Herrlich über den BVB: „Leistungsschwankungen waren das größte Problem“

Exklusiv-Interview

Im Exklusiv-Interview spricht Ex-BVB-Spieler Heiko Herrlich über die Ziele des FC Augsburg, die Mischung bei Borussia Dortmund und seine sportliche Zukunft.

Dortmund

, 26.09.2020, 07:00 Uhr / Lesedauer: 5 min
Heiko Herrlich erlebte erfolgreiche Jahre mit dem BVB.

Heiko Herrlich erlebte erfolgreiche Jahre mit dem BVB. © imago / Revierfoto

Neun Jahre lang hat Heiko Herrlich das schwarzgelbe Trikot getragen, ein Jahr nach dem Ende seiner Spielerkarriere begann er in Dortmund seine Trainerlaufbahn. Heute steht der 48-Jährige beim FC Augsburg an der Seitenlinie und möchte den Favoriten aus Dortmund ärgern. Im Exklusiv-Interview spricht er über die Ziele des FC Augsburg, die Mischung beim BVB und seine sportliche Zukunft.


Heiko Herrlich, Sie haben mit dem BVB die Meisterschaft, (1996, 2002), die Champions League und den Weltpokal (1997) gewonnen. Was aus dieser Zeit ist Ihnen besonders in Erinnerung geblieben?

Tolle Mannschaft, tolle Personen, tolle Trainer. Das war wirklich eine sehr schöne, erfolgreiche Zeit. Natürlich auch eine Zeit, in der es nach dem Champions-League-Sieg ein bisschen schwieriger wurde und es Rückschläge gab. Nach meinem Hirntumor und einer Gesichtsfraktur konnte ich mit dem Team nochmal Meister werden, ehe ich meine Karriere in Dortmund beendet habe. Ich konnte viel lernen von Spielertypen wie Matthias Sammer, Stefan Reuter, Steffen Freund, Jürgen Kohler, Andi Möller, Kalle Riedle - das war natürlich eine tolle Geschichte für mich.


Was haben Sie aus diesen Jahren mitgenommen?

Man hat in dieser Mannschaft gesehen, wie wichtig die Persönlichkeit ist, um Titel zu holen. Damals war nicht Bayern München die Topadresse, sondern Borussia Dortmund. Ich bin als Pokalsieger und junger Spieler von Mönchengladbach dazugekommen und habe sofort gemerkt, warum die Spieler so großen Erfolg hatten. Sie haben extrem für die Mannschaft gearbeitet, geschaut, dass sich jeder wohlfühlt im Team. Auf der anderen Seite haben sie aber auch viel gefordert von den Mitspielern und sich selbst. Das haben sie vorgelebt und sich wirklich 100 Prozent mit dem Verein identifiziert. Spieler wie Sammer, Reuter, Kohler kamen ja von größeren Vereinen. Mir ist vor allem auch hängengeblieben, wie wichtig die Identifikation mit dem Verein für den Erfolg ist. Und das hat angesteckt.

Stehen Sie noch mit einigen alte Bekannten aus Dortmunder Zeiten in Kontakt?

Stefan Reuter ist ja hier in Augsburg unser Geschäftsführer Sport, wir hatten über die Jahre eigentlich immer einen guten Draht. Den einen oder anderen sieht man dann, wenn man im Fußball unterwegs ist. Auch wenn man seine eigene Aufgabe hat, hat man natürlich immer noch mit dem einen oder anderen Kontakt. Matthias Sammer oder auch Ottmar Hitzfeld melden sich immer mal wieder bei mir, da freue ich mich natürlich immer besonders.

Erst als Spieler gemeinsam für den BVB auf dem Platz, später in der Trainer-Spieler-Konstellation, und auch heute ist der Kontakt nicht abgerissen: Heiko Herrlich (r.) und Matthias Sammer.

Erst als Spieler gemeinsam für den BVB auf dem Platz, später in der Trainer-Spieler-Konstellation, und auch heute ist der Kontakt nicht abgerissen: Heiko Herrlich (r.) und Matthias Sammer. © imago / Team 2

Worüber tauschen Sie sich dann so aus? Alte Zeiten, aktuelle Entwicklungen oder auch das nächste Duell gegen den BVB?

