Fragen und Antworten zur BVB-Kaderplanung und Stürmer-Diskussion

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Holt Borussia Dortmund noch einen zweiten Stürmer oder sind die Planungen auf der Zugangsseite wirklich schon abgeschlossen? Fragen und Antworten.

Dortmund

, 23.07.2020, 17:00 Uhr / Lesedauer: 4 min

Wenn der Fußball ein schnelllebiges Geschäft ist, wie allgemein gerne behauptet wird, was ist dann eigentlich das Internet? Ein Raketen-Geschäft vielleicht? Irgendwas mit Lichtgeschwindigkeit? In Windeseile jedenfalls tauchten am Donnerstagmorgen überall im Netz Meldungen auf, dass nun klar sei, dass Borussia Dortmund in diesem Sommer keinen weiteren Stürmer verpflichten werde. „BVB verzichtet auf Kauf von Haaland-Ersatz“, „Kein neuer Stürmer für den BVB“ – ungefähr so lauteten die gängigsten Schlagzeilen im World Wide Web.

Fragen und Antworten: Holt der BVB noch einen zweiten Stürmer?

Die Meldungen kursieren, weil sich BVB-Sportdirektor Michael Zorc im „Kicker“ zu der Frage geäußert hat, ob der BVB in der kommenden Saison noch einen zweiten klassischen Mittelstürmer neben Erling Haaland in seinen Reihen benötige. Mehr ist nicht passiert. Eine Einordnung.

Was hat BVB-Sportdirektor Michael Zorc dem „Kicker“ gesagt?

„Wir haben in der vergangenen Saison nicht zu wenig Tore geschossen.“ Genau so wird Zorc zitiert. Außerdem hat der Sportdirektor darauf verwiesen, dass der BVB in der vergangenen Saison häufiger in einem System mit zwei Spitzen agiert und dabei bereits gezeigt habe, dass man in der Lage sei, einen Ausfall Haalands intern aufzufangen. „In diesem Sinne gibt es gar keinen klassischen Neuner mehr.“ Darüber hinaus sagte Zorc noch, dass beim BVB Handlungsbedarf auf dem Transfermarkt bestehe, falls Jadon Sancho den Verein in diesem Sommer verlasse.

Was hat BVB-Sportdirektor Michael Zorc nicht gesagt?

Dass Borussia Dortmund keinen zweiten Stürmer verpflichten wird. Der BVB-Sportdirektor versteht es wie fast kein anderer Manager in der Bundesliga, Aussagen zu treffen, die ihm eigentlich nie als Falschaussage zu einem späteren Zeitpunkt ausgelegt werden können, die dafür aber eigentlich immer eine Hintertür beinhalten. Zorc deutet an, dass der BVB in der Offensive gut genug aufgestellt ist, um auf einen weiteren Transfer in der Offensive zu verzichten. Der Vereinsrekord von 84 Toren in der vergangenen Bundesliga-Spielzeit gibt ihm erst einmal recht. Deswegen ist es aber nicht völlig ausgeschlossen, dass der BVB auf der Stürmer-Position doch noch einmal nachrüstet. Falls ein Stürmer kommen sollte, was freilich überhaupt nicht sicher ist, kann Zorc darauf verweisen, er habe lediglich gesagt, dass Borussia Dortmund in der vergangenen Saison nicht zu wenig Tore erzielt habe.

Was spricht für einen zweiten klassischen Mittelstürmer im BVB-Kader?

Die Zukunft und die Vergangenheit. Vor dem BVB liegt eine sehr intensive Hinrunde. Ab dem 11. September geht es, gerade für die Nationalspieler, Schlag auf Schlag. Haaland, norwegischer Internationaler und gerade 20 Jahre alt geworden, ist theoretisch alle vier Tage gefordert – und das auf höchstem Niveau. Als Alternativen stehen Thorgan Hazard, Julian Brandt, Marco Reus und aktuell noch Jadon Sancho parat. Youssoufa Moukoko, die 15-jährige Nachwuchshoffnung aus der eigenen Jugend, darf erst ab seinem 16. Geburtstag am 20. November für die erste Mannschaft auflaufen. Zorc warnte im „Kicker“ vor einer „zu großen Erwartungshaltung“.

