Für den BVB geht es im kommenden Jahr nur in der Europa League weiter. © dpa
Meinung

Lissabon-Desaster: Der zweite BVB-Anzug gibt einfach nicht mehr her

Der BVB erlebt in Lissabon ein Desaster. Das Aus in der Champions League wird der Klub auf allen Ebenen zu spüren bekommen. Die bittere Erkenntnis: Der zweite Anzug gibt einfach nicht mehr her.

Der Schock stand allen ins Gesicht geschrieben, der „Worst Case“ ist eingetreten. In einer Gruppe, die Borussia Dortmund auch vom eigenen Selbstverständnis her mindestens auf Platz zwei beenden wollte, hat sich der BVB nicht für das Achtelfinale der Champions League qualifiziert. Das ist ein Schlag in die Magengrube für den letztjährigen Viertelfinalisten, eine herbe Enttäuschung, die er sich auch noch selbst zuzuschreiben hat.

Der zweite BVB-Anzug gibt einfach nicht mehr her

Am Ende hat der BVB das Weiterkommen nicht verdient. Ja, der Borussia fehlten auch in Lissabon wichtige Eckpfeiler dieses Teams, einige standen auf dem Platz, die wenig bis gar keinen Rhythmus hatten, mal wieder musste Trainer Marco Rose umstellen. Als alleinige Erklärung und Entschuldigung für das Ausscheiden wäre das aber viel zu billig. Fehler wie der von Nico Schulz dürfen auf diesem Niveau einfach nicht passieren, egal, wie lange ein Spieler verletzt war. Die bittere Erkenntnis aus diesem K.o. für die Königsklasse ist daher die, dass der zweite Anzug einfach nicht mehr hergibt. Und auch in dieser Gruppe verdienen die Spieler gutes Geld und haben den Anspruch, auf diesem Niveau auch mitspielen zu wollen – und mithalten zu können. Davon war Dortmund in Lissabon aber weit entfernt.

Besorgniserregend ist, dass der BVB-Auftritt in Portugal nicht einmal unerwartet kam. Nicht zum ersten Mal war Dortmund auch der mentalen Aufgabe nicht gewachsen. Eigentlich ganz ordentlich im Spiel, leistete sich Emre Can einen unverzeihlichen Aussetzer, die Rote Karte war zwar diskutabel, aber wie Marco Rose nach der Partie meinte: „Wir dürfen den Schiedsrichter gar nicht in die Situation kommen lassen, diese Entscheidung treffen zu müssen.“ Can erwies seiner Mannschaft einen Bärendienst, weil er seine Nerven nicht unter Kontrolle hatte. Das ist ihm auch nicht zum ersten Mal passiert und hat sehr wenig mit dem Habitus eines Mentalitätsspielers zu tun, der Zeichen setzen will.

Champions-League-Aus wird der BVB auf allen Ebenen spüren

Das Thema begleitet den BVB ohnehin schon seit Jahren. Roses Anmerkungen zum Spiel waren von entwaffnender Deutlichkeit. Konsequenter und kompromissloser müsse seine Mannschaft spielen, hat er nach einem Spiel gesagt, wo sich jeder vorher der besonderen Bedeutung bewusst gewesen sein muss. Rose fiel dann selbst auf, dass er diese Attribute in seiner kurzen BVB-Zeit schon viel zu oft einfordern musste. An der Umsetzung in den wichtigen Spielen hapert es jedoch weiterhin.

Die Auswirkungen einer Saison in der Königsklasse, in die der Klub mit zwei Siegen perfekt gestartet ist, wird die Borussia auf allen Ebenen spüren. Sportlich, wo man sich nun auf einen Wettbewerb einlassen muss, auf den das Scheinwerferlicht der Öffentlichkeit nicht so hell strahlt. Wie motiviert wird ein Erling Haaland sein, wenn die besondere Champions-League-Hymne nicht gespielt wird? Dieser junge Spieler will Titel gewinnen, hat das Scheitern in der Gruppenphase daher gar Auswirkungen auf die Entscheidung über seine Zukunft, die er im Sommer treffen wird?

Marco Rose und der BVB stehen unter verschärfter Beobachtung

Auch wirtschaftlich kommt der Königsklassen-K.o. einem Desaster gleich. Selbst der Gewinn der Europa League würde den BVB auf der Einnahmeseite nicht ansatzweise in die Nähe der rund 83 Millionen Euro bringen, die man im vergangenen Jahr international verdiente. Die Schrammen, die Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke angesichts der unvermindert akuten Corona-Pandemie für die kommenden Monate vorhergesagt hat, werden nun tiefer sein, mehr schmerzen und länger brauchen, um zu heilen.

Mit der Niederlage in Lissabon muss auch Marco Rose seinen ersten herben Rückschlag als BVB-Trainer hinnehmen. Keine Frage, die Unruhe wird wachsen – Rose und die Mannschaft werden in den kommenden Wochen unter verschärfter Beobachtung stehen. Gerüchte über Unzufriedenheit in der Kabine sind bereits in der Welt, sie lassen sich nur durch Erfolg und positive Ergebnisse stoppen. Rose weiß, dass auch er liefern muss.

Über den Autor
BVB-Redaktion
Dirk Krampe, Jahrgang 1965, war als Außenverteidiger ähnlich schnell wie Achraf Hakimi. Leider kamen seine Flanken nicht annähernd so präzise. Heute nicht mehr persönlich am Ball, dafür viel mit dem Crossbike unterwegs. Schreibt seit 1991 für Lensing Media, seit 2008 über Borussia Dortmund.
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Dirk Krampe