Jörg Schmadtke: "Ich weiß nicht, wie es ausgeht"

BVB-Gegner Köln

"Es ist immer schön, nach Dortmund zu kommen", sagt Jörg Schmadtke (53) vor dem Gastspiel des 1. FC Köln heute im Signal Iduna Park (15.30 Uhr). Tobias Jöhren hat sich mit dem Geschäftsführer Sport der Geißböcke über das Duell gegen den BVB, Extremsituationen und Fußball auf der europäischen Bühne unterhalten.

DORTMUND

, 29.04.2017, 11:30 Uhr / Lesedauer: 3 min
Jörg Schmadtke: "Ich weiß nicht, wie es ausgeht"

Kölns Manager Jörg Schmadtke attestiert dem BVB eine "überragende Offensive".

Haben Sie Mittwochabend Fußball geschaut? Ich war zur Spielerbeobachtung unterwegs, aber mit einem Auge konnte ich das Spiel zum Glück sehen.

Und was hat das eine Auge für einen BVB gesehen? Ich habe mal wieder eine überragende Offensive gesehen, getragen von einer sehr ordentlichen Defensive. Das Umschaltspiel des BVB war wirklich atemberaubend.

Haben Sie dem BVB den Finaleinzug nach den Ereignissen der letzten Wochen gegönnt? Der Anschlag auf den BVB hat bei mir eigentlich keine Veränderung in der Wahrnehmung des Klubs ausgelöst. Wenn Sie mich fragen, ob ich es dem BVB wegen des Anschlags mehr gegönnt habe, dann klingt das ein bisschen nach Mitleid. Und Mitleid ist der falsche Begleiter. Aber ich habe mich sehr darüber gefreut, dass es so scheint, als habe die Mannschaft relativ zügig und weitestgehend zur Normalität zurückgefunden. Denn ich weiß, dass genau das sehr schwierig sein kann, wenn eine Mannschaft ein traumatisches Erlebnis erfahren musste.

So absurd der Gedanke zunächst vielleicht sein mag: Glauben Sie, dass die Vorkommnisse rund um das Monaco-Spiel mittel- und langfristig vielleicht sogar einen positiven Einfluss auf den sportlichen Erfolg des BVB haben? Stichwort mannschaftliche Geschlossenheit. Jetzt fordern Sie den Hobby-Psychologen in mir. Da bin ich zu wenig Fachmann, um mich aus dem Fenster lehnen zu können und irgendwas vermeintlich Superschlaues daherzureden, das am Ende vielleicht dann doch völliger Blödsinn ist.

Ich frage deshalb, weil Sie 2009 als sportlicher Leiter von Hannover 96 nach dem Tod von Robert Enke ebenfalls ein traumatisches Erlebnis mit Ihrer Mannschaft bewältigen mussten. Das stimmt. Aber ich denke, dass der Fall damals anders gelagert war. Auch der Hintergrund war ein völlig anderer. Auf der einen Seite ein Suizid, auf der anderen Seite ein hinterhältiger Anschlag. Das kann man nicht vergleichen. Aber es waren jeweils Extremsituationen für die Vereine, die Verantwortlichen, die Spieler.

Was machen solche Extremsituationen mit einer Mannschaft, einem Verein? Das Interessante und gleichzeitig das Problematische ist, dass man es überhaupt nicht verallgemeinern kann. Sie können ja nicht irgendeinen Ordner aus dem Regal ziehen und sagen: So, jetzt schlagen wir Kapitel Nummer zwölf auf und orientieren uns daran. Am Ende hängt es von den Protagonisten, den Beteiligten ab. Und mit Trauerbewältigung geht sowieso jeder Mensch völlig anders um. Es gibt keine Pauschal-Hilfsmittel. Man muss sehr individuell hinschauen. Man muss herausfinden, was für wen das beste Hilfsmittel ist.

Sprechen wir übers Sportliche. Glauben Sie, dass es nach dem Dortmunder Finaleinzug am Mittwoch nun besonders schwierig ist, beim BVB etwas mitzunehmen? Schwer zu sagen. Fest steht: Die Dortmunder sind angriffslustig, die Dortmunder sind sehr heimstark. Das wissen wir ja alle. Wozu dieser Finaleinzug führt, wird sich zeigen. Entweder zu absoluter Leichtigkeit oder vielleicht auch zu einem etwas zu entspannten Handeln. Diese beiden Möglichkeiten gibt es. Leichtigkeit würde die Aufgabe erschweren, zu entspanntes Handel würde sie vielleicht ein kleines Stückchen leichter für uns machen.

Zumindest die Statistik darf den FC hoffnungsvoll stimmen. In den vergangenen fünf Spielen gegen den BVB gab‘s zwei Siege und drei Unentschieden. Warum hat Köln sich zuletzt gegen den BVB so leicht getan? Das ist eines dieser großen Geheimnisse des Sports. Ich kann es nicht beantworten.  

Aber Sie nehmen es wahrscheinlich gerne so mit. Punkte gegen Dortmund, ja klar. Immer. Aber am Ende bringt uns die Statistik gar nichts. Und die vergangenen fünf Spiele gegen den BVB helfen uns auch nicht. Fest steht außerdem: In Dortmund hat der 1. FC Köln seit 1991 nicht mehr gewonnen. Die Statistik ist jetzt deutlich weniger schön.

In der Tabelle steht der FC derzeit auf Rang acht. Einen Punkt hinter Werder Bremen auf Platz sieben, der für Europa reichen würde, falls Borussia Dortmund den DFB-Pokal gewinnen sollte. Sind Sie am 27. Mai BVB-Fan? Wenn Frankfurt in der Abschlusstabelle einen der ersten sechs Plätze belegt, ist es mir fast egal, wer den DFB-Pokal gewinnt. (lacht) Dann kann ich ja neutral sein. Sollte Frankfurt nur Achter oder Neunter werden, könnte es natürlich sein, dass ich eine noch größere Sympathie für den BVB hege, als ich es von Hause aus sowieso schon tue.

Wie groß ist denn der Glaube daran, dass der FC nächste Saison nach 25 Jahren Abwesenheit wieder auf der europäischen Bühne Fußball spielt? Sie müssen nur aufs Tableau schauen. Es ist extrem eng. Selbst Schalke auf Platz elf hat noch Chancen. Sie haben also mindestens sechs Mannschaften, die sich um den einen oder eben die zwei Plätze streiten. Ich weiß nicht, wie es ausgeht. Und gute Prognosen konnte ich noch nie abgeben. (lacht)

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