Finanzexperte: Der BVB wird gestärkt aus dieser Krise hervorgehen

rnDas Interview

Borussia Dortmund werde gestärkt aus der Coronavirus-Krise hervorgehen, erwartet Finanzexperte Marcus Silbe. Vor allem im Vergleich zum FC Schalke 04.

Dortmund

, 26.03.2020, 06:30 Uhr / Lesedauer: 5 min

Die Coronakrise trifft den Sport hart, aber wirtschaftlich starke Vereine wie Borussia Dortmund am wenigsten, sagt Finanzexperte Marcus Silbe. Der Chef des Analysehauses FMR Frankfurt Main Research meint: Der BVB kommt stärker aus dieser Krise als viele andere.


Wie gefährlich kann die Coronakrise für Borussia Dortmund wirtschaftlich werden?

Da müsste man vom schlimmsten Fall ausgehen: Mein „worst-case“-Szenario wäre, dass die Bundesliga in dieser Saison abgesagt wird und selbst die ersten Spieltage der nächsten Saison bis in den September hinein nicht wie geplant über die Bühne gehen. Nach dem derzeitigen Stand käme der BVB auf einen Verlust von rund drei Millionen in diesem Geschäftsjahr, ohne etwaige Transfererlöse. Und nächste Saison käme nochmal ein Verlust von zehn bis 20 Millionen Euro dazu - im schlimmsten Fall.

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Das klingt bei den sonstigen Größenordnungen noch nicht besorgniserregend.

Im Schnitt haben die Dortmunder in den vergangenen Jahren rund 15 Millionen Euro Gewinn gemacht, es liegt Eigenkapital von mehr als 300 Millionen Euro vor, es gibt keinen Schuldenberg, im Gegenteil. Keiner freut sich über einen Verlust, das ist nie schön. Aber der wäre in keinster Weise gefährdend für den BVB. Dadurch, dass diese Krise alle trifft, entsteht kein Nachteil für Borussia Dortmund. Alle bekommen diesen Haircut verpasst. Es ist eher umgekehrt: Dortmund kann diese Situation mit seiner wirtschaftlichen Kraft und seinen guten Einnahmequellen über die TV-Vermarktung sowie die Spieltage mit Ticketing, Catering und Merchandising hinaus viel besser stemmen als andere Vereine in Deutschland und auch die Konkurrenz im Ausland.


Warum?

In England oder Spanien sind die Klubs viel abhängiger von ihren TV-Millionen oder teuren Spielerverkäufen, dort wird der negative Effekt eher größer ausfallen. Einen Wettbewerbsnachteil bekommt der BVB durch die Coronakrise also nicht. Außerdem liegt keine Nettoverschuldung vor: Die Borussia käme selbst bei vorübergehenden Liquiditätsengpässen nicht in die Bredouille.

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Der BVB dürfte also gestärkt aus dieser Krise hervorgehen?

Unter normalen Umständen kommt die Borussia gut klar, solange nicht zwei Jahre lang der gesamte Spielbetrieb ausgesetzt wird. Dortmund könnte theoretisch sogar zwei ausfallenden Saisons wirtschaftlich überleben – aber dann gäbe es keine Liga und keinen Wettbewerb mehr. Alle Klubs spätestens ab der zweiten Liga abwärts wären dann verschwunden. Je weniger Umsatz gemacht wird, desto wahrscheinlicher ist es, dass Mannschaften aus der zweiten oder dritten Liga insolvent werden. Selbst für große Klubs wie Schalke 04 mit seinem sehr geringen Eigenkapital und einer Nettoverschuldung von weit mehr als 100 Millionen Euro wird es ernst. Die könnten kaum noch etwas verpfänden oder sich Geld leihen, um Cash zu bekommen. Die wären irgendwann auf „social funding“ angewiesen. Klubs in den unteren Ligen, die kaum eigene Assets haben, wären aufgeschmissen.


Geht die Existenzangst bereits um?