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Hinter dem BVB liegt eine Saison, die er auch nur mit einem gelernten Stürmer bestritt. In der vergangenen Hinrunde, als der BVB-Stürmer Paco Alcacer hieß, ging es schief. BVB-Boss Hans-Joachim Watzke sprach auf der Mitgliederversammlung am 24. November öffentlich von einem „Fehler“ – und erklärte: „Wir hätten definitiv noch einer zweiter Nummer Neun verpflichten müssen.“ In der Rückrunde spielte dann trotzdem nur ein gelernter Stürmer für den BVB. Alcacer ging, Haaland kam. Der Plan ging auf. Der BVB schoss so viele Tore wie noch nie zuvor in einer Bundesliga-Saison.

Was spricht gegen einen zweiten echten Neuner im BVB-Kader?

In erster Linie das Geld, nicht die vielen Tore der Vorsaison oder die Alternativen im aktuellen Kader. Im Bericht für das Geschäftsjahr 2019/2020, das mit dem 30. Juni endete, klafft wegen der Folgen der Corona-Pandemie ein 45-Millionen-Euro-Loch. Für das nun laufende Geschäftsjahr ist nur wenig Besserung in Sicht. Der BVB muss nach einer Dekade des wirtschaftlichen Aufschwungs den Gürtel erstmals wieder enger schnallen. Die Kosten zu reduzieren, sei „das Gebot der Stunde“, sagt Sportdirektor Michael Zorc. Und Hans-Joachim Watzke, der Vorsitzende der Dortmunder Geschäftsführung, sagte Ende Juni im Gespräch mit den Ruhr Nachrichten: „Wir werden aufgrund der Tatsache, dass uns in allen Bereichen Einnahmen dramatisch weggebrochen sind und auch im kommenden Jahr weiter wegbrechen werden, keine großen Sprünge auf dem Transfermarkt machen. Auf der aufnehmenden Seite werden wir nicht viele Transfers abwickeln.“

In Jude Bellingham, für den der BVB 23 Millionen Euro plus mögliche Boni an den englischen Zweitligisten Birmingham City überweist, ist der Königstransfer dieses Sommers bereits abgewickelt. Thomas Meunier wechselt ablösefrei von Paris Saint-Germain nach Dortmund. Nun liegt das Hauptaugenmerk erst einmal darauf, noch den einen oder anderen teuren Spieler von der Gehaltsliste zu bekommen.

Was sagt BVB-Trainer Lucien Favre?

Der Schweizer hat seine Meinung bereits am 15. Juni klar geäußert. Auf der Pressekonferenz vor dem BVB-Heimspiel gegen den 1. FSV Mainz 05 (0:2) am 32. Spieltag der zurückliegenden Saison sagte Favre auf die Frage, ob der BVB in der kommenden Saison einen echten Neuner als Ersatz für Erling Haaland benötige: „Ja, ich denke, alle wissen das. Ich denke auch, das ist klar. Er ist 19 Jahre alt. Es ist normal, dass er manchmal müde ist, weil du eine englische Woche hast. Er kann es nicht allein machen, das ist klar. Wir haben gesehen, dass er noch aufwächst. Er war in der letzten Zeit schon zwei- oder dreimal verletzt, seit er da ist. Deshalb müssen wir aufpassen. Wir müssen dosieren, was er macht. Sonst wäre es gefährlich.“ Für Favre, der in sein drittes Jahr beim BVB geht und bislang nicht zwangsläufig für markante Aussagen auf Spieltagspressekonferenzen aufgefallen ist, waren das sehr deutliche Worte.

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Bis wann hat der BVB Zeit, um eine endgültige Entscheidung zu treffen?

Bis Anfang Oktober. Die Transferperiode endet in diesem Sommer wegen der Corona-Krise erst am 5. Oktober. Der BVB hat also alle Zeit der Welt, um sich ein genaues Bild zu verschaffen – zum einen über den tatsächlichen Bedarf für einen zweiten Stürmer, zum anderen über die Möglichkeiten auf dem Transfermarkt. Youssoufa Moukoko stößt ab Ende Juli zu den Profis, darf sich im Training beweisen, spielt bis zu seinem 16. Geburtstag allerdings weiter für die U19 des BVB. Noch weiß niemand, wie gut sich der 15-Jährige, der bei den Junioren insgesamt 128 Tore in 84 Partien für Dortmunds U17 und U19 erzielt hat, gegen gestandene Bundesliga-Verteidiger behaupten kann. Zudem wartet der BVB ab, welche Transfers er auf der Abgangsseite realisieren und wie viele Einnahmen er noch generieren kann. Bis also wirklich eine Entscheidung darüber fällt, ob der BVB auf der Stürmer-Position noch einmal nachlegt oder auf das bereits vorhandene Personal vertraut, dürften also einige Wochen ins Land ziehen.

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