„Ihr müsst die Reset-Taste drücken“

DORTMUND Es gibt Dinge, die werden uns erst im Nachhinein bewusst: Zum Beispiel, wie sehr wir die EM-Fußballabende mit Jürgen Klopp (41) vermissen. Seit fünf Tagen ist Klopp nicht mehr TV-Experte, sondern Bundesliga-Trainer beim einstigen Champions League-Sieger Borussia Dortmund. Ob sie ihn im Ruhrpott irgendwann vermissen werden, wenn er nicht mehr da sein sollte, wird sich weisen. Ein Antrittsgespräch.

von Das Gespräch führte Sascha Fligge

, 06.07.2008, 14:50 Uhr / Lesedauer: 4 min
Jürgen Klopp: „Training ist keine Tablette.“

Jürgen Klopp: „Training ist keine Tablette.“

Herr Klopp, nehmen wir mal an, Sie als Diplom-Sportwissenschaftler hätten die Möglichkeit, wieder einen Tag an der Unizu verbringen. Man bietet Ihnen a) eine Didaktik-Vorlesung, b) ein Trainingswissenschafts-Seminar und c) den Eingangstest mit dem gefürchteten Sprung vom Einmeterbrett an. Was wählen Sie?Jürgen Klopp: Es fallen im Eingangstest zwar viele Bewerber wegen des Sprunges vom Einmeterbrett durch. Aber damit locken Sie mich nicht. Ich habe Wasserspringen geliebt. Auerbach & Delphin sind meine zweite Heimat. Ich wähle Trainingswissenschaften.

Was macht gerade dieses Themenfeld so interessant?Klopp: Es ist ständigen Veränderungen unterworfen. Talentiert waren Fußballer ja immer. Aber heute ist die Trainingslehre so weit, dass sie Kicker dazu bringt, Top-Technik bei höchster Geschwindigkeit zu zeigen.

Welche Veränderung in der Lehre war die wichtigste der jüngeren Vergangenheit?Klopp: Es gibt heute Pausen.

Ein bisschen genauer, bitte.Klopp: Früher wurde trainiert bis zum Erbrechen. Mittlerweile ist das Prinzip der Superkompensation bekannt (es beschreibt unter anderem, wie der Körper schon während der Erholungsphase nach einer Belastung auf ein höheres Ausgangsniveau geführt werden kann, d. Red.). Training ist keine Tablette, die du einwirfst, und dann wirst du schnell. Ohne Pausen trainierst du dich in den Keller und erzielst keine oder nur eine verfehlte Wirkung.

Sie haben Ihre Wirkung beim Fernsehzuschauer nicht verfehlt. Was haben Ihnen die drei Jahre beim ZDF gebracht?Klopp: Freunde.

Und als Trainer?Klopp: Gar nichts. Ich habe als TV-Experte das gemacht, was ich mir als Trainer durch viele, viele Videositzungen beigebracht habe. Ich habe das Spiel analysiert. Das ist im Grunde dasselbe wie in einer Kabine. Nur mit dem Unterschied, dass ich es beim ZDF dem Urs und dem Johannes (Meier bzw. Kerner, d. Red.) erklärt habe und 30 Millionen Menschen dabei zuschauen konnten.

Ganz nebenbei muss das eine Art Einführung in den Sportjournalismus gewesen sein.Klopp: Nein. Schon während meiner Studienzeit habe ich ein Praktikum bei SAT1 gemacht. Gemeinsam mit Martin Schwalb (Trainer des Handball-Bundesligisten HSV Hamburg, d. Red.). Als der mir aus 30 Metern ein Cola-Fläschchen in den Mund geworfen hat, konnte noch niemand ahnen, dass wir beide mal Bundesliga-Trainer werden. Ich habe hohen Respekt vor Ihrem Beruf. Ganz ehrlich. Selbst in negativen Phasen. Das bedeutet aber nicht, dass ich jede Frage eines Journalisten toll finde.

Die Zeit beim ZDF ist beendet. Werden Sie etwas vermissen?Klopp: Die Leute – ja. Aber sonst nichts. Nee. Ich habe es noch nie gebraucht, auf der Bühne zu stehen. Und daran wird sich auch nichts ändern.

Die Fans kennen Sie nur als den offenen, lächelnden Trainer. Das birgt die Gefahr, dass viele gar nicht glauben, es könnte da noch einen anderen Jürgen Klopp geben.Klopp: Den anderen gibt's! Definitiv.