Ganz vorsichtig und rein aus wirtschaftlicher Sicht formuliert, denn schließlich geht es hier um Gesundheit und Menschenleben. Aber aus sportlicher Perspektive ist noch kein massiver Schaden entstanden, es bleibt ja noch genug Zeit, die Saison bis Ende Juni zu Ende zu spielen, wenn auch unter Ausschluss von Zuschauern. Da gibt es ja verschiedene Modelle, um zumindest die Spielzeit regulär zu beenden und die TV-Gelder zu kassieren.


Was wäre die Differenz, wenn man die Saison zu Ende spielen kann oder nicht?

Wenn es nur noch Geisterspiele gäbe, würde der BVB rund 15 Millionen Euro weniger Umsatz machen bei fünf Heimspielen ohne Zuschauer. Das wären dann 12 oder 13 Millionen Euro weniger EBITDA. Das wäre immer noch im Rahmen, den sich der BVB „leisten“ kann. Zehn Prozent plus oder minus wären für Schwarzgelb nicht existenzbedrohend. Im Maßstab: 45 Millionen Euro pro Saison durch Ticketing bilden nicht einmal zehn Prozent des Konzernumsatzes ab. Kleinere Vereine etwa in der dritten Liga, deren Budget zu 60 oder 70 Prozent auf Ticketeinnahmen basiert, bekommen da ganz andere Schwierigkeiten.


Außerdem sollen die Spieler ja jetzt auf zehn Prozent Gehalt verzichten, wenn es in dieser Saison nur noch Geisterspiele gibt. Bei monatlich 13 Millionen Euro Gehaltskosten wäre der Verlust schon geschmälert.

Aus unternehmerischer Sicht ist das sogar perfekt, weil die Personalkosten nun einmal die höchsten fixen Kosten sind, während der Ball ruht. Somit ist ein Gehaltsverzicht aus meiner Sicht ein ideales Tool, um entgegenzusteuern und die Umsatzverluste abzufedern.


Glauben Sie an ein solidarisches Handeln unter den Klubs?

In den unteren Ligen wäre der Verband gefordert, entsprechende Fonds zu bilden. Aber was den Spitzenbereich angeht, leben wir ja nicht im Kommunismus, sondern in einem knallharten Wettbewerb. Kein Verein leiht oder schenkt dem anderen Geld. Dann dürfte man ja gegen diesen womöglich abstiegsgefährdeten Klub nicht verlieren, weil man sonst sein Geld nicht zurückbekäme, das wäre ja absurd.

Finanzexperte Marcus Silbe.

Finanzexperte Marcus Silbe. © Marcus Silbe


Wir reden über Fußball, wo noch viel Geld aus externen Quellen fließt. In anderen Sportarten wie Eishockey, Handball oder Basketball sieht die wirtschaftliche Lage durch die Coronakrise substanziell dramatischer aus, oder?

In Deutschland fließt das Geld vor allem in den Fußball, und selbst da wird es unterhalb der ersten Bundesliga eng. Die Gefahr ist natürlich gegeben für diese Randsportarten. Ohne TV-Gelder und Zuschauereinnahmen wird es dort viele Härtefälle geben, selbst für die Topmannschaften im Eishockey oder Handball oder Basketball. Mit dem Gehalt eines einzigen Bayern-Spielers kann man in diesen Sportarten den Etat des Deutschen Meisters finanzieren.


Erwarten Sie, dass im Sportsponsoring zugesagte Mittel nicht fließen, weil gerade mittelständische Unternehmen in Schieflage geraten?

Bei den großen Sponsoren sehe ich keine Schwierigkeiten. Evonik oder Puma werden, weil es vielleicht ein halbes Jahr lang schlechter läuft, ihr Engagement nicht zurückfahren. Sobald wir zu kleineren Sponsoren kommen, die vielleicht nur eine Bande gebucht haben, werden die Zahlungen vorab geleistet. Rückforderungen werden da kaum begründbar sein. Im schlimmsten Fall werden also Verträge nicht verlängert zur nächsten Saison. Das trifft dann aber auch eher die Klubs in den Randsportarten als die Fußballer im Spitzenbereich. Aber mit Vorbehalt: Wir haben gerade drei oder vier Woche Krise hinter uns. Wie es genau im Sommer aussieht, vermag aktuell niemand vorauszusagen.


