sprüche, Schimpfwörter, Beleidigungen. Ich weiß, dass sie das abkann. Aber nicht das, was sie ab kurz vor 15.30 Uhr im Signal Iduna Park erlebt.

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Wir sitzen auf der Osttribüne, Unterrang, Höhe der 16-Meter-Linie. Der Gästeblock ist Luftlinie 20 Meter entfernt. Wir haben freie Sicht. Noch vor dem Anpfiff zünden Berliner Fans, die meine Tochter zuvor aufgrund der lauten Gesänge noch mochte, Rauchtöpfe, Bengalos und Blinker. Der Rauch zieht zu uns rüber, sie hält sich aufgrund des beißenden Geruchs ihren Schal vor die Nase und wird immer leiser. Sie sitzt auf meinem Schoss, krallt ihre Finger in meine Oberschenkel und entspannt sich erst wieder, als die Bengalos verrauchen.

Roher Gewalt ausgesetzt

Endlich gucken wir gemeinsam Fußball. Meine Tochter und ich haben uns so auf den Ausflug gefreut. Doch es wird immer schlimmer. Zwei weitere Bengalos leuchten im Berliner Block, eine große Gruppe an Polizisten zieht vor der Nordtribüne auf. Die Blicke meiner Tochter wandern schon lange nicht mehr zum Spielfeld, ihre Fingerkuppen krallen sich wieder in meine Beine.

Sie sieht mit an, wie Polizisten versuchen, eine große Fahne der Berliner Ultras in Besitz zu nehmen. Sie sieht, wie Berliner Fans den Polizisten entgegenspringen, die Polizisten mit Stangen attackieren, diese sich mit Schlagstöcken wehren. Meine Tochter sackt zusammen, vergräbt ihr Gesicht in meinem Schoß und weint jämmerlich. Noch nie in ihrem Leben war sie solch einer rohen Gewalt ausgesetzt. Ich nehme sie in den Arm und trage sie aus dem Stadion. Mein Vater und mein älterer Bruder bleiben. Als wir das Stadion verlassen haben, beruhigt sie sich wieder. Wir fahren mit der Bahn zur Oma.

Immer dieselben Fragen

Meine Tochter stellt mir den restlichen Tag über immer dieselben Fragen. Fragen, die ich ihr beantworte, ohne sie richtig beantworten zu können. „Warum zündeten die Berliner Fackeln, wenn sie das gar nicht dürfen?“ „Warum wollten die Polizisten denen die Fahne wegnehmen?“ Warum streiten die sich so wegen einer blöden Fahne?“ „Warum hauen sich denn Menschen mit Stangen und Stöckern auf den Kopf?“ „Wieso nehmen die Männer am Eingang den Fans nicht die Fackeln weg?“

Ein Vater-Tochter-Tag im Signal Iduna Park, der mit Entsetzen endet

© picture alliance/dpa

Immer wieder dieselben Fragen. Berechtigte Fragen. Fragen, die die Berliner Fans und Polizisten und der BVB ihr hätten beantworten müssen. Immer wieder sage ich ihr, dass Menschen Dinge machen, die sie nicht dürfen und die für uns nicht nachzuvollziehen sind. Diese Antworten sind unbefriedigend. Für sie und für mich.

„Dann kann ich bestimmt nicht schlafen“

Meine Tochter wird mir noch lange diese Fragen stellen. Das weiß ich. Ich werde immer weiter mit ihr darüber reden, damit sie das Gesehene irgendwann verarbeiten wird. Sie sagt zu mir am Samstagabend, dass sie nie wieder zum BVB gehen möchte. Sie will nur noch einem Freund in ihrem Alter zuschauen. Der spielt bei den Minikickern eines Klubs in Münster. Vor dem Schlafengehen reiche ich ihr die kleine Emma. „Papa, ich möchte die nicht haben“, sagt sie, „dann muss ich wieder an das Stadion denken und kann bestimmt nicht schlafen.“

Autor Thomas Schulzke ist Redakteur der Ruhr Nachrichten, arbeitet seit drei Jahren in der Sportredaktion.
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