Hopp und der DFB gegen die Ultras: Voll auf die Zwölf?

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Die Schmähungen in deutschen Fußballstadien gegen Dietmar Hopp hören nicht auf. Die Situation droht endgültig zu eskalieren, der BVB steckt mittendrin. Der Versuch einer Einordnung.

Dortmund

, 03.03.2020, 07:00 Uhr / Lesedauer: 5 min

Die Empörung war groß. Wieder einmal. Fritz Keller, seit September Präsident des Deutschen Fußball-Bundes (DFB), sprach nach den erneuten Schmähungen gegen Dietmar Hopp, den Mäzen der TSG Hoffenheim, von „Chaoten, die nichts mit Fußball zu tun haben“. Irgendwann sei es mal gut, sagte Keller im Aktuellen Sportstudio. „Wenn in der Vergangenheit vielleicht zu wenig gemacht wurde, dann wird es jetzt gemacht.“

Dietmar Hopp wird beleidigt: „Diese Leute haben in einem Fußballstadion nichts mehr verloren“

Karl-Heinz Rummenigge, der Vorstandsvorsitzende des FC Bayern München, äußerte sich ganz ähnlich. Nachdem das Spiel des Rekordmeisters in Sinsheim wegen Schmähungen aus der Gästekurve kurz vor dem Abbruch gestanden hatte, erklärte Rummenigge, er schäme sich zutiefst für „diese Chaoten“.

Man habe viel zu lange die Augen zugemacht und viel zu lange gestattet, was in Kurven passiert sei, nun müsse man mit „aller Intelligenz und Klarheit“ dagegen vorgehen. Und dann sagte er noch: „Diese Leute haben in einem Fußballstadion nichts mehr verloren – absolut gar nichts mehr.“

Wegen Hopp-Beleidigungen: Spielunterbrechungen in Dortmund, Berlin und Köln

Auch in Berlin, Köln und Dortmund kam es zu Spielunterbrechungen und Stadiondurchsagen. Es gab geplante Aktionen mehrerer Ultra-Gruppen. Vergangene Woche wurde die Partie zwischen Borussia Mönchengladbach und der TSG Hoffenheim unterbrochen. Hopps Konterfei im Zentrum eines Fadenkreuzes, „Hurensohn“-Transparente und -Sprechchöre: Die Bilder ähneln sich, die Reaktionen der Klub-Verantwortlichen auch. Die Schmähgesänge und verstörenden Banner hätten in den Stadien nichts verloren, so der Tenor.


BVB-Sportdirektor Michael Zorc fasste die Lage treffend zusammen: „Bislang hat die Bundesliga dieses Problem nicht in den Griff bekommen. Wir werden das Thema jetzt sicherlich auch intern besprechen, vielleicht auch die Klubs untereinander. Wir haben jetzt einen Punkt erreicht, der so nicht mehr zu tolerieren ist. Wenn du auf verschiedenen Plätzen auf der Schwelle zum Spielabbruch stehst, dann ist das nicht im Sinne des Fußballs. Es ist scheiße.“

Ärger mit Hopp und dem DFB: Worum es den Ultras wirklich geht

Das Problem, das Zorc anspricht, ist komplexer, als es viele Funktionäre darstellen wollen – und bei aller Aufregung um die neue Eskalationsstufe wurde am Wochenende häufig vergessen, worum es den Ultras eigentlich geht. Dafür sind die Ultras in erster Linie selbst verantwortlich, weil ihr Protest weit unterhalb der Gürtellinie stattfindet und die Beleidigungen gegen Dietmar Hopp und die Fadenkreuz-Banner nicht tolerierbar sind.

Zum anderen geben aber auch die Funktionäre um Keller oder Rummenigge kein gutes Bild ab, wenn sie den Eindruck vermitteln, dass sie wirklich glauben oder glaubhaft machen wollen, dass sich der Protest der Ultras in erster Linie gegen die Person Dietmar Hopp richtet. So ist es nicht.

Fehde mit BVB-Ultras: Dietmar Hopp ist längst zum Symbol geworden

Hopp ist längst zum Symbol geworden, es hätte genauso gut Dietrich Mateschitz, den Red-Bull-Chef, treffen können, Hopp war nur eher da und hat sich gegen die Ultras, auch juristisch und insbesondere gegen die des BVB, zur Wehr gesetzt. Er hat den Gästeblock in Sinsheim mal 90 Minuten lang beschallen lassen, er hat auch mal Richtmikrofone und hochauflösende Kameras zur Überwachung des BVB-Blocks in der PreZero Arena aufbauen lassen, um Einzeltäter identifizieren zu können.


In erster Linie ist Hopp sicherlich Opfer, aber ein Heiliger ist er trotzdem nicht, auch wenn es seine Fürsprecher gerne so aussehen lassen möchten. Dabei sind Hopps Verdienste für die Gesellschaft unbestritten, der Punkt ist nur, dass es seine „Verdienste“ für den deutschen Fußball deshalb nicht automatisch auch sind – und manchmal wirkt Hopp mit seiner Vorgehensweise im Fußball ein bisschen wie jemand, der sich eine teure Penthouse-Wohnung im Szeneviertel gekauft hat, weil dort so viel Leben und Flair herrscht, sich dann aber darüber beschwert, dass es nach 22 Uhr zu laut ist.

Kulturkampf der Ultras: Im Kern geht es nicht um Hopp

Im Kern – und das wird bei der Suche nach Lösungen für das Problem zu oft vergessen – geht es trotzdem nicht um Hopp, auch wenn die jüngsten Vorkommnisse in der Bundesliga einen anderen Eindruck vermitteln. Die Schmähungen gegen Hopp sind vielmehr das nächste Kapitel des Kulturkampfes, den die Ultras gegen den DFB und die Deutsche Fußball Liga (DFL) führen.

