Hochgelobte BVB-Offensive ist derzeit nur ein Schatten ihrer selbst

rnBorussia Dortmund

Laut Statistik stellt der BVB derzeit die zweitbeste Offensive der Bundesliga. Auf dem Rasen sieht es ganz anders aus: Dynamik, Power, Ideen - alles irgendwie futsch. Dafür gibt es mehrere Gründe.

Freiburg

, 06.10.2019, 11:30 Uhr / Lesedauer: 3 min

Ein unbekümmerter Tanz mit dem Ball. Eine Serie aus Spezialeffekten. Mitunter atemberaubend. Das alles taugte nicht selten als treffende Beschreibung für Borussia Dortmunds Offensivkünste. Es war vor einem Jahr, als der BVB sich leichtfüßig und unersättlich durch die Abwehrbollwerke der Bundesliga kombinierte. Es war die Zeit, als das ganze Angriffspotenzial dieser Mannschaft zu Tage trat.

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Es wälzte sich sogar mit einer solchen Wucht über den Rasen, dass es, da noch einmal personell mächtig verstärkt in diesem Sommer, gerade richtig krachen müsste in den Tornetzen der BVB-Gegner. So ist es aber nicht. Die Abteilung Attacke der Schwarzgelben wirkt stattdessen wie gefesselt. Dynamik, Power, Ideen - alles irgendwie futsch.

BVB-Kapitän Reus ist ein Schatten seiner besten Tage

Nach dem 2:2 in Freiburg wirkte Marco Reus, Anführer der BVB-Offensive, geknickt. Ratlos. „Es muss von der Qualität reichen, dass du hier gewinnst“, sagte er. Nur, was hilft es, wenn die unbestritten riesige Qualität nicht auf dem Platz zu sehen ist, wenn es darauf ankommt.

„Es muss von der Qualität reichen, dass du hier gewinnst.“
Marco Reus

Reus selbst ist derzeit nur ein Schatten seiner besten Tage. Der Kapitän lief viel, mehr als zwölf Kilometer, er zog auch etliche Sprints an. Nur fußballerisch rief er in Freiburg längst nicht das ab, was er zu leisten nachweislich imstande ist. Er schoss nur magere zweimal aufs Tor, lieferte keine einzige Torschussvorlage, packte keinen herausragenden Pass aus. In den zweiten 45 Minuten tauchte er sogar ab, nur 57 Ballkontakte binnen 90 Minuten sind für Reus ein unterirdischer Wert.

Auch Mario Götze stellte in Freiburg keine Gefahrenquelle dar. Trainer Lucien Favre, der ihn trotz zuvor starker Leistung gegen Bremen danach in der Champions League noch auf der Bank hatte schmoren lassen, gab Götze zwar das Vertrauen gegen den Sport-Club von Beginn an. Und Götze ackerte auch beachtlich. Aufs Tor aber schoss er nicht. Auch andersweitig versetzte er die Freiburger Defensive nicht in Alarmzustand.

Brandt wird ein- und wieder ausgewechselt

Julian Brandt erlebte einen noch bittereren Nachmittag. Erst auf der Ersatzbank, dann früh für den verletzten Lukasz Piszczek eingewechselt (14.), und kurz vor Schluss sogar wieder ausgewechselt. Dazwischen lagen wenige gute und etliche unglückliche Szenen. Brandts Fehlpassquote mündete bei satten 20 Prozent, zwei Drittel seiner Zweikämpfe verlor er. Thorgan Hazard war trotz wenig berauschender Leistung dank seiner Ecke, die zum 1:0 führte, und einiger mutiger Dribblings sowie einem tollen Fernschuss kurz vor der Pause noch der beste Offensive der Borussia.

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Einen Titel, den vor nicht allzu langer Zeit noch Jadon Sancho abonniert hatte. Der Jungstar, der in der Vorsaison zum heißesten Dribbler des Kontinents avanciert war, wirkt heute gehemmt. Überspielt. Nach einem guten Saisonstart ist ihm die Power verloren gegangen. Leistungsschwankungen sind nicht ungewöhnlich für einen 19-Jährigen, doch Sanchos Fallhöhe ist bemerkenswert. Eine halbe Stunde lang durfte er in Freiburg mitwirken, er blieb ohne Torschuss, ohne Tempodribbling. Der Schub, den der pfeilschnelle Engländer sonst quasi garantiert, sobald er losgelassen wird, er kam nicht. Sein Pass, den Hakimi zum abgefälschten 2:1 nutzte, war der einzige Lichtblick. Klug verteidigende Freiburger hatten ihn und die übrigen Dortmunder Angriffsbeauftragten weitestgehend unter Kontrolle. Nach Hakimis Treffer brachte der BVB in den verbleibenden 23 Minuten exakt null Torschüsse zustande.

BVB-Trainer Favre verordnet ein flexibles Jobprofil

Ob es nur an besonders bissigen Breisgauern lag, dass das Borussia-Spektakel vor allem im zweiten Durchgang nicht zur Entfaltung kam? Womöglich überfordert auch einige Profis das flexible Jobprofil, das Lucien Favre seinen attackierenden Mannen verordnet hat. Mal spielt Brandt in der Spitze, mal Götze, dann rochieren sie auf die Flügel und Hazard oder Reus ziehen nach vorn. Mal kommt Reus über links, mal aus dem Zentrum. Mal spielt Götze, dann sitzt er auf der Bank, Brandt geht es ebenso. Es wäre kein Wunder, wenn es da an Automatismen, an eingespielten Aktionen mangeln würde.

Hochgelobte BVB-Offensive ist derzeit nur ein Schatten ihrer selbst

Auf der Suche nach der Konstanz: Julian Brandt. © imago

Es ist dieser schmale Grat zwischen Unberechenbarkeit und Chaos, den der BVB noch finden muss. Oder wie es Mats Hummels nach dem 2:2 in Freiburg selbstkritisch nannte: „Mehr Spielintelligenz“ wäre gut. Denn wie er wusste auch Marco Reus: „Drei Unentschieden hintereinander, das ist zu wenig, ganz klar.“ Vor allem, wenn man bedenkt, welch mitreißender Balltanz mit dieser Offensive eigentlich möglich sein müsste. Sebastian Kehl, der Leiter der Lizenzspielerabteilung, gestand enttäuscht: „Wir sind nicht da, wo wir hinwollen.“ Und er schloss mit einer deutlichen Forderung: „Jeder einzelne muss da hinkommen, wieder besser Fußball zu spielen. Davon ist der eine oder andere im Moment ein Stück weit entfernt.“

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