Eher nicht über alte Zeiten, sondern über inhaltliche Dinge. Was funktioniert, was nicht funktioniert, Spielercharaktere - aber die Zeit von damals ist jetzt kein Thema mehr. Da geht es eher um aktuelle Situationen und Entwicklungen.


Zur Ihrer aktuellen Situation: Wie bewerten Sie Ihre Vorbereitung mit dem FCA und den 3:1-Sieg zum Liga-Auftakt bei Union Berlin?

Vor dem Bundesliga-Auftakt war ja auch noch ein wichtiges Ergebnis, auch wenn es ein kleiner Gegner war: Wir haben 7:0 im Pokal gegen Eintracht Celle gewonnen. Das ist auch ein wichtiger Schritt, letztes Jahr sind wir in der ersten Runde gegen Verl ausgeschieden. Auch die erste Runde muss überstanden werden. Ich habe es mit Dortmund erlebt, wir sind gegen Wattenscheid als Deutscher Meister ausgeschieden. Und als Champions-League- beziehungsweise Weltpokal-Sieger gegen Eintracht Trier. Das haben wir diesmal souverän gelöst. Auch im ersten Spiel in Berlin, wo wir letzte Saison verloren haben und auch Dortmund ja schlechte Erfahrungen gemacht hat. Da geht es nicht um Schönheit. Die Art und Weise, wie wir versucht haben das zu lösen, war in Ordnung. Und die drei Punkte sind einfach wichtig für uns.

Wie schätzen Sie denn die aktuelle BVB-Mannschaft ein?

Man sieht, was für eine spielerische, fußballerische Qualität diese Mannschaft hat. Das kann man sich Woche für Woche anschauen, auch in der letzten Saison schon. Das ist ein Top-Kader mit unheimlichen Perspektiven. Ich freue mich auch, wenn Dortmund im Pokal und international weit kommt und am liebsten natürlich auch Meister wird. Bloß jetzt bin ich Trainer von Augsburg und möchte es mit meiner Mannschaft Dortmund so schwer wie nur möglich machen.


Mit welchem Rezept schaffen Sie und der FC Augsburg es denn am Samstag, den BVB zu knacken?

Wir müssen natürlich schauen, dass wir defensiv gut stehen und so wenig wie möglich zulassen, falls das überhaupt möglich ist. Die Geschwindigkeit gut verteidigen, dass die Bälle gar nicht erst in unsere Gefahrenzone kommen und natürlich auf eigene Möglichkeiten lauern. Und diese müssen dann natürlich konsequent umgesetzt werden. Es ist unheimlich schwer, das weiß man. Borussia Dortmund sollte auch nicht seinen allerbesten Tag erwischen.

Wie sehen Sie das Konzept des BVB, mit einer Mischung aus Routiniers wie Marco Reus, Mats Hummels und Axel Witsel sowie jungen Talenten wie Giovanni Reyna, Jude Bellingham, Erling Haaland oder Jadon Sancho an den Start zu gehen?

Das ist ein super Konzept, wenn man diese jungen Spieler mit Hilfe von älteren Spielern entwickelt. Ich habe im letzten Jahr schon gesagt, dass Mats Hummels ein wichtiger Faktor ist und sie eine gute Saison gespielt haben. Natürlich hat man mal schwächere Spiele wie gegen Union Berlin oder Paderborn, aber insgesamt denke ich, hat der BVB eine gute Saison gespielt. Die Leistungsschwankungen waren das größte Problem. Das ist bei einer Mannschaft mit so vielen jungen Spielern aber normal.

Der BVB ist für seine „verrückten“ Fans bekannt: Was machen Sie, falls Ihnen Freitagabend ein Dortmunder die Zahnpasta stibitzen sollte?

Ich habe vorgesorgt und eine zweite Tube versteckt.

Sie sind mit dem Vorfall im März sehr offen umgegangen und haben es offensiv thematisiert. War das eine Situation, die Sie und Ihre Mannschaft im Nachhinein enger zusammengebracht hat?