Es ist eine lange Auseinandersetzung über die Kommerzialisierung des Fußballs, über die 50+1-Regel, die Hopp in Hoffenheim bestenfalls auf dem Papier einhält, über die Zerstückelung des Spieltags und auch über Kollektivstrafen seitens des DFB gegen Fans.


Das jüngste Urteil des DFB-Sportgerichts vom 21. Februar, den BVB wegen erneuter Hopp-Schmähungen während des Spiels bei der TSG Hoffenheim am 20. Dezember 2019 in den kommenden beiden Spielzeiten ohne Gästefans in Sinsheim antreten zu lassen, genügte Ultras im ganzen Land, um sich mit den BVB-Fans zu solidarisieren und eine neue Protestwelle loszutreten. Die Ultras werfen dem DFB Wortbruch vor, weil dieser die Kollektivstrafe im August 2017, damals noch unter der Führung Reinhard Grindels, eigentlich für abgeschafft erklärt hatte, nun aber wieder einführt.

Hopp und der DFB gegen die Ultras – Fronten sind verhärtet

Die Fronten sind einmal mehr verhärtet – und in der kurzen Zeit seit dem 21. Februar sind viele Fehler gemacht worden. Zweifelsohne von den Ultras, die sich für einen fantasievolleren und kreativeren Protest hätten entscheiden können als für Fadenkreuz-Banner und stumpfe Beleidigungen gegen Hopp. Allerdings auch von Leuten wie Fritz Keller, die diese Banner und Beleidigungen in Verbindung mit dem rechtsterroristischen Anschlag in Hanau am 19. Februar brachten, bei dem zehn Menschen ums Leben kamen.

Dabei wurde offenkundig vergessen, dass sich die meisten Ultra-Gruppierungen entschieden gegen Rassismus einsetzen und ihre „Nazis raus“-Rufe nach den Schweigeminuten für die Toten von Hanau aus den Stadien bis in die Gesellschaft hallten.

BVB-Fanszene schlägt bewusst radikalen Weg gegen Hopp und den DFB ein

Wer sich in der Dortmunder Fanszene umhört, erfährt, dass der radikale Weg unter der Gürtellinie bewusst eingeschlagen worden ist, obwohl es durchaus Bewegungen in der Fanszene gab und gibt, die auf einen sachlicheren Protest pochen. Man ist sich durchaus bewusst, dass die Transparente und die Wortwahl nicht in Ordnung sind, aber man verspricht sich von der harten Tour die größte Aufmerksamkeit – und wer den Status quo betrachtet, kann durchaus zu dem Schluss kommen, dass der Plan zumindest in dieser Hinsicht aufgegangen ist, auch wenn es die Beleidigungen und Banner freilich nicht besser werden lässt.

Die große Frage lautet, wie es nun weitergeht, welche Lösungen es geben kann. Am Samstag spielt Borussia Dortmund bei Borussia Mönchengladbach. Es ist keineswegs ausgeschlossen, dass die Situation weiter eskaliert.

BVB will tolerierbaren Protest gegen Hopp und den DFB herbeiführen

Das Jetzt-erst-recht-Lager in der Dortmunder Fanszene ist am vergangenen Wochenende nicht kleiner geworden. Der BVB versucht, in Gesprächen mit dem eigenen Anhang einen tolerierbaren Protest gegen Hopp und den DFB herbeizuführen. Der DFB droht währenddessen mit Spielabbruch und letzten Endes mit Punktverlust, falls die Schmähungen gegen Hopp kein Ende finden.

Den Vorwurf, den sich der DFB dabei gefallen lassen muss, lautet, dass er erst oder ausgerechnet im Fall Hopp, der mit seinem Milliarden-Vermögen neben der TSG Hoffenheim auch den Deutschen Fußball-Bund sowie den FC Bayern München unterstützt, zu einer Null-Toleranz-Politik findet, während er in der Vergangenheit so oft auf beiden Augen blind und auf beiden Ohren taub war, wenn es in deutschen Stadien zu homophoben, sexistischen oder rassistischen Beleidigungen kam. Die neue und ungeahnt konsequente Vorgehensweise des DFB wird zukünftig der Maßstab für sämtliche Vergehen in den Stadien der Republik sein müssen, um den Eindruck einer „Lex Hopp“, der bei vielen Fans durchaus im Raum steht, zu entkräften.

Schmähgesänge gegen Hopp auch von der breiten Masse?

Damit einher geht die Frage, wie groß Dietmar Hopps Akzeptanz und wie groß die Ablehnung gegen die Schmähungen in den Fußballstadien der Bundesliga tatsächlich ist. Einen ersten Eindruck darüber gab es am vergangenen Wochenende im Signal Iduna Park. Zunächst gingen die Schmähgesänge gegen Hopp nur vom harten Kern auf der Südtribüne aus. Nach der von Schiedsrichter Robert Hartmann veranlassten Stadion-Durchsage und dem angedrohten Spielabbruch entlud sich der Ärger vieler Tausend Fans.

Die Anti-Hopp-Sprechchöre wurden zunächst lauter anstatt leiser, bevor sie wieder verstummten. Auch auf den Sitzplätzen sprangen Leute auf und schimpften – allerdings nicht über die Schmähgesänge, sondern über den DFB und seinen Drei-Stufen-Plan.

Es bleibt nicht viel Zeit, um die aufgewühlten Gemüter wieder zu beruhigen. Vernunft wäre ein guter Ratgeber. Das große Dilemma aber ist, dass der Zeitpunkt für eine Rückkehr zu Kommunikation statt Konfrontation eigentlich auf allen Seiten längst verpasst scheint.

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