Wird ein wenig Luft aus der Fußball-Blase abgelassen durch die Krise?

Die Blase ist ja nur entstanden, weil es plötzlich so viele TV-Gelder gab. Da ist die Frage: Wird der Betrag mit dem nächsten Vierjahres-Vertrag sinken? Eher unwahrscheinlich. Wird es auf ewig nur weiter nach oben gehen? Auch unwahrscheinlich. Das ist ein Zyklus, der noch fünf oder sechs Jahre anzieht, dann wird sich das wieder zurückdrehen. Aber zurück zur Frage: Den großen Klubs werden einige Millionen Euro fehlen, wenn es nur noch Geisterspiele gibt. Das wird sich in der Transferperiode auswirken, aber als Effekt nur einmalig in diesem Sommer. Da dürfte es weniger teure Spielerwechsel geben.


In Bezug auf Borussia Dortmund spekulieren viele auf einen Rekorderlös für den Verkauf von Jadon Sancho.

Je länger diese Krise andauert in Deutschland und in Großbritannien, desto geringer ist die Wahrscheinlichkeit, dass ein Klub von der Insel weit über 100 Millionen Euro bietet. Meine Vermutung wäre: Je weiter der Preis in Richtung 100 Millionen Euro fällt, desto eher bleibt der Spieler noch ein Jahr in Dortmund und wird halt später verkauft. Da sehe ich für den BVB kein Problem, der Spieler hat noch einen langfristigen Vertrag, er behält seinen Wert und kann der Mannschaft sportlich weiter helfen. Aber das ist alles noch Spekulation, wir müssen abwarten, wie die Krise verläuft. Erstmal ruht der Transfermarkt, keiner will sich aktuell zu etwas verpflichten.

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Was heißt das für kleinere Klubs?

Die werden eventuell mit ihrem bestehenden Kader in die neue Saison starten. Oder nur ablösefreie oder ganz günstige Spieler verpflichten können. Eine Herausforderung wird dieser Transfersommer für Klubs, die quasi als Ausbildungsvereine mit jährlichen Verkäufen ihren Etat absichern, wie zum Beispiel der SC Freiburg. Denn große Preisschilder wird es für durchschnittliche Spieler nicht geben. Den Großen tun 20 Millionen Euro mehr oder weniger nicht substanziell weh. Den Kleinen schon.


Die BVB-Aktie ist überproportional abgestürzt, von knapp 10 auf unter 5 Euro. Ein guter Einstiegskurs?

Wer langfristig Geld anlegen möchte für mindestens fünf oder zehn Jahre, kann das jetzt mit einer guten Aktie mit einer sehr guten Perspektive tun. Da wird man auf jeden Fall gewinnen, auch wenn der Markt noch sehr in Bewegung ist. Wer nervöse Finger hat, sollte erstmal noch die Hände vom Aktienmarkt lassen.


Ihr Kursziel für die BVB-Aktie von 9 Euro, das sie Mitte März ausgegeben haben, bleibt realistisch?

BVB-Aktien sind extrem verkauft worden. Das war Übertreibung und Panik. Spätestens im zweiten Halbjahr, wenn in der Bundesliga hoffentlich wieder normal der Ball rollt, wird der Kurs wieder anziehen und in Richtung sieben oder acht Euro gehen. Der BVB ist ja nicht auf einen Schlag nur halb so viel Wert, weil einmalig 20 Millionen Euro Einnahmen wegbrechen könnten. Borussia Dortmund ist ein top geführter Verein und wird gestärkt aus dieser Krise herausgehen.

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