Ich kann nur für mich sprechen: Ich habe einen Fehler gemacht, gegen die selbst auferlegten Regeln verstoßen. Ab dem nächsten Tag wäre es möglich gewesen, dann hätte ich Einkaufen gehen dürfen, aber direkt vor dem ersten Spieltag eben nicht. Ich bin eigentlich jemand, der sich noch selber gerne die Zahnpasta kauft und nicht jemand anderen hinschickt. Und dass ich das dann auch noch selbst erzählt habe ... Aber da kann ich über mich selbst lachen! Natürlich habe ich mitbekommen, dass sich unheimlich viele weltweit darüber lustig gemacht haben. Wenn man mir das als Fehler anrechnet, kann ich Ihnen sagen, das wird nicht der letzte Fehler in meinem Leben gewesen sein. Ich habe nicht den Anspruch, fehlerlos zu sein - ich werde mein Bestes geben und wenn ich einen Fehler mache, versuche ich, dazu zu stehen.

Als Coach des FC Augsburg will Heiko Herrlich dem BVB heute die Bundesliga-Punkte streitig machen.

Als Coach des FC Augsburg will Heiko Herrlich dem BVB heute die Bundesliga-Punkte streitig machen. © dpa

Als Spieler standen Sie an der Spitze des deutschen, europäischen und internationalen Klub-Fußballs. Ist das ein Ziel, das Sie auch in Ihrer Trainer-Laufbahn anstreben? Würde es Sie reizen, in Zukunft mal einen internationalen Top-Klub zu trainieren?

Erstmal ist es grundsätzlich so, dass ich dankbar bin, überhaupt im Fußball arbeiten zu dürfen. Ich erachte das als Privileg. Ich hatte eine aktive Karriere als Profi, die ja nicht ganz unerfolgreich war mit dem Pokalsieg mit Leverkusen, dem Pokalsieg mit Gladbach, dann die tolle Zeit mit Borussia Dortmund, an der ich teilhaben durfte. Es ist etwas ganz Besonderes, wenn man danach auch noch in dem Bereich arbeiten darf. Deine athletischen Fähigkeiten, die du vorher gebraucht hast, nutzen dir im Trainerleben ja nichts mehr. Du brauchst andere Qualitäten. Ich fand es immer etwas ganz Besonderes, Jugendtrainer zu sein. In Dortmund war meine erste Stelle (Coach der BVB-U19 von 2005 bis 2007, Anm. d. Red.): Marcel Schmelzer hatte ich zwei Jahre, ihn habe ich vom Linksaußen zum linken Außenverteidiger umgemodelt. Und auch in den zwei Jahren, das war für mich eine unheimlich schöne, glückliche, erfüllende Zeit, an die ich gerne zurückdenke.


Gibt es da einen Moment, der Ihnen besonders in Erinnerung geblieben ist?

In meinem zweiten Jahr sind wir Westfalenpokal-Sieger geworden gegen Schalke 04, die von Norbert Elgert trainiert wurden und unter anderem Benedikt Höwedes in den Reihen hatten. Da habe ich mich unheimlich gefreut. Ich denke gerne an die Zeit zurück, weil: Die Gefühle, mit einer Mannschaft, mit Spielern zusammenzuarbeiten, sind zu 100 Prozent die gleichen. Wenn du mit Regensburg zweimal aufsteigst, oder mit Unterhaching bayerischer Pokalsieger wirst, oder mit Leverkusen ins Halbfinale des DFB-Pokals kommst. Das sind die gleichen Gefühle - das ist das, was mich antreibt: Als Trainer mit jungen Menschen, ob im Profi- oder im Jugendbereich, zusammenzuarbeiten. Das macht unheimlich Freude und hält einen selbst jung. Deshalb bin ich grundsätzlich erstmal dankbar. Aber natürlich bin ich auch ehrgeizig. Mit Leverkusen haben uns drei Punkte gefehlt, um in die Champions League zu kommen. So waren wir in der Europa League, in der wir zumindest auf Platz eins überwintert haben. Hier in Augsburg geht’s natürlich erst einmal darum, so früh wie möglich den Klassenerhalt zu schaffen und natürlich auch die anderen Mannschaften ein Stück weit zu ärgern.

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