Wir würden gerne den Jähzornigen sehen.Klopp: Ich wünsche Ihnen den Tag nicht, an dem's passiert. Natürlich kann ich so sein. Googlen Sie mal Bilder von mir: Sie werden mehr finden, auf denen ich aussehe, als würde ich einen killen, als solche, auf denen ich jemanden umarme. Trotzdem habe ich mit ein wenig Abstand in der Regel einen positiven Ansatz zu jedem Thema. Ich verstehe das Leben als Geschenk. Es ist besser gelaufen als erwartet – bis hierhin.

Ihr Credo?Klopp: Alle Probleme abseits des Themas „Krankheiten“ sind zu lösen. Punkt.

Ist das Verlassen der behüteten Zone Mainz auch mit Zweifeln verbunden gewesen?Klopp: Sie vergessen, dass dort viel mehr Verantwortung auf mir lastete als in Dortmund. Als ich mit Mainz in der Bundesliga sieben Spiele in Serie verloren habe, sagten alle erstaunt: „Er darf weitermachen.“ Ich weiß auch nicht, ob es jemanden in der Liga-Geschichte gegeben hat, der sieben Mal in Serie verlieren durfte und beim achten dann nicht im Urlaub war. Ich hingegen musste das achte Spiel mit einer völlig verunsicherten Mannschaft, die ohnehin ständig am Limit spielte, gewinnen. Das war kein Traaumjob, sondern eine riesige Herausforderung. Um zu Ihrer Ausgangsfrage zurückzukommen: Ich habe nicht das Gefühl, dass ich jetzt einen geschützten Raum verlasse. Ich bewege mich auf sicherem Terrain. Das, was ich mache, kann ich.

Empfangen wurden Sie in Dortmund mit riesiger Euphorie. Manch eine Zeitung schrieb – wie ein Messias.Klopp: Das ist Blödsinn. Ein paar Leute haben „Jürgen Klopp“ gerufen, das ist mir nicht entgangen. Wir TV-Experten waren während der EM in jedem Wohnzimmer groß im Bild, die Spieler ganz klein. Es ist ein normaler Reflex der Menschen, in dieser Form auf jemanden zu reagieren, der so oft im Fernsehen war.

Ein temporäres Schauspiel?Klopp: Ja. Zurzeit wirkt es so, weil Saure-Gurken-Zeit ist. Aber das geht vorbei. Die Leute verbinden Hoffnungen mit mir. Ich bin aktuell der, der vorne weg rennt. Die Spieler haben nun alle Chancen, ebenfalls in dieses Fahrwasser zu kommen.

Dortmund verzeichnet sieben Neuzugänge, deren Durchschnittsalter liegt zwischen 22 und 23 Jahren, insgesamt waren sie rund elf Millionen Euro teuer. Angesichts solcher Parameter muss das neue Team nicht unbedingt die ganze Liga aufmischen, oder?Klopp: Die Voraussetzungen sind jedenfalls nicht so schlecht, dass wir befürchten müssten, gleich nach hinten durchzurutschen. Aber alle sollten ihre Erwartungen neu einordnen. Wenn diese Mannschaft eine vernünftige Erwartungshaltung haben darf, dann gibt es die Möglichkeit, gemessen an diesem Realismus erfolgreich zu sein. Wenn sie von Anfang an einer überzogenen Erwartungshaltung hinterher rennt, hat sie gar keine Chance. 

Was sollte realistisch sein?Klopp: Wir müssen Erlebnis-und nicht Ergebnisfußball spielen. Wir müssen den Leuten was mitgeben, wo sie sagen: So, das nächste Woche noch einmal – dann gewinnen wir schon wieder. Wissen Sie, ab einem gewissen Zeitpunkt rede ich nicht mehr über Qualität oder Potenzial.Ich rede dann darüber, dass es kein Gegner einfach haben darf gegen uns und ob ich das, was der Trainerstab einfordert, im Endeffekt auch gesehen habe.

Haben Sie den Spielern schon ihren kleinsten gemeinsamen Nenner mitgeteilt?Klopp: Ja. Einsatz und Leidenschaft am Limit. Spitz formuliert: Geht ein Fan aus dem Stadion und sagt „Aber laufen und kämpfen hätten sie wenigstens können“, dann hätten wir alles falsch gemacht. Mannschaften, die im Moment investieren ohne Ende, können wir an diesem einen Tag schlagen. Das bedeutet nicht zwangsläufig, dass wir im Schlussklassement vor ihnen liegen. Aber an diesem einen bestimmten Tag muss das möglich sein. Der Rest interessiert mich aktuell nicht. Ich will, dass die Leute erkennen: Borussia Dortmund spielt zu Hause – vor 80.000 Zuschauern. Oder auswärts – und bringt 5000 Fans mit. Wenn Platz ist auch 10.000. Wenn wir scheiße kicken, bleiben die Plätze leer.

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